Bernhard Bartsch

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Geschäft mit der Eltern-Angst

Das Rote Kreuz stattet chinesische Schüler mit GPS aus – profitieren tun andere.

Die Meldung ging um die Welt: Das Rote Kreuz will Chinas Kinder mit GPS-Sendern ausrüsten, um sie vor Entführungen zu schützen. 20 000 Geräte seien bereits kostenlos verteilt worden, berichtete Pekings Rote-Kreuz-Stiftung vor zwei Wochen stolz der Presse. Bis Jahresende sollten mindestens 100 000 Apparate im Einsatz sein.

Der Plan, der ein wenig an Fußfesseln für Kriminelle oder Ortungssender für Pinguine erinnert, erschien vielen als eine Hightech-Lösung für ein verbreitetes Problem. Jedes Jahr werden in China tausende Kinder verschleppt und landen auf dem grauen Adoptionsmarkt, der nicht zuletzt aufgrund der Kinderknappheit infolge der Geburtenkontrolle floriert. Tausende besorgte Eltern bemühen sich seitdem darum, eines der Geräte zu ergattern – im fest Vertrauen darauf, dass hinter einer Aktion des Roten Kreuzes auch nur beste Absichten stecken können.
Doch weit gefehlt: In Wahrheit hat sich das Rote Kreuz von cleveren Unternehmern instrumentalisieren lassen, die in der Angst der Eltern ein profitables Geschäft sahen, wie Recherchen der FR belegen. Denn bei dem vermeintlich kostenlosen Rettungsgerät handelt es sich eigentlich um ein Kinderhandy, wie es mehrere chinesische Mobilfunkanbieter wie China Unicom seit Jahren auf den Markt zu bringen versuchen, bisher jedoch ohne großen Erfolg.

Das Gerät, das einer großen Armbanduhr ähnelt, erlaubt Kindern, vier eingespeicherte Nummern anzurufen und über einen SOS-Knopf eine Hilfe-SMS abzusenden. Eltern können im Internet auf einer Karte jederzeit verfolgen, wo sich ihr Kind befindet. Doch dafür müssen sie erst einen zweijährigen Service-Vertrag für 840 Yuan (94 Euro) abschließen, ohne den das vermeintlich kostenlose Gerät nicht funktioniert. Bei intensiver Benutzung kommen weitere Kosten hinzu, ganz wie bei einem üblichen Mobilfunkvertrag.

Doch die niedrigen Produktionskosten für die Kinderhandys, die Brancheninsider auf rund umgerechnet fünf bis acht Euro schätzen, erlauben eine großzügige Profitspanne. Hauptgewinnerin dürfte die Unternehmerin Xianyu Yingying sein, die im Vorstand der Pekinger Rote-Kreuz-Stiftung sitzt und gemeinsam mit dieser die Stiftung Hongxian (wörtlich: „Rote-Linie“) gegründet hat, welche die angeblichen Rettungsgeräte verteilt.

Weder das Rote Kreuz noch Xianyu wollen dazu Interviews geben. Die Meldeadresse von Xianyus Firma, die Wulian Aiwan Technik GmbH, erwies sich beim Versuch eines Besuchs als nicht existent. Bei einem der angeblichen Sponsoren des Projekts, dem Mobilfunkdienstleister Tianan Xintong, erklärt man derweil am Telefon freimütig, dass Schulleiter, die das Gerät empfehlen, mit großzügigen Kommissionen rechnen können.

Als Geschäftsmodell wäre daran nichts auszusetzen – hätte nicht das Rote Kreuz seinen Namen dafür hergegeben, dem Verkaufskonzept den Schein der Gemeinnützigkeit zu geben. Auch einigen chinesischen Journalisten sind die Zusammenhänge inzwischen klar geworden, auch wenn noch kein Medium im Detail über die Machenschaften berichtet hat. „Eine philanthropische Stiftung sollte den Menschen dienen und sich nicht als Werbeagent hergeben“, schreibt etwa die Zeitung „Diannaobao“. Das vermeintlich kostenlose Gerät sei Teil einer „mehrteiligen Profitkette“.

In einem Internetforum berichtete ein Schüler, vor zwei Jahren sei das Kinderhandy an seiner Schule schon einmal angepriesen worden. „Wahrscheinlich hat es sich schlecht verkauft, so dass sie dieses Jahr mit einer neuen Strategie wiederkommen“, kommentiert er.
Zwar kann man beim Chinesischen Roten Kreuz die Verantwortung auf eine Tochterorganisation abwälzen, die Pekinger Rote-Kreuz-Stiftung. Doch das Problem, dass Gemeinnützigkeit in China als Vorwand für Geldschneiderei oder Korruption dient, geht weit über den derzeitigen Fall hinaus.

Chinas staatlich sanktionierte Wohltätigkeitsorganisationen sind dafür bekannt, ausgesprochen intransparent zu sein und ein seltsames Verständnis von Hilfsarbeit zu haben. Als die chinesische Bevölkerung 2008 rund 77 Milliarden Yuan (8,6 Milliarden Euro) für die Opfer des verheerenden Erdbebens in der Provinz Sichuan spendeten, flossen wohl 80 Prozent des Geldes davon direkt an die Regierung, ergab eine Untersuchung der Pekinger Tsinghua Universität.

Beamte in der Krisenregion wurden bald nach der Katastrophe mit neuen Luxusautos gesehen. Der Unmut, der sich vor allem im Internet verbreitete, richtete sich auch gegen das chinesische Rote Kreuz, das rund ein Drittel der Spenden verwaltet hatte. Doch keine chinesisches Medium könnte es wagen, Fundamentalkritik an einer Organisation zu üben, deren Ehrenpräsident Staats- und Parteichef Hu Jintao ist.
Auch bei der Pekinger Rot-Kreuz-Stiftung weiß man, dass die staatlichen Verbindungen de facto Immunität bedeutet und plant ungeachtet der Kritik bereits den nächsten Coup. „Ende des Jahres wollen wir ein ähnliches Produkt für alte Leute herausgeben, damit sie Hilfe rufen können“, erklärt man bei der Rote-Kreuz-Stiftung. „So können wir noch mehr Menschen helfen.“

Bernhard Bartsch | 25. Januar 2011 um 13:47 Uhr

 

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