Bernhard Bartsch

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Geostrategie im Hörsaal

Zehntausende Studenten aus Drittweltländern erhalten ihre Ausbildung an Chinas Universitäten. Peking will so die Eliten der Entwicklungsländer an sich binden.

In Maos Schatten lässt sich gut lernen. Mit einem Stapel Bücher hat sich Bakary Coulibaly am Fuß des steinernen Steuermanns niedergelassen, der würdevoll über den Campus der Pekinger Universität für Post und Kommunikationswissenschaften winkt. „Hier ist es am ruhigsten“, sagt der 26-Jährige. „Die Chinesen setzen sich nicht gern ins Freie, weil sie Angst vor der Sonne haben.“ Wenigstens in dieser Hinsicht ist der Student aus dem westafrikanischen Mali seinen Kommilitonen überlegen.

Seit einem Jahren kämpft Coulibaly sich am Sockel der Mao-Statue durch sein Ingenieursstudiums. „Ich habe nur ein Jahr Chinesisch gelernt, was nicht genug ist, um im Unterricht gut folgen zu können“, sagt er. „Deshalb hinke ich im Stoff immer hinterher.“ Es ist nicht das schöne Leben, das er sich vorgestellt hatte, als er vor zwei Jahren ein Stipendium der chinesischen Regierung erhielt, um fünf Jahre lang in Peking zu studieren. Vom Glamour der Hauptstadt bekommt Coulibaly auf dem öden Unigelände wenig mit, und die rund 1200 Yuan (140 Euro), die er monatlich für Essen und andere Ausgaben erhält, sind schnell aufgebraucht. „Etwas anderes als Studieren kann man eigentlich gar nicht machen“, sagt Coulibaly.

Aber wofür sonst wäre er auch hier? Coulibaly ist einer von gut 30 Studenten aus Mali, die jedes Jahr auf Kosten der Peking Regierung nach China kommen, um Ingenieure, Ärzte oder Naturwissenschaftler zu werden. Es ist die Möglichkeit, eine Ausbildung zu bekommen, die weit besser ist als ein Studium in ihrem armen Heimatland. Gleichzeitig sind sie aber auch Teil einer großen geostrategischen Kampagne: Indem die Volksrepublik tausende Studenten aus Entwicklungsländern an ihre Hochschulen holt, bindet sie die künftige Elite der Dritten Welt an sich.

Die Zahlen sprechen für sich: 12.400 Studenten aus afrikanischen Ländern studieren derzeit in China – zehnmal so viel wie im Jahr 2000. In der gleichen Zeit vervierfachte sich die Zahl der Studierenden aus der Pazifikregion auf 2700. Darüber hinaus sind aktuell rund 5700 Mongolen, 6500 Kasachen, 8500 Inder, 11.000 Thailänder und 12.000 Vietnamesen an chinesischen Universitäten eingeschrieben.
Anders als Europäer, US-Amerikaner oder Japaner, die es ebenfalls zu tausenden nach China zieht, kommen Afrikaner oder Südostasiaten in der Regel nicht nur, um Chinesisch zu lernen. „Die Westler kommen nur für den Sprachkurs und gehen dann wieder, aber für uns fängt das Studium danach erst richtig an“, sagt Coulibalys Kommilitone Peng Siwan aus Laos. „Ingenieure werden bei uns dringend gebraucht, und die chinesische Ausbildung hat einen guten Ruf.“

Da das Telekommunikationsnetz in Laos von chinesischen Unternehmen aufgebaut wird, sind Pengs Jobchancen nach dem Abschluss gut. Ähnlich sieht es Ogenya Onyango aus Kenya. „China ist für uns ein wichtiger Wirtschaftspartner“, meint der 25-Jährige, der Anfang des Jahres nach Peking kam. „Deswegen wächst auch der Bedarf an Menschen, die sich in beiden Kulturen auskennen.“

Chinas Regierung will ihre rund 20.000 Stipendien, die jedes Jahr vor allem an Studenten aus armen Ländern vergeben werden, als Maßnahme zur Entwicklungshilfe und Förderung der Völkerfreundschaft verstanden wissen. Dabei kann sie sich auf Punkt Acht der Millenniumsziele der Vereinten Nationen (UN) berufen: den „Aufbau einer globalen Partnerschaft für Entwicklung“. Arme Länder sollen so in die Lage versetzt werden, ihre Regierungsarbeit zu verbessern, nachhaltige Arbeitsplätze zu schaffen und die Vorteile neuer Technologien, insbesondere im IT-Bereich, zu nutzen.

Die Ausbildungsoffensive ist dabei nur Teil einer größeren Kooperationskampagne. So versammelte China etwa Anfang April Vertreter zahlreicher afrikanischer Länder in Peking, um ein breit angelegtes Programm für wissenschaftliche Zusammenarbeit auf den Weg zu bringen. Rund 200 Forschungsprojekte in Bereichen wie erneuerbare Energien, Landwirtschaft und Medizin sollen ins Leben gerufen werden. Allein 2000 zusätzliche afrikanische Agrarwissenschaftler sollen dafür in China studieren und hinterher an rund 20 gemeinsamen Forschungszentren arbeiten. Auch Ökonomen und Verwaltungswissenschaftler will China vermehrt ausbilden und mit seinem Engagement damit zunehmend in Bereiche vordringen, die bisher die Domäne westlicher Entwicklungshelfer sind.

Die chinesische Unterstützung wird gerne angenommen. „China versteht die Sorgen armer Länder besser als der Westen“, sagt ein afrikanischer Botschaftsmitarbeiter in Peking. „Schließlich haben die Chinesen kürzlich erst die gleichen Erfahrungen gemacht wie wir, und viele Bereiche ihres Landes sind bis heute unterentwickelt.“ Außerdem knüpft Peking seine Hilfe nicht an politische Reformen – ein Unterschied, der für viele Regime mit zweifelhafter Legitimation entscheidend ist.

Dennoch agieren die Chinesen alles andere als selbstlos. Denn die Studenten von heute sind die Ministerialbeamten und Wirtschaftsführer von morgen – und mit denen hat die Volksrepublik langfristige Pläne. Einerseits bezieht China aus Entwicklungsländern einen großen Teil seiner Rohstoffe und ist dafür auf das Wohlwollen derer angewiesen, die über Förderrechte entscheiden. Andererseits ist die Dritte Welt ein gewaltiger Expansionsraum für chinesische Unternehmen, die dort Kraftwerke, Telekommunikationsnetze oder Eisenbahnverbindungen bauen. Je mehr in China ausgebildete Ingenieure dort an einflussreichen Stellen sitzen, umso besser sind die Chancen, dass chinesische Konzerne sich gegen westliche Konkurrenten durchsetzen.

Ob der Plan aufgeht, ist nicht ausgemacht. Denn für viele Studenten ist China zweite Wahl. „Eigentlich wäre ich gerne in die USA oder nach Europa gegangen“, sagt der Kenyaner Onyango. „Aber China ist nun mal das Land, in dem ich einen Studienplatz bekommen habe.“ Sein Kommilitone Coulibaly meint, er wolle nach seinem Abschluss eigentlich nicht in seine Heimat zurückkehren, sondern lieber in China bleiben oder besser noch in den Westen gehen, wo man mehr verdienen kann. Doch bis er daran denken kann, wird er noch viele Jahre lang im Schatten des Revolutionärs und ehemaligen Regierungschefs Mao Zedong über seinen Büchern brüten müssen.

Bernhard Bartsch | 14. September 2010 um 11:54 Uhr

 

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