Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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George Washington soll Kim Jong-un einschüchtern

Nach dem Angriff aus dem Norden unterstützen die USA ihren Verbündeten im Süden und verlegen einen Flugzeugträger ins Gelbe Meer.

Ein südkoreanisches Manöver war der Anlass für das tödliche Feuergefecht an der innerkoreanischen Grenze – und ein Manöver soll auch Seouls Antwort sein. Einen Tag, nachdem Nordkoreas Armee beim Beschuss der südkoreanischen Insel Yeonpyeong zwei Soldaten und zwei Zivilisten tötete, zwanzig Menschen verletzte und dutzende Häuser zerstörte, haben die Regierungen in Seoul und Washington demonstrativ eine gemeinsame Marineübung beschlossen. Dafür wird unter anderem der US-Flugzeugträger „George Washington“ ins Gelbe Meer verlegt.

Bei einem der schwersten militärischen Zwischenfälle seit dem Ende des Koreakriegs vor 57 Jahren hatte Nordkorea am Dienstag 170 Granaten über die Grenze geschickt, nachdem südkoreanische Kriegsschiffe im Rahmen eines Manövers 20 Kilometer südlich der umstrittenen Seegrenze Schüsse ins Meer abgefeuert hatten. Südkoreas Armee beantwortete den Angriff mit 80 Kanonenschüssen und erklärte, dass es möglicherweise auch auf nordkoreanischer Seite Tote gegeben habe. Wie bei innerkoreanischen Scharmützeln üblich, hat Pjöngjang keinerlei Angaben zu eigenen Opfern gemacht.

Die Bundesregierung kritisierte den Beschuss in ungewöhnlich scharfer Form und bestellte den Botschafter Nordkoreas ein. „Eine solche Aggression ist durch nichts zu rechtfertigen“, sagte Bundesaußenminister Guido Westerwelle gestern im Bundestag. Die internationale Gemeinschaft werde sich nicht erpressen lassen.

Südkoreas Verteidigungsminister Kim Tae-young zeigte sich überzeugt, dass hinter der nordkoreanischen Aggressivität innenpolitische Motive stecken. „Unser Urteil ist, dass Nordkorea den Angriff benutzt hat, um den Nachfolgeprozess im Land zu stärken und die Führungsstärke von Kim Jong-un unter Beweis zu stellen“, sagte der Minister vor dem Parlament. Der auf etwa 27 Jahre geschätzte Kim Jong-un, jüngster Sohn von Diktator Kim Jong-il, war im September offiziell zum Machterben und stellvertretenden Vorsitzenden der Militärkommission erhoben worden. Er gilt im Militär als unbeliebt und westlichen Geheimdiensten zufolge bereits im März mit dem Abschuss des südkoreanischen Kriegsschiffes Cheonan versucht haben, sich Autorität zu verschaffen. Damals starben 46 Soldaten. Zudem war bekannt geworden, dass Pjöngjang in den vergangenen anderthalb Jahren in aller Heimlichkeit eine Fabrik zur Urananreicherung gebaut hat, in der auch Nuklearwaffenmaterial hergestellt werden könnte.

Während Experten davon ausgehen, dass Nordkorea mit den Provokationen seine Verhandlungsposition bei einer neuen Runde der Sechs-Parteien-Gespräche verbessern will, um die Diplomaten derzeit ringen, versuchen Südkorea und die USA zu zeigen, dass sie sich durch Nordkoreas Gewalt nicht zu Zugeständnissen zwingen lassen. Das geplante Manöver solle die „Stärke des Bündnisses und das Bekenntnis zu Frieden und Sicherheit in der Region“ demonstrieren, sagte US-Präsident Barack Obama seinem südkoreanischen Amtskollegen Lee Myung-bak in einem Telefonat. Man werde weiterhin „Schulter an Schulter“ stehen. Gleichzeitig rief Obama erneut China auf, seinen Einfluss auf Nordkorea geltend zu machen. Peking müsse Nordkoreas Regierung drängen, „eine Reihe von internationalen Regeln zu beachten, an die sie sich halten müssen“.

China kommt in dem Konflikt eine Schlüsselrolle zu. Dabei unterscheiden sich Pekings Interessen von denen der anderen Parteien. Zwar will die chinesische Regierung eine Eskalation der Gewalt auf der koreanischen Halbinsel vermeiden. Doch sieht die Volksrepublik das kleine Nachbarland als exklusive wirtschaftliche Einflusszone und nimmt es immer wieder gegen politischen Druck in Schutz. US-Wissenschaftler äußerten jüngst sogar den Verdacht, dass Nordkoreas neue Urananreicherungsanlage mit chinesischer Hilfe errichtet worden sei.

Obwohl es gestern zu keinen neuen Gewaltausbrüchen kam, ist Südkoreas Armee weiter in höchster Alarmbereitschaft. In südkoreanischen Häfen wurden die Sicherheitsvorkehrungen verschärft. Der Schiffsverkehr laufe aber ungestört weiter, erklärte ein Sprecher des Hafens Incheon. Südkoreas Wiedervereinigungsministerium kündigte an, versprochene Hilfslieferungen für Nordkorea vorerst zurückzuhalten. Auch Nichtregierungsorganisationen seien angewiesen worden, Hilfe im Wert von rund 1,7 Millionen Euro nicht auszuliefern.

Bernhard Bartsch | 24. November 2010 um 14:02 Uhr

 

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