Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Genug geschwitzt

Mit Streiks und Selbsttötungen erzwingen Chinas Fabrikangestellte höhere Löhne – denn die jungen Wanderarbeiter wollen besser leben als ihre Eltern.

Liu Zhiyi wurde ausgewählt, weil er einer von ihnen war: Mitte zwanzig, eine gute Ausbildung in der Tasche und große Pläne im Kopf. Niemand konnte Verdacht schöpfen, als er sich im April als Fabrikarbeiter bei Foxconn bewarb, einer südchinesischen Computerfabrik, die unter anderem Apples iPhone produziert. Es ist jene Foxconn, die unlängst wegen einer Serie von Selbsttötungen in die Schlagzeilen geraten war.

„Jeden Tag kommen tausende junge Leute, um eine Stelle zu finden und Träumen hinterherzujagen, die sie nie verwirklichen können“, schrieb Liu, als er nach 28 Tagen an seinen eigentlichen Arbeitsplatz zurückkehrte: in die Redaktion der „Nanfang Zhoumo“, einer der kritischsten und mutigsten Zeitungen der Volksrepublik. „Das 28-tägige Versteckspiel war für mich ein Schock, nicht weil ich verstanden hätte, warum sie sich umgebracht haben, sondern weil ich gesehen habe, wie sie leben.“

Lius Bericht bietet einen Blick hinter die Mauern der umstrittenen Fabrik, deren taiwanesischem Eigentümer Terry Gou nach zehn Selbsttötungen unmenschliche Arbeitsbedingungen vorgeworfen werden. Gou bestreitet, dass er seine Angestellten ausbeutet, und sieht die Ursache eher bei Chinas sozialen Problemen. Und ausgerechnet der Undercover-Journalist scheint ihn zu bestätigen. „Das Werk mit seinen 400 000 Mitarbeitern ist keine Blut-und-Schweiß-Fabrik, wie man sie sich vorstellt“, meint Liu. Sie funktioniere wie eine mittelgroße Stadt, biete Essen und Unterkunft, die Arbeitsbedingungen seien „standardmäßig und korrekt“.

Doch was Chinas Gesetze als Standard definieren, passt kaum zu den Erwartungen und Bedürfnissen der Angestellten. Das monatliche Grundgehalt von 900 Yuan (107 Euro) reiche gerade zum Überleben. Um die Hoffnung auf ein besseres Leben nicht aufgeben zu müssen, unterschrieben viele eine Erklärung, dass sie auf eigene Verantwortung mehr als die gesetzlich erlaubten 36 Überstunden pro Monat absolvieren wollten, beobachtete Liu, auch wenn ihr Dasein dann nur noch daraus bestehe, „Maschinen zu bedienen und selbst zu Maschinen zu werden“.

Dieses Fazit könnte von Karl Marx abgeschrieben sein. Doch junge Journalisten wie Liu Zhiyi brauchen keine sozialistischen Theorien mehr, um die inneren Widersprüche ihres Landes zu begreifen. Statistiken zeigen seit Jahren eine wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, und mit dem Einkommensgefälle steigt auch die Zahl derer, die sich als Verlierer der Reformen fühlen. Selbst die Regierung bestreitet die wachsenden sozialen Spannungen nicht mehr. Zuletzt gab es pro Tag durchschnittlich 644 Streiks oder Demonstrationen.

Die Ausbrüche der Unzufriedenheit haben eines gemeinsam: Sie gehen in erster Linie von jungen Chinesen aus. Die zehn Arbeiter, die von Foxconns Wohnheimen in den Tod sprangen, waren zwischen 18 und 24 Jahren alt. Auch unter Schülern und Studenten gibt es seit Jahren steigende Selbstmordraten. Die überwiegende Mehrheit macht ihrem Frust freilich in Internetforen Luft – weshalb die Regierung die Zensur verschärft hat.

Zwar zeigen die Jungen keinerlei Ambitionen, eine Revolution anzuzetteln. Trotzdem sind sie dabei, China grundlegend zu verändern. Denn die sogenannte Generation der „Bashihou“, der „nach 1980 Geborenen“, die in den boomenden Jahrzehnten des Reformzeitalters aufgewachsen ist, will mehr, als nicht in Armut zu leben. Waren ihre Eltern noch dankbar für ein Leben ohne Hunger, Krieg oder Klassenkampf, so sind ihre Kinder mit Chinas Aufstiegsträumen sozialisiert worden: in einem Land, das Wolkenkratzer baut, Menschen ins All schickt und Olympische Spiele ausrichtet. Gerade weil es den Nach-Achtzigern besser geht, als jeder chinesischen Generation vor ihnen, wollen sie die schönsten Früchte des Fortschritts nicht allein einer Elite überlassen.

Experten sehen darin einen neuen Trend, der das chinesische Wirtschaftsmodell gründlich verändern könnte. „Viele Arbeiter, die nach 1980 geboren worden sind, sind gut informiert und kennen ihre Rechte“, sagt der Arbeiteraktivist Liu Kaiming. „Sie scheuen sich nicht, einen höheren Lohn zu verlangen.“ Chinas Sweatshop-Arbeiter wollen nicht mehr schwitzen – und sie begehren auf und streiken. Der prominenteste Fall ist der eines Honda-Zulieferers im südchinesischen Foshan, dessen 1900 Arbeiter eine Lohnerhöhung von 24 Prozent erzwangen, nachdem sie mit einem Streik die gesamte chinesische Produktion des Autoherstellers zum Stillstand gebracht hatten. Die meisten Streikenden waren jung und organisierten den Ausstand per Internet und Handy – gegen den Willen der staatlichen Gewerkschaften. „Wir befinden uns an einem Wendepunkt“, sagt Lee Chang-hee von der International Labour Organisation in Peking. „Chinas Arbeiter beginnen, gemeinsam für ihre Löhne und Arbeitsbedingungen zu kämpfen.“ In der Vergangenheit hätten sie nur demonstriert, wenn ihre Rechte verletzt worden seien, nicht um eigene Forderungen zu stellen.

Davon profitierten die Fabrikbesitzer. Seit dem Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation (WTO) im Jahr 2001 und 2008 stieg der Wert der Ausfuhren um 436 Prozent, die Gehälter der Arbeiter nur um 148 Prozent. Der Anteil der Arbeitskosten ist also deutlich gesunken.

Viele Arbeiter in den Fabriken mussten bisher die schlechte Behandlung auch unterhalb der gesetzlichen Mindeststandards akzeptieren. Doch die Entwicklung sorgt dafür, dass Arbeitskraft auch im Milliardenreich China keine unbeschränkt verfügbare Ressource mehr ist. In einigen Industriezonen herrscht immer wieder Arbeiterknappheit – damit steigt das Selbstbewusstsein der Arbeiter.

Noch sind Streiks wie im Fall von Honda nicht die Regel, aber solche Ausstände dürften schnell Schule machen, schrieben etwa die Chinaanalysten der Bank of America kürzlich ihren Kunden: „Einerseits verschiebt sich angesichts der rapide alternden Gesellschaft und der schrumpfenden jungen Arbeiterschaft der Verhandlungsvorteil von den Arbeitgebern zu den Arbeitnehmern.“ Andererseits habe die chinesische Regierung ihre Einstellung zu Streiks geändert und sei nicht mehr grundsätzlich gegen Arbeitskämpfe. Der Parteichef von Guangdong, Wang Yang, warnte Unternehmen kürzlich, sich der Herausforderungen, die durch die junge Generation entstehen, bewusst zu sein. „Die Achtziger-Generation will mehr, sie braucht mehr Fürsorge und Respekt, und ihre Angehörigen müssen motiviert werden, um mit Enthusiasmus zu arbeiten“, sagte Wang. Fabriken müssten deshalb ein „besseres, humaneres Arbeitsumfeld“ schaffen.

Nachdem markenbewusste Großkunden wie Apple, Dell und Nokia nervös geworden waren, entschied sich Foxconn, seinen Angestellten eine Lohnerhöhung von 70 Prozent ab Oktober zu genehmigen. „Durch die Lohnerhöhung werden Überstunden nicht mehr unbedingt eine Notwendigkeit sein“, heißt es in einer Erklärung des Unternehmens. Es könnte den Angestellten ermöglichen, an Maschinen zu arbeiten, ohne selbst zur Maschine werden zu müssen.

Bernhard Bartsch | 09. Juni 2010 um 03:37 Uhr

 

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