Bernhard Bartsch

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Gegen die Wand gefahren

Chinas Parteichef Hu Jintao gerät wegen eines Skandals um einen Ferrari-Unfall ins Abseits.

Der Machtkampf um Chinas nächste Führungsmannschaft geht in die letzte Runde, und die Parteiskandale der vergangenen Monate haben das Kräfteverhältnis an der Spitze offenbar zum Kippen gebracht. Staatschef Hu Jintao soll dabei der große Verlierer sein, berichtet die gewöhnlich gut informierte Hongkonger South China Morning Post. Der scheidende Staats- und Parteichef soll entscheidende Posten an das Lager seines Amtsvorgängers Jiang Zemin verloren haben, der hinter den Kulissen noch immer großen Einfluss ausübt. Im letzten Moment soll Hu nun auch noch sein engster Vertrauter, Parteigeschäftsführer Ling Jihua, abhanden gekommen sein, weil dessen Sohn offenbar unter bizarren Umständen in einem Ferrari verunglückt ist. Der Fall ist der zweite große Schlag für Hu nach dem Sturz von Chongqings Parteichef Bo Xilai, dessen Frau ihren britischen Geschäftspartner Neil Heywood getötet hatte. Die Causa Ling, die ebenfalls von der South China Morning Post enthüllt wurde, beschert der Partei eine weitere Intrigengeschichte um Geld und Denunziation. In den frühen Morgenstunden des 18. März – nur drei Tage nach Bos Sturz – prallte in Peking ein schwarzer Ferrari bei hoher Geschwindigkeit gegen eine Brücke. In dem 60 000 Euro teuren Zweisitzer befanden sich drei Personen: eine nackte und eine knapp bekleidete Frau sowie ein halbnackter Mann. Der Fahrer starb noch am Unfallort, seine beiden Begleiterinnen wurden schwer verletzt.

Im chinesischen Internet verbreiteten sich schnell Spekulationen, dass es sich bei dem Fahrer um den Sohn eines mächtigen Beamten handeln könnte. Pekings Kader stehen bei vielen Chinesen unter dem Generalverdacht, ihren Familien gewaltige Reichtümer zuzuschanzen. Da der Totenschein angeblich auf den Nachnamen „Jia“ ausgestellt wurde, fiel der Verdacht auf einen Sohn von Jia Qinglin, die Nummer Vier in der Parteihierarchie und gerüchtehalber schwer korrupt. Jia soll hinter den Spekulationen politische Gegner vermutet und heimlich eine Untersuchung des Falls angeordnet haben.

Dabei kam heraus, dass es sich bei dem Toten tatsächlich um Ling Gu handelte, den Sohn von Hus Getreuem Ling Jihua. Der falsche Name auf der Sterbeurkunde war offenbar ein Täuschungsmanöver, und auch sonst soll Ling versucht haben, sich nach außen nichts anmerken zu lassen. Nur zwei Wochen nach dem Tod seines Sohnes begleitete er Hu auf eine Auslandsreise.

Jia schickte seinen Bericht an Ex-Parteichef Jiang. Der 86-Jährige behielt die brisante Information jedoch drei Monate für sich, um sie dann in der entscheidenden Phase des Postenpokers als Trumpfkarte ausspielen zu können. Hu, der bisher darauf gesetzt hatte, Ling in den innersten Machtzirkel, den Ständigen Ausschuss des Politbüros manövrieren zu können, musste Ling opfern. Am vergangenen Wochenende wurde der Parteigeschäftsführer zum Direktor der Arbeitsabteilung Einheitsfront ernannt, eine Degradierung, mit der sogar Lings Einzug in das zweitwichtigste Parteigremium, das Politbüro, unwahrscheinlich erscheint.

Von den sieben Mitgliedern, die künftig im Ständigen Ausschuss Chinas Geschicke lenken sollen, wird damit wohl nur ein einziger direkt aus Hus Umfeld kommen: Vize-Premier Li Keqiang, der Regierungschef werden soll. Hus designierter Nachfolger Xi Jinping gilt als Konsenskandidat aller Lager. Vier voraussichtliche Mitglieder werden dagegen dem Jiang-Zemin-Zirkel zugerechnet: Shanghais Parteichef Yu Zhengsheng, die Vize-Premiers Zhang Dejiang und Wang Qishan sowie Tianjins Parteichef Zhang Gaoli. Für den siebten Posten wird Li Yuanchao gehandelt, Chef der Organisationsabteilung der Partei, der ebenfalls fraktionsübergreifend akzeptiert wird. Allerdings ist nicht ausgeschlossen, dass sich die Aufstellung noch einmal ändert. Bis zum Parteitag sind noch mehrere Wochen Zeit, und von früheren Machtwechseln ist bekannt, dass um die Posten bis Minuten vor dem Aufmarsch vor dem Plenum gerungen wurde.

Bernhard Bartsch | 04. September 2012 um 12:55 Uhr

 

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