Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Gefärbte Haare – na und?

Schwärzt Barack Obama seine Silberlöckchen? Und was hat Chinas Präsident damit zu tun?

In China versteht man die Aufregung nicht. Ein Foto, das Barack Obama mit seinem chinesischen Amtskollegen Hu Jintao beim Staatsbankett im Weißen Haus zeigt, hat in den USA eine leidenschaftliche Diskussion ausgelöst: Färbt sich der amerikanische Präsident die Haare? Auf Bildern des besagten Tages, dem vergangenen Mittwoch, ist Obama morgens mit vielen Silberlöckchen zu sehen, die am Abend plötzlich verschwunden zu sein scheinen, aber bei einem Fototermin zwei Tage später wieder auftauchen.

US-Medien widmeten der Präsidentenfrisur Tausende von Beiträgen, und obwohl unaufgeregtere Kommentatoren schnell zu dem Ergebnis kamen, dass das vermeintliche Beweisfoto ganz einfach unterbelichtet war, bleibt von dem Vorwurf übertriebener Eitelkeit trotzdem etwas an Obama hängen – ganz wie am Exbundeskanzler Gerhard Schröder, der gegen eine ähnliche Unterstellung vor gut acht Jahren sogar gerichtlich vorging.

Aber warum sollten sich Staatsmänner eigentlich nicht die Haare färben? „Wahrscheinlich ist Obamas Haarfarbe auf dem Foto echt, aber Hu Jintaos ist ganz bestimmt falsch“, kommentierte ein Benutzer des populären chinesischen Internetforums Sohu das Bild. „Chinas Politiker tönen sich doch alle die Haare.“

Tatsächlich entdeckt man weder bei Chinas 68-jährigem Präsidenten noch bei den anderen Mitgliedern des Ständigen Politbüroausschusses, einem neunköpfigen Gremium aus Männern zwischen 55 und 70 Jahren, auch nur ein einziges weißes Haar. Dass Spitzenpolitiker aber auch prominente Manager in China weitaus seltener zu ergrauen scheinen als normale Menschen, ist eine Art optischer Potenzbeweis. Selbst Mao Tse-tung, der 82 Jahre alt wurde und zuletzt an vielen Gebrechen litt, trug bis zuletzt schwarze Haare – und hat sie noch heute, da seine einbalsamierte Leiche in einem Glassarg auf Pekings Platz des Himmlischen Friedens ausgestellt ist.

Kritische Stilfragen stellt deshalb niemand – und das nicht etwa, weil sie verboten wären. Nachgeschwärzte Haare sind in China, wie in vielen ostasiatischen Ländern, kein Tabu, bei Männern ebenso wenig wie bei Frauen. Färbemittel gehören zum Standardsortiment jedes Supermarkts. Durchschnittliche Geschäfte haben rund zehn verschiedene Produkte in den Regalen. Ein günstiges der Marke Wenya, die sich auf Englisch Youngrace („Junge Rasse“) nennt, kostet 17,90 Yuan (zwei Euro), teurere rund das Zehnfache. In der Branche wird das Geschäft mit Schwarzfärberei auf jährlich mehr als 300 Millionen Euro geschätzt.

Chinesen, die das regelmäßige Nachschwärzen zu lästig finden, wagen häufig einen noch radikaleren Schritt: Sie tragen Perücken. Auch diese sind in China weithin erhältlich und allgemein akzeptiert. „Das ständige Tönen mit chemischen Mitteln kann nicht gesund sein“, sagt He Sulan, eine Pekinger Kleinunternehmerin, die sich mit Mitte fünfzig die grauen Haare raspelkurz geschoren und eine Auswahl von Haarteilen zugelegt hat. „An manchen Tagen trage ich eine seriöse Dauerwelle, an anderen eine jugendliche Rastafrisur – es ist kein Geheimnis, dass beide nicht echt sind.“ Wie viele chinesische Politiker Perücken tragen, ist unbekannt. In jedem Fall wird der Anteil aber auch hier höher sein als in den USA. Das dort ausgerechnet der Besuch des chinesischen Staatschefs eine haarige Debatte ausgelöst hat, die in der Volksrepublik niemand versteht, beweist einmal mehr, dass die Differenzen zwischen den beiden Großmächten gewaltig sind.

Bernhard Bartsch | 21. Januar 2011 um 13:42 Uhr

 

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