Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Gefährlicher Grenzkonflikt

Nordkorea provoziert die Welt wieder einmal mit einem Angriff auf senen Nachbarn.

Nordkorea hat am Dienstag überraschend ein Gefecht an der innerkoreanischen Grenze provoziert. Am Nachmittag, um 14.34 Uhr Ortszeit, schlugen mehr als 50 Granaten auf der südkoreanischen Insel Yeonpyeong ein, berichtete das Verteidigungsministerium in Seoul. Bei dem Angriff wurden zwei Soldaten getötet, 17weitere sowie drei Zivilisten verletzt.

Die rund 1600 Bewohner der Insel, die nahe der umstrittenen innerkoreanischen Seegrenze und zwölf Kilometer vor Nordkoreas Küste liegt, flüchteten sich in Bunker. „Wir rannten um unser Leben“, erzählt die Inselbewohnerin MiSoonHan. Etwa 70 Häuser gerieten in Brand. Dichte Rauchwolken verhüllten Teile der Insel. Die meisten Geschosse trafen einen Militärstützpunkt. Südkorea erwiderte das Feuer und schickte ein Kampfflugzeug in die Region. Das Militär verhängte den höchsten Alarmzustand seit dem Korea-Krieg. Über Opfer auf nordkoreanischer Seite wurde zunächst nichts bekannt.

Südkoreas Staatschef Lee Myung Bak rief sein Kabinett zu einer Krisensitzung in einem unterirdischen Bunker zusammen und warnte vor einer Eskalation. Sein Sprecher erklärte, dass der Angriff womöglich ein Protest gegen ein am Vortag begonnenes südkoreanisches Manöver im Gelben Meer sei. „Nordkorea hat sich in einem Brief über die Übung beschwert“, sagte er. Ein Kommandeur der nordkoreanischen Streitkräfte warf dem Süden vor, das Feuer zuerst eröffnet zu haben. Er kündigte „unbarmherzige Angriffe“ an, sollte Südkorea die Seegrenze auch nur „einen tausendstel Millimeter“ überschreiten.

Die Attacke Nordkoreas reiht sich ein in eine Serie militärischer Machtdemonstrationen des isolierten Staates. Erst am Wochenende war bekannt geworden, dass das Regime Anfang November US-amerikanischen Atomphysikern eine moderne Anlage zur Urananreicherung vorgeführt hatte, die auch zur Herstellung von Nuklearwaffenmaterial benutzt werden könnte. Sowohl der Beschuss als auch die Präsentation der Nuklearanlage könnten dazu gedacht sein, Nordkoreas Verhandlungsposition in den Atomgesprächen zu verbessern und Zugeständnisse zu erzwingen. Mit den sogenannten Sechsergesprächen wollen die USA, China, Russland, Japan sowie Südkorea erreichen, dass Nordkorea die Produktion von Kernbrennstoff einstellt.

Der US-Sonderbeauftragte Stephen Bosworth reist diese Woche durch die Region, um mit den anderen Teilnehmern der Gespräche eine Strategie zu finden, wie sich Nordkorea an den Verhandlungstisch zurücklocken ließe. Noch kurz vor dem Gefecht hatte er erklärt, die USA würden sich durch die Urananreicherungsanlage nicht unter Druck setzen lassen.

Doch die US-Regierung musste zugeben, von der Existenz der Nuklearfabrik überrascht worden zu sein. „Vom nachrichtendienstlichen Gesichtspunkt ist das so etwas wie der schlimmste Albtraum“, sagte auch Victor Cha, Asiendirektor des Nationalen Sicherheitsrats von US-Präsident Barack Obama. Ein Sprecher von US-Außenministerin Hillary Clinton hat am Montag erklärt, man werde Nordkoreas schlechtes Benehmen nicht belohnen. „Die glauben immer wieder, dass sie nur etwas Unverschämtes machen müssen, um uns zu zwingen, durch Reifen zu springen“, sagte er. „Bei diesem Spiel machen wir nicht mit.“

Nordkorea dürfte versuchen, sich die neuerliche Stilllegung seines Atomprogramms abhandeln zu lassen, etwa mit Lieferungen von Öl und Lebensmitteln oder einer Aufhebung von Sanktionen. Unklar ist, wie dringend Nordkorea auf ausländische Hilfe angewiesen ist. Das verarmte Land wurde jüngst von schweren Überschwemmungen getroffen, die große Teile der Ernte vernichteten. Schon in den vorigen Wintern war es zu Lebensmittelknappheit gekommen.

Doch ob Washington und Seoul an ihrer Forderung festhalten können, neue Verhandlungen erst zu eröffnen, wenn Nordkorea sein Nuklearprogramm stoppt, scheint nach dem Angriff vom Dienstag unsicherer denn je zu sein. Denn mit der Nervosität in Südkorea steigt der Handlungsdruck, und China – Nordkoreas engster Verbündeter – drängt darauf, sich Pjöngjangs Forderungen gegenüber flexibler zu zeigen. Allerdings scheint China wieder einmal ein doppeltes Spiel zu spielen.

Die US-Wissenschaftler waren bei ihrem Besuch der nordkoreanischen Urananreicherungsanlage zu dem Schluss gekommen, dass diese wahrscheinlich mit chinesischer Unterstützung gebaut worden sei. China ist seit Langem bemüht, sich Nordkorea als exklusive politische und wirtschaftliche Einflusszone zu sichern. Die Regierung in Peking hat sich bisher nicht öffentlich zu der Urananreicherungsanlage geäußert. Das ist typisch: Auch zur Schuldfrage nach dem Angriff auf ein Kriegsschiff Südkoreas, das im März nahe der Seegrenze mit 46Soldaten an Bord gesunken war, hat China nicht Partei ergriffen. Eine internationale Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass ein nordkoreanischer Torpedo das Boot abschoss. Pjöngjang bestreitet das.

Der Zwischenfall war nur einer von vielen. Auch an der 1953 von den Vereinten Nationen gezogenen Seegrenze ist es in den vergangenen Jahren immer wieder zu Gefechten gekommen. Wegen des jüngsten Beschusses wird der UN-Sicherheitsrat vermutlich heute oder morgen zu einer Dringlichkeitssitzung zusammenkommen.

Bernhard Bartsch | 23. November 2010 um 16:11 Uhr

 

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