Bernhard Bartsch

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GAU in Scheiben

Die Misere um das japanische Katastrophen-AKW Fukushima ebbt nicht ab. Erst jetzt gesteht Tepco weitgehende Kernschmelzen in zwei weiteren Reaktorblöcken ein.

Die Kette von Hiobsbotschaften aus dem japanischen Katastrophen-AKW Fukushima-Daiichi reißt nicht ab. Am Dienstag erklärte die Betreiberfirma Tepco, dass es in den Reaktoren 2 und 3 wohl zu einer weitgehenden Kernschmelze gekommen sei, und zwar schon in den Tagen nach dem Erdbeben vom 11. März. Es ist das erste Mal, dass Tepco bestätigt, was Experten schon seit langem vermuten.

Bisher hatte das Unternehmen nur von einer Kernschmelze in Reaktor 1 gesprochen. Für das späte Eingeständnis gibt es zwei mögliche Gründe, und beide sind gleichermaßen beängstigend: Entweder hat das Unternehmen einmal mehr versucht, die Öffentlichkeit über die Ausmaße der Katastrophe von Fukushima zu täuschen, oder der Kontrollverlust über die Krisenreaktoren war so vollkommen, dass Tepcos Experten tatsächlich mehr als zehn Wochen brauchen, um den Katastrophenverlauf zu rekonstruieren.

So oder so ist offensichtlich, dass Tepco Informationen noch immer nur häppchenweise herausgibt, statt seinen gesamten Kenntnisstand mit der Öffentlichkeit zu teilen. Skeptisch darf deswegen Tepcos Einschätzung beurteilt werden, die Situation in den havarierten Reaktoren sei „stabil“ und könne bis Ende des Jahres vollständig unter Kontrolle gebracht werden.

Mitte Mai hatten japanische Medien unter Berufung auf Unternehmensmitarbeiter berichtet, dass über die Unfallursache intern längst eine andere Theorie existiere, als nach außen kommuniziert werde. Demnach soll nicht erst der Doppelschlag von Erdbeben und Tsunami zum Ausfall der Kühlsysteme geführt haben, sondern bereits die Erdstöße allein. Dies würde bedeuten, dass die Reaktoren weitaus störanfälliger waren, als Tepco bisher zugegeben hat. Außerdem sollen schon in der Nacht nach dem Beben Messungen auf einen Strahlungsaustritt und eine Kernschmelze hingedeutet haben – Informationen, die Tepco der Öffentlichkeit und wahrscheinlich auch der Regierung verschwieg. Als dann die Situation außer Kontrolle geriet, soll das Unternehmen gegenüber Premier Naoto Kan die Absicht geäußert haben, die Rettungsarbeiten einzustellen, was der Regierungschef in einer heftigen Aussprache verhinderte, woraufhin er persönlich die Einsatzleitung übernahm.

Doch seitdem belasten die Berichte über Tepcos verheerendes Krisenmanagement auch die Regierung, die offenbar noch immer über viele Missstände im Dunkeln gelassen wird. Eine nun ins Leben gerufene unabhängige Untersuchungskommission soll Dokumente im Zusammenhang mit der Atomkatastrophe einsehen und Tepco-Techniker und Regierungs- sowie Behördenmitarbeiter befragen.

Für japanische Kommentatoren offenbart die Krise aber ein tieferes Problem. Die Politik ist in Japan traditionell so eng mit der Wirtschaft verflochten, dass die Unternehmen in vielen Branchen in der Lage waren, den Aufbau von effektiven und unabhängigen Aufsichtsmechanismen zu verhindern. Die Wurzeln des Mankos liegen in der Nachkriegszeit. Die Liberaldemokratische Partei (LDP), die nach dem Zweiten Weltkrieg über ein halbes Jahrhundert lang regierte, rekrutierte ihre Eliten überwiegend aus einflussreichen Unternehmerklans. Informelle Netzwerke waren stets stärker als Regeln und Gesetze, was Japan erst einen unvergleichlichen Aufschwung bescherte, Ende der Achtziger aber einen ebenso dramatischen Einbruch, von dem sich das Land nie erholt hat.

Zwar kam 2009 die Demokratische Partei Japans (DPJ) mit dem Versprechen an die Macht, die verkrusteten Strukturen aufzubrechen. Doch nun ist die DPJ selbst in den Fallen des Systems gefangen und weit davon entfernt, von der Katastrophe politisch zu profitieren. Die Zustimmungswerte der Regierung liegen unter zwanzig Prozent, die Opposition wittert Aufwind. Am Montag warf sie Kan im Parlament vor, den Einsatz von Meerwasser verzögert zu haben, eine Anschuldigung, die der Regierungschef seinerseits an Tepco weiterreichte.

Für das Unternehmen geht es ums Überleben. Ende vergangener Woche musste Tepco einen Jahresverlust von 1,5 Billionen Yen (12,8 Milliarden Euro) bekannt geben. Der unmittelbar nach der Katastrophe abgetauchte Chef Masataka Shimizu nahm seinen Hut. An der Börse hat das Unternehmen 80 Prozent seines Wertes eingebüßt. Die gewaltigen Schadensersatzforderungen wird das Unternehmen nicht alleine aufbringen können, doch unter welchen Bedingungen die Regierung Tepco zu unterstützen bereit ist, bleibt vorerst unklar.

Bernhard Bartsch | 24. Mai 2011 um 13:22 Uhr

 

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