Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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„Fünf-Sterne-Lakai des Westens“

Mit einer Rufmordkampagne will China den inhaftierten Künstler Ai Weiwei diskreditieren.

Der Panda trägt ein Sturmgewehr und lässt keinen Zweifel daran, auf wen er gerne schießen würde: auf Ai Weiwei, den „Verräter des Mutterlandes“ und „Fünf-Sterne-Lakai des Westens“. Das bewaffnete chinesische Nationaltier ist das Maskottchen des Internetportals „Fortschrittliche Gesellschaft“ (www.jinbushe.org), einem nationalistischen Forum, das seine Klicks derzeit vor allem Schmiertiraden gegen den berühmten Künstler und Regimekritiker verdankt: „Ai Weiwei ist ein fetter, vulgärer Mann, der sich gerne nackt auszieht und seinen Pimmel zeigt“, beginnt ein im Lexikonstil geschriebener Artikel. Zehn Jahre habe Ai als Bettler in den USA gelebt, bevor er in China zum Künstler wurde, wobei er seinen Erfolg seiner Liebedienerei gegenüber westlichen Chinafeinden verdanke. Seine Ideen seien abgekupfert, seine Skulpturen beruhten auf der Zerstörung von wertvollen Antiquitäten oder Möbeln und für die Herstellung benutze er schlecht bezahlte Arbeiter und gesundheitsschädliche Materialien. Ais Kunst zeige, „dass er unser Land tief hasst“, konstatiert der Eintrag. „Ai Weiwei ist der Abschaum der Menschheit, er muss hart bestraft werden.“

Der Geschmähte kann sich derzeit nicht verteidigen. Seit seiner Festnahme am Pekinger Flughafen am 3. April fehlt von Ai Weiwei jede Spur. Nach offizieller Darstellung wird gegen den 53-Jährigen wegen „wirtschaftlicher Verbrechen“ ermittelt. Außerhalb Chinas hält man es für wahrscheinlicher, dass die Kommunistische Partei ihren renommiertesten Kritiker mundtot machen und unangepasste Denker einschüchtern will.

Der Druck auf Ais Anhänger ist gewaltig: Sein Frau Lu Qing erklärte, die Behörden hätten ihr Äußerungen gegenüber ausländischen Medien verboten. Von Liu Xiaoyuan, einem von Ais Anwälten, fehlt jede Spur, seitdem er vergangenen Donnerstag per SMS mitteilte, er werde verfolgt. Eine Mitarbeiterin aus Ais Pekinger Studio schrieb über Twitter, die Polizei habe ihr Schläge angedroht, falls sie sich öffentlich äußere. Die Regierung beharrt derweil darauf, die Ermittlungen verliefen strikt nach den Regeln des Gesetzes.

Nach allem, was über Chinas Staatssystem bekannt ist, wird über Ais Schicksal in den höchsten Parteigremien entschieden – und womöglich steht das Urteil bereits fest. In der Öffentlichkeit lässt die Regierung Ai bereits den Prozess machen. Der Propagandaapparat nutzt seine ganze Medienmacht, um Ais Ruf zu ruinieren. Während andere Regimekritiker wie Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo totgeschwiegen werden, lanciert man systematisch kompromittierende Nachrichten über Ai. So verbreiteten die von Peking finanzierten Hongkonger Blätter Wen Wei Po und Ta Kung Pao Gerüchte über Ais Privatleben und warfen dem unter anderem für Aktfotos bekannten Künstler vor, im Internet Pornografie verbreitet zu haben. Zudem gebe es „hinreichende Beweise für Steuerhinterziehung“, zitierten die Zeitungen einen Informanten aus dem Polizeiministerium. Ai habe dies zugegeben und kooperiere mit den Ermittlern, hieß es – womöglich ein Versuch, seine Familie und Mitarbeiter zu verunsichern, die keinen Kontakt zu dem Künstler haben.

Die nationalistische „Global Times“ warf Ai vor, sich mit antichinesischen Kräften im Ausland verbündet zu haben, um die Volksrepublik ins Chaos zu stürzen, während die offizielle Nachrichtenagentur Ai des Plagiarismus beschuldigte. Auch ausländische Medien werden für die Propaganda ausgeschlachtet. So fanden Chinesen, die gestern bei der Suchmaschine Baidu Nachrichten über Ai Weiwei suchten, als erstes die Meldung, Bundeskanzlerin Angela Merkel habe dementiert, sich für Ais Freilassung eingesetzt zu haben. Der Hintergrund: „Der Spiegel“ hatte von einem Brief Merkels an Chinas Staat- und Parteichef Hu Jintao berichtet, was eine Regierungssprecherin jedoch dementierte. In China wurde daraus ein doppeltes Berliner Bekenntnis zu Pekings Position, denn bei den Lesern wurde der Eindruck erzeugt, Merkel unterstütze Ais Verhaftung und Chinas Kritik an westlichen Medien.

Bei unabhängigen Hongkonger Medien sorgt die Kampagne der Staatsmedien für Empörung. Die Regierung benutze „den Medienapparat, um Ai fertigzumachen“, kritisierte die Zeitung Mingpao. Die Propagandabehörde sei bemüht, „Ai mit Dreck zu bewerfen und sein Ansehen zu zerstören“. Noch hemmungsloser als in den Medien wird in Webforen gegen Ai gehetzt. Offenbar soll der Künstler, der in China vor allem als Blogger und Internetaktivist bekannt ist, mit den eigenen Waffen geschlagen werden. Das Maoismusforum „Wuyouzhixiang“ mobilisierte seine Leser ebenso wie das Patriotismusportal „m4.cn“, das eigens eine sechsteilige Filmreihe produzierte, um Ai zu diskreditieren.

Dabei sind die Vorwürfe nicht unbedingt frei erfunden, sondern oft boshafte Verzerrungen bestehender Kritik. Denn auch wenn Ai von westlichen Medien und dem internationalen Kunstmarkt lange als Star gefeiert wurde, ist er unter chinesischen Künstlern nicht unumstritten. „Ai Weiwei hat seine Regimekritik bewusst eingesetzt, um reich und berühmt zu werden“, sagt Ais bekannteste Kritikerin, die Kunsthistorikerin Zhu Ling. „Seine Ideen sind aus dem Westen geklaut, und es ist ein absolutes Unrecht, dass so einer der bekannteste chinesische Künstler ist.“ Seit Jahren sammelt Zhu, die in Berlin an der Freien Universität promovierte und 2008 in Schöneberg die „Galerie Ling“ gründete, auf ihrem chinesischsprachigen Blog Argumente gegen Ai. Neben Geldschneiderei wirft sie ihm vor, antichinesische Kräfte zu unterstützen.“Wenn Ai Weiwei China wirklich verändern wollte, sollte er nicht so häufig im Ausland sein“, schreibt sie. „Die Westler hassen und beneiden China. China ist ihr Juckreiz, und Ai Weiwei ist derjenige, der sie kratzt.“

Während ihre Artikel bisher ein obskures Randphänomen der Kunstszene waren, hat Zhu nun plötzlich tausende Leser. Das Hetzforum „Fortschrittliches China “ deklarierte sie zur Vorzeigepatriotin und bezeichnete sie als „Heldin“ und „klare Denkerin“. Zwar gehört Zhu nicht zu denen, die der chinesischen Regierung blind nach dem Mund reden. Für den in Peking verhassten Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo findet sie im Gespräch mit dieser Zeitung durchaus rühmende Worte, weil er sein Demokratiemanifest „Charta 08 “ nicht aus wirtschaftlichen Motiven, sondern aus reiner Überzeugung geschrieben habe. Und obwohl sie glaubt, dass Liu, der eine elfjährige Haftstrafe erhielt, kein faires Verfahren erhalten habe, fordert sie, dass man der chinesischen Regierung „nicht immer vorwerfen dürfe, gegen das Gesetz zu verstoßen“. Ihre neue Leserschaft sei ihr jedenfalls nicht unangenehm.

Bernhard Bartsch | 19. April 2011 um 08:36 Uhr

 

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