Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Fukushimas Preisschild

Atomstrom galt als billig – doch in Japan zeigt sich, wie teuer er sein kann.

Thunfisch müsste man sein. Dann könnte man dem Nukleardesaster von Fukushima vielleicht eine positive Seite abgewinnen. Der Blauflossen-Thuna steht auf der Roten Liste der akut vom Aussterben bedrohten Tiere, ein Resultat ungezügelter Überfischung, und nirgends ist sein Fleisch beliebter als in Japan. Doch nun vergeht vielen Menschen der Appetit auf Sushi oder Thunfischsalat. Seit zwei Wochen ziehen radioaktive Schwaden aus den Unglücksreaktoren von Fukushima Richtung Pazifik. Auch das Meerwasser, mit dem die Rettungskräfte verzweifelt die überhitzten Brennstäbe zu kühlen versuchen, fließt zurück in den Ozean, wo die Radioaktivität in die Nahrungskette eingeht. Welches Ausmaß die nukleare Verseuchung annehmen wird, ist unklar – es ist ja nicht einmal absehbar, ob in Fukushima das Schlimmste schon überstanden ist oder erst bevorsteht.

Doch selbst wenn ein Super-GAU verhindert werden kann, enden die Auswirkungen längst nicht mehr an der Grenze der Evakuierungszone. Nicht nur Gemüse und Milch aus dem weiteren Umkreis sind belastet. In der 250 Kilometer südlich gelegenen Hauptstadt Tokio wurden im Leitungswasser größere Mengen radioaktiven Jods nachgewiesen. Für Kleinkindnahrung sollte es nicht verwendet werden, erklärte die Regierung, und niemand kann ausschließen, dass sie nicht bald auch Erwachsene davor warnen muss. Für Babynahrung liegt Japans gesetzliche Höchstgrenze bei 100 Becquerel, gemessen wurden 210 Becquerel, und bis zum Grenzwert für Erwachsene von 300 Becquerel ist es nicht mehr weit.

Aber was wird, wenn dieser erreicht ist? Schon jetzt decken sich in Tokio viele Menschen vorsorglich mit Flaschenwasser ein. Doch für den Ernstfall reichen die verfügbaren Mengen niemals aus. Wer will seine Hände oder Wäsche mit Leitungswasser waschen, das als radioaktiv belastet gilt? Zwar warnen Experten und Regierung vor Panikmache und versuchen, die Bevölkerung mit dem Hinweis zu beruhigen, dass alle Grenzwerte konservativ bemessen seien und von den bisherigen Überschreitungen keine unmittelbare Gefahr ausgehe. Doch selbst wer dem vertraut, kann sich keineswegs darauf verlassen, dass nicht bald viel stärkere Belastungen gemessen werden. Die Situation ist außer Kontrolle.

Außer Kontrolle sind auch die Kosten, die das Desaster verursacht. Schon jetzt gelten das Beben und der von ihm ausgelöste Tsunami als die teuerste Naturkatastrophe der Weltgeschichte. Die japanische Regierung schätzt die Kosten für die Zerstörung von Straßen, Wohnungen und Fabriken auf 220 Milliarden Euro, doch die Rechnung ist unvollständig. Die Folgen von Strom- und Produktionsausfällen sind darin ebenso wenig berücksichtigt wie Kostenbelastungen im Fall, dass die Region rund um das Atomkraftwerk Fukushima dauerhaft unbewohnbar werden sollte. Ebenso wenig abgeschätzt sind die Kosten, die durch die Verstrahlung außerhalb der Evakuierungszone verursacht werden.

Es mag zynisch klingen, einer derartigen Katastrophe ein Preisschild anheften zu wollen. Menschenleben lassen sich nicht mit Geld aufwiegen und die in der Bevölkerung ausgelöste Angst vor Strahlenschäden ist kaum in Dollar zu bemessen. Trotzdem sind die Berechnungen gerechtfertigt. Atomstrom gilt als billig, doch in Japan zeigt sich, wie teuer er sein kann, wenn etwas schiefgeht. Keine Versicherung würde für solche Risiken Policen verkaufen. Für den Schaden muss am Ende die Gesellschaft aufkommen und sich bewusstwerden, dass ein einziger Fehler ausreicht, um Millionen Menschen ihres Lebensraums oder ihres Wohlstands zu berauben.

Doch so schlimm das Ausmaß bereits ist, so zeigt ein Blick auf die Landkarte dennoch, dass man selbst bei einer Katastrophe dieser Größenordnung noch von Glück im Unglück sprechen kann. Von allen japanischen Atomkraftwerken, die ein Erdbeben hätte beschädigen können, gehört Fukushima zu denjenigen, von denen eine eher geringe Gefahr ausgeht. Die havarierten Reaktoren liegen im relativ dünn besiedelten Norden des Landes, direkt an der Ostküste, wo der Wind die radioaktive Wolke die meiste Zeit aufs Meer hinaustreibt. Viele andere liegen dagegen in Regionen, wo der Fallout direkt große Ballungszentren wie Tokio, Osaka oder Nagoya getroffen hätte. Das Ausmaß einer solchen Katastrophe möchte man sich nicht ausmalen – und sollte es trotzdem tun. Weder die Japaner noch der Rest der Welt können sich darauf verlassen, dass nicht beim nächsten Atomunfall alles noch viel schlimmer wird.

Bernhard Bartsch | 24. März 2011 um 14:24 Uhr

 

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