Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Freund Frech

Han Han ist Rennfahrer und Blogger, und bei Chinas Studenten ist er Kult. Er spottet über alles, was der Partei heilig ist.

Der Star mag Steaks. „Wer sein Fleisch nicht schafft, kann es mir geben“, sagt Han Han kauend und grinst auffordernd in die Runde, worauf seine junge Assistentin prompt erklärt, eigentlich ohnehin nicht hungrig zu sein. Es ist Mittagszeit, und Chinas berühmtester Rennfahrer wartet seit Stunden im Garagentrakt der Schanghaier Formel-1-Strecke auf sein Fahrzeug. Der Autotransporter steht im Stau. Würde vor der Tür nicht ein Pulk junger Mädchen lauern, könnte er jetzt mit seinen Teamkollegen auf dem Parkplatz Fußball spielen, aber so geht er nur ab und zu nach draußen, um eine neue Ladung Kuscheltiere und Bastelarbeiten entgegenzunehmen. „Ist das nicht süß?“, sagt er und zeigt ein liebevoll beklebtes Fotoalbum. „Wenn ich bloß wüsste, was ich mit dem ganzen Zeug machen soll.“

Der 27-Jährige mit der Boygroup-Frisur und den androgynen Zügen gehört zu Chinas Jugendidolen, und das nicht nur, weil er in mehreren Fahrzeugklassen chinesischer Meister ist. Bekannt wurde er als Autor von jugendlicher Popliteratur. Ein Star wurde er, als er vor vier Jahren begann, sich in seinem Blog mit beißendem Spott über die Abgründe der chinesischen Politik herzumachen. Kaum ein anderer wagt sich so nah an die Problemzonen der Kommunistischen Partei, seien es Diktatur, Korruption, Propaganda, Zensur, Nationalismus. „Han Han gibt der jungen Generation eine Stimme“, sagt der Künstler Ai Weiwei, selbst ein regimekritischer Blogger. „Er ist ein sehr, sehr schlauer Junge.“

Han Hans Webseite zählt bereits mehr als 300 Millionen Besucher, über 300 000 Menschen verfolgen ihn auf Twitter. Vor allem bei Studenten und den jungen städtischen Eliten genießt er Kultstatus. Als das US-Magazin Time ihn kürzlich für seine Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Welt nominierte, bescherten ihm die Fans bei der Internetabstimmung über eine Million Stimmen und einen Spitzenplatz. Zwar lassen die Behörden immer wieder Blogeinträge löschen, doch sein Bekanntheitsgrad schütze ihn bisher vor Repressionen, sagt Han Han. „Ich bin in der glücklichen Situation, es mir leisten zu können, immer wieder an die Grenzen zu gehen. Und wenn ich mich traue, trauen sich auch andere.“

Im Januar malte er sich aus, wie weit Chinas Internetpolizei die Zensur noch treiben könnte. Der Text wurde prompt vom Blog gelöscht. Wenig später ließ er die Leser abstimmen, ob ein chinesischer Beamter, der innerhalb eines halben Jahres 60 000 Yuan – umgerechnet 6 600 Euro – Schmiergeld angenommen hatte, als besonders korrupt oder besonders ehrlich gelten müsse. 200 000 Leser teilten seine Meinung, dass der Beamte für chinesische Verhältnisse ausgesprochen sauber sei und wieder eingestellt werden solle.

Jüngstes Ziel von Han Hans Spott ist die Schanghaier Weltausstellung, die ihm wie alle staatlichen Prestigeprojekte suspekt ist. Als die Stadtväter ihn kürzlich zu einem Symposium zum Expo-Thema „Bessere Stadt, Besseres Leben“ einluden, sagte er zwar zu – doch nur, um die Veranstalter vorzuführen. Man habe ihn gebeten, darüber zu sprechen, wie das Leben in der Stadt immer besser werde, eröffnete er seinen Vortrag. „Aber ich möchte lieber darüber reden, warum das Leben in der Stadt immer schlechter wird.“ Dann erörterte er eine halbe Stunde lang Probleme wie Umweltverschmutzung, Verkehrschaos, Immobilien-Abzocke und die Zerstörung alter Viertel und schloss mit harscher Kritik an der Regierung. „Ich finde, Schanghai ist keine echte Metropole“, sagte er. „Die Beamten benehmen sich, als sei öffentlicher Dienst so etwas wie Schweine füttern.“

„Han Han kann sehr hitzköpfig sein“, sagt sein Verleger und Freund Lu Jinbo. „Manchmal muss man ihn ein bisschen vor sich selbst schützen.“ Der Kampf gegen Autoritäten zieht sich wie ein Leitmotiv durch Han Hans Biografie. Der Vater, Titelseitenredakteur bei einer staatlichen Zeitung, sorgte dafür, dass sein Sohn nicht mit der üblichen Propagandaliteratur aufwuchs, sondern mit Werken großer Autoren. Die Saat ging auf: Mit 17 gewann Han Han einen landesweiten Aufsatzwettbewerb. Doch sein eigenwilliger Stil passte nicht zum Drill des chinesischen Schulsystems. „Ich war ein aufmüpfiger Schüler und konnte einem Schulverweis nur entgehen, indem ich mich vorher selbst abmeldete“, erzählt er. Statt die Uni-Aufnahmeprüfung zu machen, schrieb er seinen ersten Roman, „Die dreifache Tür“, eine Satire auf das chinesische Bildungssystem. Bei Gleichaltrigen traf er damit einen Nerv. Das Buch verkaufte sich zwei Millionen Mal. Auch die dreizehn Werke, die er seitdem verfasst hat, sind Bestseller. „Han Han ist inzwischen eine Marke geworden“, sagt Verleger Lu. „Viele junge Chinesen können sich mit ihm identifizieren.“

Seine finanzielle Unabhängigkeit nutzte Han Han, um sich einen Kindheitstraum zu verwirklichen: Er begann Autorennen zu fahren. 2003 ging er unter die Profis und wurde in mehreren Wagenklassen chinesischer Meister. Doch den Ehrgeiz, es bis in die Formel 1 zu schaffen, hat er nicht, zumal ihm dann kaum Zeit für andere Projekte bliebe. Er träumt von einer eigenen Zeitschrift. „Es geht mir nicht darum, Geld zu verdienen, davon habe ich schon genug“, sagt er. „Ich will einfach ein Magazin machen, wie ich es selbst gerne lesen würde.“ Eine erste Ausgabe hat er produziert, doch da die Behörden ihm keine weitere Arena geben wollen, verweigern sie die Lizenz.

Han Han hat es nicht eilig. „Wer mit dem Kopf durch die Wand zu gehen versucht, kann in China nicht gewinnen“, sagt er. „Wenn ein Thema nicht geht, schreibe ich über etwas anderes, es gibt ja genügend sensible Bereiche.“ Seine Kritik empfindet er als durchaus patriotisch. „Sein Land zu lieben, bedeutet, es davor zu schützen, dass es von der Regierung verletzt wird“, sagt Han Han. Man dürfe ein Volk nicht mit seiner Regierung verwechseln. „Das Volk bleibt immer gleich, aber die Regierung nicht unbedingt.“ Junge Leute seiner Generation verbinde mit den alten Parteibonzen nur, dass beide Freundinnen in den Zwanzigern haben, scherzt er. Dann geht er noch einmal vor die Tür, um den Fans Autogramme zu geben.

Bernhard Bartsch | 03. Mai 2010 um 06:04 Uhr

 

Ein Kommentar

  1. Tweets die Freund Frech | Bernhard Bartsch erwähnt -- Topsy.com

    04. Mai 2010 um 23:02

    […] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von holio erwähnt. holio sagte: Bernhard Bartsch über den Blogger Han Han (韓寒) als "Freund Frech" http://www.bernhardbartsch.de/archiv/freund-frech/ […]