Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Fremde Landsleute

Viele Südkoreaner wollen mit den Flüchtlingen aus dem Norden nichts zu tun haben. Sie fürchten um ihren Wohlstand.

Die junge Frau muss sich sichtlich überwinden. Kerzengrade steht sie an der Wegkreuzung eines Parks im Herzen von Seoul und hält Ausschau nach Spaziergängern. Kommt einer in ihre Richtung, atmet sie tief durch, holt ein Flugblatt aus der Tasche und streckt es dem Passanten entgegen. „Wussten Sie, dass in Südkorea 23 000 Überläufer aus Nordkorea leben?“, steht darauf, gefolgt von einigen Bitten. „Bieten Sie einem Nordkoreaner ihre Freundschaft an“, lautet eine davon. Eine andere: „Wenn Sie einen Nordkoreaner kennenlernen, fragen sie nicht sofort, auf welchem Weg er nach Südkorea gekommen ist. Viele von uns haben traumatische Erlebnisse hinter sich, über die es nicht leicht ist, zu sprechen.“

Grace, wie sich die junge Frau mit englischem Namen nennt, ist vor sechs Jahren selbst aus Nordkorea geflohen, erst über die Grenze nach China und von dort nach Südkorea. Geschmuggelte DVDs mit südkoreanischen Seifenopern hatten ihr die Augen geöffnet, wie erbärmlich die Situation in ihrer Heimat ist und wie verlogen die Propaganda der nordkoreanischen Regierung, die ihrem Volk weiszumachen versucht, es lebe in einem wohlhabenden und bewunderten Land. Doch kaum in Südkorea angekommen, musste Grace feststellen, dass sie bei ihren dortigen Landsleuten nicht sonderlich willkommen war. „Die meisten Südkoreaner machen keinen Hehl daraus, dass sie mit Nordkoreanern nichts zu tun haben wollen“, erzählt sie. „Die Regierung hat mir zwar Geld, eine Wohnung und einen Ausbildungsplatz gegeben, aber auf der menschlichen Ebene ist es für Nordkoreaner kaum möglich, hier Anschluss zu finden.“ Die Aktion im Park war die Idee ihrer Englischlehrerin, einer amerikanischen Missionarin, die an einer Abendschule für Überläufer unterrichtet. „Mehrere Passanten haben mich gefragt, ob ich selbst aus dem Norden komme“, erzählt Grace. „Dann haben sie mich ganz erstaunt angeschaut und gesagt, dass ich doch eigentlich ganz normal aussehe.“

Die Berührungsängste sind bezeichnend für das schwierige Verhältnis der Südkoreaner zu ihren nordkoreanischen Landsleuten. Offiziell befinden sich die beiden Koreas seit über 60 Jahren im Kriegszustand und erheben jeweils Anspruch auf die Herrschaft über die gesamte Halbinsel. Viele Südkoreaner würden diesen Anspruch gerne aufgeben. „Die Südkoreaner sehen die Nordkoreaner kaum noch als ihre Brüder und Schwestern“, klagt der südkoreanische Menschenrechtsaktivist Kim Sang-hun. „Die humanitäre Katastrophe im Norden ist ihnen egal, denn sie haben Angst, dass eine Wiedervereinigung den Süden seinen Wohlstand kosten würde.“ Dass die Diktatorendämmerung im Nahen Osten den Südkoreanern derzeit eine Ahnung davon verleiht, wie schnell eines Tages auch die Tyrannei von Kim Jong Il ihr Ende finden könnte, vertieft die Kluft noch. Überläufer gelten in der Regel nicht als Opfer eines Unrechtsregimes, sondern als dubiose Subjekte.

Einer Studie der Nichtregierungsorganisation „Crisis Group“ zufolge sehen viele Südkoreaner die Flüchtlinge als „Alkoholiker, tendenziell kriminell, arbeitsfaul und abhängig von Regierungsunterstützung.“
Tatsächlich sind viele Nordkoreaner mehr auf staatliche Hilfe angewiesen, als sie vor ihrer Flucht erwartet haben. Im fortschrittlichen Südkorea mit seinem elitären Bildungssystem gibt es nur wenig Verwendung für Menschen, in deren Schulen ein Großteil der Zeit darauf verwendet wurde, die Weisheiten des Geliebten Führers Kim Jong Il auswendig zu lernen. „Ich hatte immer geglaubt, dass Nordkorea ein modernes Land sei“, erzählt Herr Park, der vor zwei Jahren in den Süden kam. Wie die meisten Überläufer will er nicht seinen vollen Namen verraten, um seine Verwandten im Norden nicht zu gefährden. Hätte ihn seine Frau nicht zur Flucht überredet, wäre er im Norden geblieben, wo er als Mediziner eine privilegierte Position genoss.

Wir gingen davon aus, dass ich im Süden auch als Arzt arbeiten würde, aber hier viel mehr verdiene“, erzählt der Mittvierziger. Doch Park musste schnell feststellen, dass seine Ausbildung im Süden wertlos war. Da in Nordkorea Englisch die Sprache der verhassten Imperialisten ist, beruhte Parks Wissen auf alten Lehrbüchern, die aus dem Russischen übersetzt waren. Während seiner fünfzehnjährigen Karriere als Arzt hatte er noch nicht einmal von der Existenz von Ultraschallgeräten gehört. „Als ich zum ersten Mal sah, was südkoreanische Krankenhäuser für eine Ausstattung haben, war ich schockiert“, sagt Park. Mehr als ein Job als Pflegehelfer ist für ihn in Südkorea nicht drin. Der soziale Abstieg macht ihm schwer zu schaffen. „Manchmal denke ich, es wäre besser gewesen, wenn ich in Nordkorea geblieben wäre“, gibt er zu.

„Dass viele Nordkoreaner im Süden nicht das Leben finden, das sie erwartet haben, ist für sie schon hart genug“, sagt Aktivist Kim. „Doch dass sie dazu auch noch die Verachtung ihrer neuen Mitmenschen ernten, drängt sie noch zusätzlich ins Abseits.“ Das ist nicht nur ein menschliches Problem. Die Experten der „Crisis Group“ mahnen, Südkorea müsse sich darauf einstellen, dass in den kommenden Jahren noch weitaus mehr Flüchtlinge kommen und dass ihre Integration für die Regierung ein Testfall sein sollte, wie das Land mit einen Zusammenbruch des Nordens umgehen würde: „Die Probleme, die schon der Umgang mit nur gut 20 000 Flüchtlingen bereitet, sollten eine Warnung sein.“

Bernhard Bartsch | 18. Oktober 2011 um 03:54 Uhr

 

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