Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Flug in die Freiheit

Der regimekritische Autor Liao Yiwu durfte erstmals aus China ausreisen. Unser Korrespondent hat ihn von Chengdu nach Berlin begleitet.

Der Gang durch die Passkontrolle ist so einfach, dass es geradezu an Spott grenzt. Mit einem kurzen Blick vergleicht die junge Polizistin das Foto mit dem Mann, der an ihrem Schalter steht und versucht, die Ruhe selbst zu sein. „So viele Auslandsvisa, aber noch nie ausgereist“, bemerkt die Beamtin, während sie durch den Ausweis blättert. „Keine Zeit gehabt“, entgegnet Liao Yiwu und lacht. Die Polizistin zückt ihren Stempel und eine blinkende Leuchtanzeige fragt den Reisenden, ob er mit der Bearbeitungsgeschwindigkeit zufrieden ist. „Sehr zufrieden“, drückt Liao. Dabei hat seine Abfertigung mehr als ein Jahrzehnt gedauert.

Es ist ein Uhr nachts, nur noch wenige Passagiere schleichen müde durch die Hallen des Pekinger Flughafens. Nur einer scheint sich keinen Ort vorstellen zu können, wo er jetzt lieber wäre. „Mehr als zehn Mal habe ich versucht auszureisen, aber erst haben mir die Behörden jahrelang keinen Pass ausgestellt, und später haben sie mich zu Hause festgehalten oder am Flughafen festgenommen“, erzählt Liao. „Und jetzt lassen sie mich hier durchspazieren, als sei Freiheit die größte Selbstverständlichkeit.“

Freiheit und Unfreiheit, das ist Liao Yiwus Thema – und der Grund, weshalb Chinas Regierung ihn am liebsten mundtot machen würde. Vergeblich. Obwohl er vier Jahre lang als politischer Häftling im Gefängnis verbrachte und in der Volksrepublik kein Medium seinen Namen erwähnen darf, ist der 52-Jährige einer der berühmtesten und bedeutendsten chinesischen Gegenwartsschriftsteller. Auf dem chinesischen Schwarzmarkt haben seine Bücher hohe Auflagen, im Internet kursieren digitale Kopien und im Ausland verkaufen sich die Übersetzungen gut genug, dass Liao von den Tantiemen leben kann.

Sein vergangenes Jahr erschienener Reportageband „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“ ist eines der erfolgreichsten chinesischen Bücher in deutscher Übersetzung, wobei sein Bekanntheitsgrad nicht zuletzt den Schlagzeilen über Liaos gescheiterte Ausreiseversuche geschuldet ist. An der Frankfurter Buchmesse im vergangenen Oktober durfte er ebenso nicht teilnehmen wie am Kölner Literaturfest „lit.Cologne“ im März oder an Lesungen in Taiwan oder Australien. Umso überraschender ist es, dass er nun beim Internationalen Literaturfestival in Berlin und beim Hamburger Harbourfront-Festival auftreten darf. Insgesamt will Liao anderthalb Monate in Deutschland bleiben. „Die chinesischen Behörden haben mir in mehreren Gesprächen eingebläut, was ich sagen darf, und was nicht“, erzählt er. „Politische Themen soll ich vermeiden und immer betonen, dass ich nur meine private Meinung sage.“ Liao muss laut lachen. Keine Sorge, beruhigte er die Beamten, es geht ja nur um Literatur. Als könnte das unpolitisch sein.

Zwölf Stunden, bevor Liao Yiwu in Peking durch die Passkontrolle geht, sitzt er an seinem Küchentisch und zeigt Ausgaben der Untergrund-Zeitschrift „Intellektuelle“, die er Ende der Neunziger herausgegeben hat. „Gedanken eines Mannes ohne Geld und Einfluss“, lautet der Titel eines Aufsatzes, den Liao veröffentlicht hat, ein anderer heißt „Mafia“ und handelt vom staatlichen chinesischen Literaturbetrieb. „Damals musste man solche Publikationen noch heimlich drucken“, sagt Liao. „Inzwischen verbreiten sich alles über das Internet.“ Das Appartement im fünften Stock einer Neubausiedlung am Rande von Chengdu, der Hauptstadt der südwestchinesischen Provinz Sichuan, ist geräumig. Aus den Lautsprechern kommt tibetische Musik. „Braucht er in Deutschland einen Anzug?“ fragt Liaos Frau. „Er trägt so etwas nicht gerne. Ab und zu klingelt das Telefon und ein Journalist erkundigt sich nach der Reise. „Es ist ein bisschen schwierig, darüber zu reden“, sagt Liao. „Die Journalisten stellen natürlich kritische Fragen, aber ich weiß dass mein Telefon abgehört wird.“ Liao will seine Reise nicht durch leichtsinnige Zitate gefährden. Auch seinen Computer hat er von kritischen Inhalten bereinigt. Gegenstände, die ihm an der Grenze Scherereien bereiten könnten, gibt er dem Journalisten ins Gepäck. Ausländer genießen in China oft mehr Freiheiten als Chinesen.

Dabei könnte Liao ohnehin nichts Sensibleres im Gepäck haben als seine eigene Geschichte, die keine Tragödie des kommunistischen China auslässt. Geboren wurde er 1958 in Sichuan, gerade noch rechtzeitig für das erste große Desaster der Mao-Zeit, den „Großen Sprung nach Vorn“, der viele Millionen Chinesen das Leben kostete. „Mit zwei Jahren wäre ich fast verhungert“, erzählt Liao. „Ich war so schlecht ernährt, dass ich mit vier noch immer nicht laufen konnte.“ 1966 brach die Kulturrevolution aus und Liaos Vater, ein Lehrer, musste als Rechtsabweichler ins Gefängnis. Zum Schutz der Kinder ließen sich die Eltern scheiden und Liaos Mutter hielt die Familie notdürftig über Wasser. Als sie auf dem Schwarzmarkt Zuteilungsmarken gegen Lebensmittel eintauschen wollte, wurde sie als Verbrecherin durch die Straßen gezerrt. „Ich war am Boden zerstört“, sagt Liao.

Als Jugendlicher entdeckte er, dass er sein Schicksal leichter ertragen konnte, wenn er sich in die Welt der Literatur flüchtete. Er begann Gedichte zu schreiben und – nachdem sich das kulturelle Klima mit Maos Tod 1976 zu lockern begann – in Zeitschriften zu veröffentlichen. Seine Verse trafen den Nerv der Zeit und Liao gehörte bald zu den vielversprechendsten Autoren der jungen Generationen, erhielt über zwanzig Preise und einen anständig bezahlten Posten im staatlichen Literatursystem. „Aber dann kam das Jahr 1989, das alles verändert hat“, erzählt Liao.

Obwohl er das Blutbad auf Pekings Platz des Himmlischen Friedens nur aus dem über tausend Kilometer entfernten Chongqing mitbekam, war der junge Autor schockiert. Seiner Verzweiflung machte er in einem Gedicht mit dem Titel „Massaker“ Luft, das auf Kassetten verbreitet wurde und bei Chinas Jugend schnell Kultstatus erlangte. Zur Strafe wurde er zu vier Jahren Haft verurteilt, wo er von Wärtern und Mithäftlingen misshandelt wurde. Einmal bekam er 23 Tage lang die Hände auf den Rücken gefesselt. Liao erlitt Nervenzusammenbrüche und versuchte sich umzubringen.

Seine Zellengenossen nannten ihn den „großen Irren“. Doch das Gefängnis öffnete Liao auch die Augen: Er begann China aus der Perspektive der Schwachen zu sehen und auf die Geschichten derer zu hören, die keine Stimme haben. Aus Liao, dem Dichter, wurde Liao, der Reportageschriftsteller, der das Leben um unteren Ende der chinesischen Gesellschaft dokumentiert. „Im Nachhinein sehe ich meine Erfahrungen im Gefängnis als ungeheuren Schatz“, sagt Liao. „Damals habe ich erkannt, was meine Verantwortung ist: aufschreiben, wie das Leben in China heute wirklich ist.“ Angst vor Repressalien hat er nicht mehr. Was könnte man einem wie ihm noch antun, was er nicht schon erlitten hat? Aus der Erfahrung der Unfreiheit hat er die Freiheit der Unerpressbarkeit gewonnen.

Zwölf Stunden, nachdem Liao Yiwu die Pekinger Passkontrolle passiert hat, sitzt er in Budapest auf dem Flughafen und wartet auf seinen Anschlussflug nach Berlin. Er blättert in seiner Reiselektüre, dem ersten Band des Shiji, des großen Geschichtswerkes des Historikers Sima Qian. „Es ist ein gutes Buch, um zur Ruhe zu kommen und sich darauf zu besinnen, was wirklich wichtig ist“, sagt Liao. Im zweiten vorchristlichen Jahrhundert war Sima Qian der Hofgeschichtsschreiber des Kaisers Han Wudi – schon damals wollten Chinas Herrscher selbst bestimmen, welches Bild die Welt von ihnen haben sollte. Weil Sima Qian sich der Wahrheit mehr verpflichtet fühlte als der imperialen Selbstdarstellung, ließ der Kaiser ihn kastrieren. „Sima Qian hat damals überlegt, ob es nicht besser sei, Selbstmord zu begehen, aber am Ende entschied er, dass es wichtiger sei, die Wahrheit für die Nachwelt aufzuschreiben“, erklärt Liao.

Die Einstellung sei für chinesische Intellektuelle typisch: „Im Westen würde man sagen, dass ein Leben ohne Freiheit nicht lebenswert sei, aber in China sind wir es gewohnt, uns mit Unfreiheit zu arrangieren.“ Auch Chinas Philosophen Konfuzius, Laozi und Zhuangzi seien Getriebene gewesen, die von Land zu Land gezogen seien, stets auf der Suche nach einem Herrscher, der ihnen die Freiheit zum Denken und Reden geben würde. Die berühmten Dichter der Tang- und Song-Dynastie schrieben ihre Werke ebenfalls in der Verbannung. „China hat eine großartige Kultur und ein miserables System“, findet Liao. „Aber wenn wir daran denken, wie schwer die Intellektuellen es früher hatten, sollen wir uns heute nicht beschweren. Immerhin haben wir heute das Internet – wie mächtig hätten Konfuzius oder Laozi werden können, wenn es damals Twitter gegeben hätte.“

Hat die Regierung Liao deshalb reisen lassen, weil sie gegen das Internet nicht ankommt? Liao weiß es nicht. Vielleicht hat Deutschlands diplomatisches Engagement Früchte getragen – das Kanzleramt und das Außenministerium hatten sich für den Autor eingesetzt. Womöglich will Peking vermeiden, dass bald jedes Literaturfest der Welt Liao einlädt und damit chinakritische Schlagzeilen kreiert. Soll die Freiheit für einen Einzelnen die Unfreiheit für viele bemänteln?

Am Gepäckbank in Berlin steht Liao vor dem Plakat einer Autovermietung, die mit dem Wortspiel „Freiheit für alle“ wirbt. Liao kann darüber lachen, ein wenig zumindest. „Ich bin gespannt darauf, was Freiheit in einem Land wie Deutschland tatsächlich bedeutet“, sagt er. Doch sein Heil im Exil suchen, wie es viele andere chinesische Schriftsteller tun, will er auf keinen Fall. „Ich kann wirklich nicht sagen, dass ich China lieben würde“, meint Liao. „Aber meine Arbeit – die liebe ich über alles.“

Bernhard Bartsch | 16. September 2010 um 06:35 Uhr

 

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