Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Flirt mit fatalen Folgen

Peking und Taipeh nähern sich weiter an. Die Taiwanesen zahlen dafür einen hohen Preis: Die wirtschaftliche Zusammenarbeit kostet sie ihre politische Selbständigkeit.

chiang_pin-kungChiang Pin Kung schaut sich gerne selber ins Gesicht. An den Wänden seines Büros in einem Hochhaus in Taipeh hängen gleich mehrere Ölporträts. Daneben Fotos von den wichtigsten Handschlägen seiner Karriere, darunter einer mit Chinas Staatspräsident Hu Jintao. Auf seine Bildersammlung ist der 76-Jährige offenbar so stolz, dass er sie auf Briefmarken hat drucken lassen, um sie Gästen mit feierlicher Geste zu schenken.

An diesem Wochenende dürfte die Kollektion um ein paar weitere Schnappschüsse anwachsen: Chiang Pin Kung leitet als Vorsitzender der Stiftung für die Beziehungen in der Taiwanstraße die Verhandlungsdelegation, die am Samstag aus Taipeh zu Gesprächen über eine weitere Annäherung mit Peking in die ostchinesischen Stadt Nanjing reist. „Wir werden eine Reihe von Wirtschaftsabkommen unterzeichnen“, erklärte Chiang kurz vor seiner Abfahrt im Gespräch mit der FR. „Angesichts der Finanzkrise ist es für beide Seiten wichtiger denn je, eng zu kooperieren.“

Das Treffen ist das dritte seit dem Amtsantritt des taiwanesischen Präsidenten Ma Ying Jeou im Mai 2008. Ma hat die konfrontative Unabhängigkeitspolitik seines Amtsvorgängers Chen Shui Bian umgehend in einen wirtschaftsfreundlichen Pro-China-Kurs umgekehrt, den Peking mit weitgehenden Zugeständnissen belohnt hat. Seit Dezember gibt es direkte Flug-, Schiffs- und Postverbindungen zwischen den beiden Chinas, die sich pro forma seit 1949 im Kriegszustand befinden. Drei weitere Abkommen sollen an diesem Sonntag unter Dach und Fach gebracht werden: So soll die Zahl der Direktflüge erhöht, die Kooperation im Finanzsektor ausgebaut und und die gemeinsame Verbrechensbekämpfung intensiviert werden.

Chefunterhändler Chiangs eigentlicher Auftrag ist aber ein anderer: Er soll auf baldige Gespräche über ein Freihandelsabkommen drängen. Weil China mit den südostasiatischen Asean-Staaten ab 2010 schrittweise seine Zölle abbauen will, droht Taiwan die wirtschaftspolitische Isolation. Taiwans Exporte, an denen rund zwei Drittel der Wirtschaft hängen, würden damit um sechs bis zehn Prozent teurer als die Waren aus anderen Ländern der Region, schätzt Taipehs Wirtschaftsministerium.

Da die Volksrepublik Taiwans mit Abstand größter Handelspartner ist, habe der de facto unabhängige Inselstaat keine andere Wahl, als mit dem großen Nachbar zu kooperieren, argumentiert daher Präsident Ma – wohl wissend, dass er politisch ein großes Risiko eingeht. Denn Taiwans wirtschaftliche Abhängigkeit gefährdet die politische Unabhängigkeit.

Sowohl in Peking wie in Taipeh sei man sich der Konsequenzen der Annäherung voll bewusst, glaubt Lin Chong Pin, Politologe von der Tamkang Universität. „Vordergründig geht es nur um Wirtschaftsfragen. Aber Peking weiß genau, dass Taiwan damit immer fester an die Volksrepublik angeschlossen wird.“ Auch Parris Chang, Präsident des taiwanesischen Instituts für politische, wirtschaftliche und strategische Studien, glaubt, dass Taiwan durch ein Freihandelsabkommen „de facto zu einer chinesischen Sonderwirtschaftszone“ werde.

Seine militärische Macht braucht China deshalb immer weniger auszuspielen, glauben die Experten. Zwar zielen nach Angaben des Pentagon noch immer 1300 chinesische Raketen auf Taiwan. „Aber das Militär ist nur noch das Rückgrat der chinesischen Macht, nicht mehr sein wichtigstes Instrument“, sagt Lin. „Seinen eigentlichen Einfluss übt Peking inzwischen ganz anders aus.“

Peking tut derzeit alles, um in Taiwan nicht als Bedrohung aufzutreten. „Angesichts der weltweit schwierigen Wirtschaftssituation sollten die Landsleute der beiden Seiten an die Zukunft denken und die Vergangenheit vergessen“, erklärte Premier Wen Jiabao kürzlich und unterbreitete fünf Vorschläge für eine künftige Zusammenarbeit. Als Zeichen des guten Willens will Peking den Taiwanesen auch einen Beobachterstatus in der Weltgesundheitsorganisation einräumen. Taipeh bemüht sich seit Jahren vergeblich um Mitgliedschaften in internationalen Organisationen.

Erschienen in: Frankfurter Rundschau, 25. April 2009

Bernhard Bartsch | 25. April 2009 um 03:29 Uhr

 

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