Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Falschgeld online

In China floriert der Handel mit Blüten. In der Krise verbessern Unternehmen damit ihre Zahlungsfähigkeit.

Kürzlich hat mir der Bankautomat wieder Falschgeld ausgespuckt. Meistens merke ich das erst, wenn mir ein Verkäufer oder Taxifahrer einen Schein kopfschüttelnd zurückgibt. Ich stecke die Blüte dann in meinem Geldbeutel ganz nach vorne, um sie bei nächster Gelegenheit wieder loswerden. Sitzen geblieben bin ich darauf noch nie, denn im Grunde wird Falschgeld in China genauso benutzt wie echtes.

Völlig korrekt ist das natürlich nicht, aber mein schlechtes Gewissen hält sich in Grenzen, solange auch die chinesischen Staatsbanken regelmäßig Blüten in Umlauf bringen. Ob die Banken dabei aus den gleichen Motiven handeln wie die Normalbürger, oder ob ihre Prüftechnik versagt, ist Thema wilder Spekulationen. Allerdings achte ich darauf, dass ich die Fälschungen nicht armen Straßenhändlern unterjuble, die sie womöglich nur schwer weitergeben können, sondern lieber der Telefongesellschaft oder dem Steueramt. Da man in China Rechnungen meist alles bar bezahlt und der größte Schein gerade einmal 100 Yuan (10 Euro) wert ist, hantiert man öfter mit dicken Geldstapeln, bei denen kaum auffällt, wenn sie nicht durch und durch echt sind.

Chinesischen Medien zufolge ist der Falschgeldmarkt ein Saisongeschäft, das seinen Höhepunkt in den Wochen vor dem chinesischen Neujahrsfest hat. Viele Wanderarbeiter erhalten dann ihren Jahreslohn und für skrupellose Unternehmer ist es ein leichtes, ihnen dabei ein paar Blüten unterzuschieben. Die Fälschungen werden dafür eigens bezogen – aus dem Internet. In chinesischen Webforen finden sich hunderte Falschgeldanzeigen, oft in den Kommentarspalten versteckt. „Absolute Glaubwürdigkeit“, verspricht etwa ein Herr Long aus dem südchinesischen Guangzhou. „Sicherheit und Ehrlichkeit sind in unserem Geschäft entscheidend.“ Für die Kontaktaufnahme gibt es eine Telefonnummer. Der Wechselkurs zwischen Echt- und Falschgeld richtet sich nach der Qualität, wobei die besten Blüten bis zu einem Drittel des Nennwertes kosten. Einige Firmen werben damit, dass ihr Geld in Taiwan auf modernsten Maschinen gedruckt worden sei. „Exquisite Verarbeitung, Wasserzeichen, Farbe – alles wie bei echtem Geld“, lautet das Angebot. „Selbst das Rascheln von Geldbündel klingt echt.“

Keiner weiß, wie viel Falschgeld in China im Umlauf ist, aber weniger wird es offenbar nicht. Vergangenes Jahr konfiszierte die Polizei innerhalb von zehn Monaten Blüten im Wert von 120 Millionen Euro, mehr als dreimal so viel wie im Vorjahr. Ein chinesischer Handyhersteller hat deshalb bereits ein Mobiltelefon mit eingebautem Wasserzeichenprüfer auf den Markt gebracht. Solange ich meine Blüten problemlos ausgeben kann, werde ich aber auf den Kauf verzichten. Einmal habe ich die Fälschung sogar schon am Bankautomat gemerkt und die Beschwerde-Hotline anrufen. „Falschgeld? Kann nicht sein“, sagte die Frau am anderen Ende. Gewissermaßen hatte sie sogar recht. Eine Stunde später hatte ich für den falschen Hunderter köstlich gegessen.

Bernhard Bartsch | 04. Februar 2010 um 16:40 Uhr

 

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