Bernhard Bartsch

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Fahnenflucht eines Superstars

China ist wütend auf den Weltstar Gong Li: Die Schauspielerin hat ihren chinesischen Pass abgegeben. Damit zwingt sie ihre alte Heimat zu einer überaus schmerzhaften Nabelschau.

China hat wieder einmal patriotisches Herzrasen: Die Schauspielerin Gong Li, seit zwanzig Jahren der beliebteste Leinwandstar der Volksrepublik, will keine Chinesin mehr sein. Anfang November gab sie ihre chinesische Staatsbürgerschaft auf und schwor in einer öffentlichen Zeremonie der Flagge von Singapur die Treue. In ihrer alten Heimat löste sie damit eine schmerzhafte Sinnsuche aus: Warum kehren Chinas Volksidole ihrem Vaterland reihenweise den Rücken? Viele Chinesen empfinden Gongs Passwechsel als blanken Verrat. Bei einer Umfrage des Internetportals QQ gaben zwei Drittel der Befragten an, sie hielten die Aktrice für „unpatriotisch“, nur knapp zehn Prozent zeigten Verständnis.

„Alle Verräter werden an den Schandpfahl der Geschichte genagelt“, erzürnte sich ein Kommentator im Internetportal Sohu. „Mit solchen Menschen wollen wir nichts mehr zu tun haben.“ Andere Blogger forderten von Gong Li eine Erklärung oder beschimpften sie als Ausbeuterin: „Wie kann sie nur so skrupellos sein, erst von uns Chinesen so viel Geld zu nehmen und dann damit abzuhauen?“ Die China-Film-Gruppe, das größte Studio der Volksrepublik, warf Gong vor, sie sei der Stolz der Nation gewesen und werde chinesische Fans „sehr unglücklich“ machen, wenn sie künftig als Singapurianerin internationale Preise gewinne. Gong war unter anderem 1992 in Venedig für ihre Hauptrolle in der Literaturverfilmung „Die Geschichte der Qiu Ju“ als beste Schauspielerin ausgezeichnet worden. Berühmt wurde die 43-Jährige mit Filmen wie „Das Rote Kornfeld“, „Rote Laterne“ und „Lebe wohl, meine Konkubine“. Im Jahr 2000 leitete sie die Jury der Berlinale.

In ihrer Heimat war Gong nicht nur als Schauspielerin bekannt, sondern auch als Ikone der Werbeindustrie sowie als Abgeordnete der Politischen Konsultativkonferenz, eines hochrangigen, wenn auch machtlosen Beratungsgremiums. Das offizielle Onlineforum Volksportal verglich ihre Auswanderung deshalb mit der Landesflucht korrupter Beamter. Offiziellen Statistiken des Handelsministeriums aus dem Jahr 2005 zufolge haben sich bereits mehr als 4000 hohe Kader ins Ausland abgesetzt – mit mehr als 50 Milliarden US-Dollar im Gepäck.

Kritischere Geister geben allerdings zu bedenken, dass Gongs Emigration womöglich mehr über China aussagt als über die Schauspielerin. „Bei aller Wut sollten die Menschen nicht vergessen, dass es einen Grund gibt, warum so viele Schauspieler und andere Eliten fremde Pässe haben wollen, im Gegenzug aber kein Ausländer unsere Staatsbürgerschaft annehmen will“, kommentierte die „Chinesische Jugendzeitung“. „Wenn wir uns über Schauspieler ärgern, sollte uns das veranlassen, unsere Gesellschaft zu verbessern.“ In den vergangenen Jahren haben zahlreiche chinesische Prominente die Staatsbürgerschaft gewechselt oder sich zumindest einen Pass der Sonderverwaltungszone und ehemaligen britischen Kronkolonie Hongkong besorgt, darunter etwa der Regisseur Chen Kaige oder der Pianist Lang Lang.

Meist hat der Nationalitätenwechsel allerdings weniger politische als praktische Gründe: Wer mit einem chinesischen Pass reist, muss in den meisten Ländern der Welt vorher umständlich ein Visum beantragen, was für chinesische Jetsetter ein schweres Hindernis darstellt. Außerdem bieten Städte wie Hongkong oder Singapur einen weitaus höheren Lebensstandard als Schanghai oder Peking. Oft sind die Stars auch auf der Suche nach Steuervorteilen. Gong Li hat zudem noch eine ganz persönliche Motivation: Sie ist seit 1996 mit dem singapurianischen Unternehmer Ooi Hoe Seong verheiratet.

Um die Chinesen über den Verlust ihrer berühmten Landsfrau hinwegzutrösten, argumentiert die „Neue Hauptstadtzeitung“, bei Weltstars sei die Staatszugehörigkeit beliebig. „China braucht nicht das Gefühl zu haben, es sei nicht attraktiv genug“, schreibt das Blatt. „Und wer weiß: Vielleicht will Julia Roberts ja eines Tages einen chinesischen Pass haben.“ Auch die „Neue Volksabendzeitung“ kommentiert, Emigration sei für China keine Schande, sondern Merkmal einer „fortschrittlichen Gesellschaft“.

Sogar das „Rote Netz“, normalerweise ein Leitmedium des staatlich gelenkten Nationalismus, versuchte die Diskussion zu entschärfen: „Wir sollten bürgerliche Werte wie Fairness, Gerechtigkeit, Demokratie, Freiheit und die Menschenrechte besser schützen und Fremdenfeindlichkeit oder Machtmissbrauch bekämpfen.“ Denn aggressive Debatten wie die um Gong Li seien womöglich einer der Gründe, weswegen viele chinesische Stars keine Chinesen mehr sein wollten.

Bernhard Bartsch | 20. November 2008 um 16:04 Uhr

 

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