Bernhard Bartsch

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Exportmarkt Nummer eins

China ist für deutsche Unternehmen schon längst zum Schlüsselmarkt geworden.

Um Deutschlands erfolgreichste Messe zu besuchen, müsste Chinas Premier Wen Jiabao nicht unbedingt nach Hannover reisen. Es könnte auch eine Fahrt nach Schanghai reichen. Erfolg ist schließlich Definitionssache – und je nach Sichtweise ist nicht die weltgrößte Technologiemesse, die Wen am Sonntagabend gemeinsam mit Kanlzerin Angela Merkel in Hannover eröffnet hat, das herausragendste deutsche Messeprojekt, sondern das „Schanghaier New International Exibition Center“, ein deutsch-chinesisches Gemeinschaftsunternehmen, das unter deutscher Führung innerhalb weniger Jahre zum best ausgelasteten Ausstellungsort der Welt geworden ist.

Mehr als 90 Messen fanden 2011 auf dem 300 000- Quadratmeter-Gelände statt, darunter Ableger deutscher Schlüsselausstellungen wie die Baumaschinenschau Bauma. „Unsere gesamte Fläche wurde 2011 insgesamt 32 Mal vermietet, das ist international ein absoluter Spitzenwert“, sagt Geschäftsführer Hans-Jörg Geduhn. Bei der sogenannten Umschlaghäufigkeit gelte auf deutschen Messegeländen schon ein Wert von 15 als gut, viele liegen aber nur im einstelligen Bereich.

„Es sagt schon etwas über die deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen aus, dass wir gemeinsam das führende Messezentrum in diesem immer wichtiger werdenden Markt betreiben“, meint Geduhn. An dem Schanghaier Messezentrum, das 2001 gegründet und Anfang dieses Jahres fertiggestellt wurde, hält ein deutsches Konsortium, bestehend aus der Deutschen Messe AG Hannover, der Messe Düsseldorf und der Messe München, einen 50-Prozent-Anteil.

Wie für die Messegesellschaften ist China für viele deutsche Unternehmen zu dem Markt geworden, dem sie derzeit ihre größten Erfolgsmeldungen verdanken. VW, Marktführer im chinesischen Automobilmarkt, lieferte dort im ersten Quartal 633 000 Fahrzeuge aus, fast 16 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Im Premiumsegment sehen die Wachstumszahlen noch besser aus: Daimler verkaufte in den ersten drei Monaten 54 720 Fahrzeuge, ein Plus von rund einem Viertel.

Auch viele Unternehmen des deutschen Mittelstands verdanken ihre gute Auftragslage derzeit maßgeblich der Volksrepublik. China wird dieses Jahr wohl zum größten Exportmarkt für Deutschland außerhalb der EU aufsteigen, schätzt die Bundesregierung. Umgekehrt ist Deutschland der größte europäische Abnehmer chinesischer Waren.

Dass die Hannovermesse China als Gastland und seinen Regierungschef zur Eröffnung gewinnen konnte, hat in den Augen deutscher Unternehmensvertreter Signalcharakter. „Die Eröffnung der Hannovermesse ist für Wen sicherlich kein Routineprogramm“, sagt Jan Noether, Schanghai-Repräsentant der Deutschen Auslandshandelskammer, die in China mehr als 2 000 Mitgliedsunternehmen hat. „Für die deutsche Seite ist das eine Chance, bei Chinas Regierung noch mehr Aufmerksamkeit dafür zu schaffen, wie unsere Länder wirtschaftlich kooperieren können.“ Das sei wichtig, weil wirtschaftliche Aktivitäten in China in besonderem Maße auf politische Rückendeckung angewiesen seien. „Wir Deutschen genießen in China derzeit einen ausgezeichneten Ruf, was wir nicht zuletzt unserer Kanzlerin verdanken, deren Management der Euro-Krise in China sehr positiv bewertet wird“, glaubt Noether.

Mehr als 17 Milliarden Euro haben deutsche Unternehmen in China investiert, und viele erwarten, dass sie sich in Zukunft noch stärker engagieren werden. Laut einer Umfrage der AHK unter ihren Mitgliedsfirmen in China sehen 26 Prozent der Unternehmen den chinesischen Markt als ihre weltweit wichtigste Investitionspriorität. Für 78 Prozent gehört die Volksrepublik zu den drei wichtigsten Investitionszielen.

Als größte Herausforderung in China sehen die Manager der Umfrage zufolge die Suche nach qualifizierten Mitarbeitern, die steigenden Lohnkosten und die hohe Fluktuation von Angestellten. Auch das mangelhafte chinesische Rechtssystem stellt für mehr als die Hälfte der Unternehmen weiterhin ein Problem dar. „Wenngleich China in den vergangenen Jahren sichtbare Anstrengungen unternahm, so bereitet der Schutz von geistigem Eigentum den deutschen Unternehmen noch immer Sorgen“, sagt Noether. „Allerdings haben sich viele Firmen auf die chinesischen Verhältnisse eingestellt und sorgen dafür, dass ihr Kern-Know-how in Deutschland bleibt.“

Bernhard Bartsch | 22. April 2012 um 22:16 Uhr

 

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