Bernhard Bartsch

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„Europa hat die japanische Krankheit“

Ökonom Richard Koo über das Wesen der Schuldenkrise, die Rettung des Euro und deutsche Luxusprobleme.

Bernhard Bartsch: Herr Koo, Europas Regierungschefs suchen einen Ausweg aus der Eurokrise. Können die Rettungspläne die Probleme lösen, oder verschlimmern sie die Lage nur?

Richard Koo: Ich fürchte, dass sich in Europa viele nicht bewusst sind, mit welchen Problemen sie es eigentlich genau zu tun haben. Dabei ist die Antwort meiner Meinung nach klar: Europa und auch die USA haben sich die japanische Krankheit eingefangen.

Japan hat nach dem großen Einbruch von Anfang der 1990er nie wieder zu seiner alten Dynamik zurückgefunden. Droht jetzt auch Europa ein „verlorenes Jahrzehnt“?

Ja, wenn die Politik nicht die richtigen Lehren aus den japanischen Erfahrungen zieht und entsprechende Maßnahmen einleitet.

Wie müssten die aussehen?

Ich habe einen Plan, der recht einfach umzusetzen wäre, viel einfacher jedenfalls als alle Vorschläge, die jetzt auf dem Tisch liegen. Aber dafür muss man erst einmal die japanische Krankheit selbst verstehen.

Klären Sie uns auf.

So eine Krise wird dadurch ausgelöst, dass eine landesweite Preisblase platzt, so wie in Japan Anfang der Neunziger, und in den USA und Europa 2008 nach dem Lehman-Schock. Die Preise, etwa von Immobilien, brechen ein, aber die damit verbundenen Schulden bleiben bestehen. Unternehmen und Privathaushalte stecken plötzlich tief im Minus und versuchen um jeden Preis, ihre Schulden abzubauen, um ihre Bilanzen zu sanieren. Damit macht zwar jeder Einzelne für sich das Richtige, aber kollektiv ist das genau das Falsche.

Weil alle sparen und niemand Geld ausgibt?

Genau. Denn die Spareinlagen des einen sind ja der Kredit des anderen. Stellen Sie sich einen Haushalt vor, der 1000 Euro verdient und davon 100 Euro spart: Die 900 Euro, die er ausgibt, fließen direkt wieder in den Kreislauf, und die 100 Euro gehen zu einer Bank, die sie an jemanden weitergibt, der sich Geld leihen will. Aber wenn alle nur noch ihre Schulden zurückbezahlen wollen und niemand sich Geld leiht, bleiben die 100 Euro bei der Bank, selbst bei Nullzinsen, wie wir sie derzeit haben.

Im Kreislauf sind also nur noch 900 Euro, und weil der nächste davon auch noch einmal zehn Prozent zur Bank bringt, sind es nur noch 810, und so weiter. Die Volkswirtschaft schrumpft.

Und zwar sehr schnell. Weil der Auslöser darin besteht, dass alle ihre Bilanzen von Schulden säubern wollen, nenne ich dieses Phänomen eine Bilanzrezession. Das ist der Mechanismus, der 1929 zur Großen Depression geführt hat, Anfang der 1990er Japan in die Krise gestürzt hat und heute den USA und großen Teilen Europas droht.

Und was ist dann zu tun?

Der Staat muss das Geld, das im Bankensystem feststeckt, leihen und wieder in Umlauf bringen. Der Staat muss diesen Stimulus so lange aufrechterhalten, bis die Unternehmen und Haushalte ihre Schulden abgebaut haben und sich selbst wieder Geld zu leihen beginnen. Der schlimmste Fehler, den eine Regierung in dieser Phase begehen kann, besteht darin, selbst zu sparen.

Genau das ist derzeit aber das erklärte Ziel der europäischen Regierungen . . .

. . . und man braucht sich nur das japanische Beispiel anzuschauen, um zu wissen, wozu das führt: Anfang der Neunziger hat Japans Regierung zunächst viel Geld in Umlauf gebracht und die Konjunktur schnell stabilisiert. Aber dann wurde sie ungeduldig und hat 1997 eine große Haushaltskonsolidierung eingeleitet mit dem Ergebnis, dass die Wirtschaft im Rekordtempo zusammengebrochen ist und Japan die schlimmste Rezession der Nachkriegszeit erlebt hat. Diesen Fehler drohen die Europäer jetzt auch zu machen: Nach dem Lehman-Schock haben die Regierungen zwar erst einmal schnell reagiert und den freien Fall gestoppt. Aber die Unternehmen und Haushalte haben noch immer viele Schulden in ihren Bilanzen. Wenn der Staat jetzt spart, dann könnte die nächste Große Depression, von der wir gerade gedacht haben, dass wir an ihr vorbeigeschrammt sind, doch noch kommen.

Aber ist es nicht das Merkmal der Krise, dass viele Staaten derart hohe Schulden angehäuft haben, dass sie gar nicht mehr die Möglichkeit haben, diese mit noch mehr Schulden zu bekämpfen.

Meiner Meinung nach ist die Schuldenkrise kein weltweites Phänomen, sondern das spezielle Problem der Eurozone. Die USA, Japan oder Großbritannien haben ja auch riesige Defizite, aber die Anleiherenditen sind dort überall auf einem absurd niedrigen Niveau, die Märkte betteln die Regierungen quasi an, sich Geld zu leihen. Nur in der Eurozone ist das anders.

Und warum?

Weil es in der Eurozone einen einzigartigen Kapitalfluss gibt. Erinnern sie sich an unser Ausgangsproblem: Unternehmen und Haushalte sparen, niemand leiht sich Geld, so dass es bei den Banken steckenbleibt. Wenn deren Fondsmanager kein Wechselkursrisiko eingehen und die Einlagen garantieren müssen, bleibt ihnen keine andere Wahl, als Staatsanleihen in eigener Währung zu kaufen. Aber kauft ein spanischer Fondsmanager derzeit spanische Bonds? Nein, so viel Schlechtes, wie er über seine Regierung hört, kauft er lieber deutsche, niederländische, oder finnische. Das ist die Krux: Die Spanier sparen, aber ihre Regierung kann sich kein Geld leihen. In Portugal oder Irland ist es das gleiche, auch dort gibt es beträchtliche Ersparnisse, die in andere Euroländer fließen.

Nur die Griechen haben keine eigenen Ersparnisse, deshalb sind die Aussichten dort schlecht. Die Lösung des Europroblems muss also darin liegen, Geldabflüsse zu stoppen.

Ja, in der Eurozone sollte die Regel eingeführt werden, dass die Mitgliedstaaten ihre Staatsanleihen nur noch an ihr eigenes Volk verkaufen dürfen. Dann bleiben die Ersparnisse im eigenen Land und die Regierung kann mit der Sanierung des eigenen Haushalts warten, bis die Unternehmen ihre Bilanzen bereinigt haben und die Konjunktur wieder Fahrt aufnimmt. Dann brauchen die Euroländer sich auch nicht mehr über ihre Haushaltsdefizite und die Dreiprozentklausel zu streiten: Wer vom eigenen Volk viel Geld geliehen bekommt, kann auch ein hohes Defizit haben, und wer wie die Griechen keine Ersparnisse hat, muss eben sparen. Diese Regel bietet gleichzeitig Flexibilität und verlangt Disziplin. Damit wären alle Probleme gelöst.

Glauben Sie wirklich, dass sich die Europäer für die Idee begeistern könnten? Auf europäischer Ebene soll es mehr Kontrollen geben.

Das ist genau die Reaktion, die ich von EU-Bürokraten bekomme. Doch wollen sie ihre Finanzpolitik tatsächlich in Brüssel machen lassen? Wo bleibt da die Demokratie, wo die Verantwortung? Haben die Bürokraten in Brüssel denn immer recht? Wenn dem so wäre, hätten wir jetzt doch diesen ganzen Schlamassel gar nicht. Als der Maastricht-Vertrag ausgehandelt wurde, hat sich die heutigen Probleme niemand vorstellen können.

Die Eurostaaten könnten dann aber auch keine Anleihen mehr an Chinesen oder Japaner verkaufen. Warum sollten sie sich diese Geldquelle entgehen lassen? Wenn eine Regierung ihr eigenes Volk nicht davon überzeugen kann, ihr Geld zu leihen, warum sollten es dann die Chinesen oder Japaner tun?

Natürlich kann man die Regel, die mir vorschwebt, nicht über Nacht einführen. Meiner Meinung nach sollten die Euroländer eine Übergangsphase einleiten, etwa zehn Jahre. Für die Finanzierung in dieser Zeit kann ich mir alle möglichen Instrumente vorstellen. Das Wichtige ist, dass die Investoren wieder Vertrauen fassen und wissen, dass die gegenwärtigen Probleme in einigen Jahren endgültig abgestellt werden.

Die Europäer diskutieren über ganz andere Szenarien, zum Beispiel ob die Zentralbanken in großem Stil Staatsanleihen kaufen sollten. Vor allem die Deutschen sind aber dagegen, weil sie Angst vor Inflation haben.

Deutschland ist eine Insel in Europa, der Wirtschaft geht es sehr gut. Die deutschen Unternehmen haben ihre Bilanzbereinigungen schon hinter sich gebracht haben, als vor zehn Jahren die Telekomblase geplatzt ist. Deutschland ist das einzige Land, in dem die Industrieproduktion wieder dort ist, wo sie vor der Lehman-Krise war. In Frankreich und Spanien liegt sie auf dem Niveau von 1997, in Italien von 1994. Und während die Deutschen eine Arbeitslosenquote im Sechsprozentbereich haben, sind es in Spanien 23 Prozent – fast so viel wie in den USA während der Großen Depression. Deswegen verweigern sich die Deutschen leider wichtigen Maßnahmen, die für den Rest Europas wichtig wären. Für Europa als Ganzes ist die Inflationsgefahr nicht groß, selbst wenn die Europäische Zentralbank Anleihen aufkaufen würde. Und selbst wenn es in Deutschland ein wenig Inflation geben würde, wäre das ein Preis, den die Deutschen zahlen sollten, um die Eurokrise zu beenden. Wenn das gelingt, wird der Euro eine große Zukunft haben.

ZUR PERSON:

Richard Koo, Jahrgang 1954, ist Chefökonom des Nomura Research Institute in Tokio und gilt als einer der führenden, aber auch umstrittensten Experten für Rezessionen. Aus den Erfahrungen der japanischen Krise entwickelte er 2003 das Konzept der „Bilanzrezession“. Demnach versuchen Unternehmen nach dem Platzen einer Blase nicht mehr, ihre Profite zu maximieren, sondern nur noch ihre Schulden zu minimieren, was einen jähren Konjunkturabsturz herbeiführt. Laut Koo müssen Regierungen in einer solchen Situation die Wirtschaft so lange durch hohe Staatsausgaben am Laufen halten, bis die Privatwirtschaft wieder zum Wachstum beiträgt. In Ökonomenkreisen bekannt wurde er durch das Buch: „The Holy Grail of Macroeconomics: Lessons from Japans Great Recession“.

Bernhard Bartsch | 10. Dezember 2011 um 03:56 Uhr

 

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