Bernhard Bartsch

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Etwas sehr Vornehmes

Der Designer David Tang gibt Chinas wirtschaftlichem Aufschwung eine modische Stilnote.

Am Anfang, erzählt David Tang, waren da ein paar alte Schneider aus Schanghai. Vor Maos Truppen nach Hongkong geflohen, hatten sie jahrzehntelang Hemden und Anzüge genäht, bevor Tang erkannte, dass sie zu Höherem befähigt waren. Denn sie beherrschten ein fast vergessenes Handwerk: die Herstellung der kostbaren Gewänder des chinesischen Kaiserhofs.

Zusammen mit den Alten gründete der Lifestyle-Unternehmer Mitte der Neunziger die erste Marke für chinesische Designermode: „Shanghai Tang“, eine Kreuzung aus klassischen Schnitten und westlicher Popart. Die Stehkragen-Jacken der kaiserlichen Mandarine peppte Tang mit leuchtenden Innenfuttern auf, aus Pekingoper-Kostümen entstanden elegante Abendroben, und selbst der Mao-Anzug wurde in teurer Seide neu belebt.Schnell war „Shanghai Tang“ der letzte Schrei bei den Reichen und Schönen in aller Welt. 15 Boutiquen betreibt das Label heute, unter anderem in Paris, London, New York, Hongkong – und natürlich in Schanghai.

Feste Jetset-Größe

„Wir machen Mode für moderne Kosmopoliten, und die lassen sich gerne von Chinas Kultur faszinieren“, erklärt der 51-Jährige. „Die Terrakotta-Armee des ersten Kaisers, Konfuzius, die Steingärten, die Gedichte, die Vasen, die Architektur – all das hat etwas sehr Vornehmes und Gebildetes.“ Der extravagante Modeschöpfer ist inzwischen selber zu einer festen Größe des internationalen Jetset geworden. Im englischen Königshaus verkehrt er ebenso wie bei den Poolpartys in Hollywood. Dennoch möchte er seine Kreationen nicht als Multikulti für Reiche missverstanden wissen. „Ich möchte das alte China für die moderne Welt neu interpretieren,“ meint er, „aber es soll dabei nicht so ein künstlicher, affektierter Allerweltsstil herauskommen.“

Seine Produkte bezieht Tang vor allem aus Südchina – und beweist damit, dass Chinas Schneider nicht nur Billigtextilien herstellen können, sondern auch Edelroben der Spitzenklasse. Das zieht Nachahmer an. Viele der großen Modehäuser der Welt lassen inzwischen in China fertigen, darunter Dior, Armani, Anne Klein, Gucci, Ferré, Louis Vuitton oder Cerrutti. Doch nun wollen chinesische Designer auch eigene Produktlinien entwickeln. Junge Modeschöpfer wie Mark Cheung, der sein Handwerk in den USA gelernt hat, haben in China bereits eigene Marken aufgebaut und hoffen nun, mit internationalen Vertriebsketten ins Geschäft zu kommen. Diese könnten dann nicht nur ihre Produktion, sondern gleich auch den Großteil ihres Designs nach China verlegen.

Schon heute sind viele chinesische Textilfirmen an der Gestaltung von Kollektionen beteiligt, indem sie für die Entwürfe internationaler Modeschöpfer verschiedene Ausführungsmöglichkeiten entwickeln. Die besten Chancen, sich im internationalen Modegeschäft zu etablieren, hat China ausgerechnet beim edelsten Stoff, den die Branche kennt: Kaschmir. Denn die Kaschmirziegen, von denen die wunderweiche Wolle geschoren wird, leben fast ausschließlich in Nordchina; so genanntes Weiß-auf-Weiß-Kaschmir, das Material der besten Qualität, stammt zu 98 Prozent aus der Volksrepublik. Bisher war die Verarbeitung der Rohwolle eine Spezialität schottischer und italienischer Textilfirmen. Doch inzwischen haben die Chinesen eigene Fabriken aufgebaut und ausländisches Know-how eingekauft. Einige Firmen wie der englische Kaschmir-Versandhandel Pure Collection haben sich bereits voll auf Pullover und Schals aus chinesischer Produktion eingestellt.

Sinn für Understatement

Der Designer David Tang hofft, dass die Chinesen künftig nicht nur elegante Mode herstellen, sondern sie auch selber tragen. „Ich fürchte, meinen Landsleuten ist in den letzten Jahrzehnten jegliches Stilgefühl abhanden gekommen“, mokiert er sich über Chinas Neureiche. Um sie vor künftigen Geschmacksverirrungen zu bewahren, will er nach dem Modelabel nun auch eine Kette von exklusiven Festsälen im altchinesischen Stil für Hochzeiten und andere Feierlichkeiten eröffnen. „Die meisten Chinesen glauben, es sei Luxus, alles zu kopieren, was sie für westlich halten“, klagt Tang, „dabei hat China selber eine riesige Fülle an Tradition, Kunst und Handwerk, auf die es zurückgreifen kann.“

Bei aller Liebe für das Elitäre hat David Tang sich einen Sinn für Understatement bewahrt. Sein Geschäftsimperium managt der Weltbürger, der zwischen Hongkong und London pendelt, mit einer kostenlosen E-Mail-Adresse von Yahoo.

Erschienen in: Berliner Zeitung, 5. September 2005

Bernhard Bartsch | 05. September 2005 um 17:05 Uhr

 

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