Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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„Es war die Hölle auf Erden“

Kim Yong-sun, 71, war eine enge Jugendfreundin der Mutter von Kim Jong-ils ältestem Sohn. Im Interview spricht sie über die heimliche Geliebte des Diktators, die Ermordung ihres Mannes und acht schreckliche Jahre in einem nordkoreanischen Straflager.

Kim Yong-sun (Copyright: Martin Gottske)Frage: Frau Kim, Ihre Jungendfreundin Song Hye-rim war jahrelang die Frau an der Seite von Kim Jong-il und die Mutter seines ältesten Sohnes. Wie wird man zur Geliebten des „Geliebten Führers“?

Kim: Song Hye-rim und ich haben uns als Kinder in der Ballettschule kennen gelernt und waren später beide Mitglieder im staatlichen Tanzensemble. Hye-rim war nicht besonders hübsch, aber sehr charmant und hat häufig in Filmen mitgespielt. Dort ist Kim Jong-il auf sie aufmerksam geworden.

Frage: Wie hat er um sie geworben?

Kim: Gar nicht, er hat sie sich einfach genommen. Eines Tages hat Hye-rim mir eröffnet, dass sie in Kims Palast bestellt worden sei. Nachdem sie abgeholt wurde, habe ich sie nie wieder gesehen, ebenso wenig wie ihre Familie. Sie war damals 31 Jahre alt, wie ich.

Frage: Woher wussten Sie, dass Song zu Kims Geliebter geworden war?

Kim: Es gab natürlich Gerüchte. Außerdem musste sie sich von ihrem Mann scheiden lassen. Dass sie bereits verheiratet war, stellte für Kim ein großes Problem dar, weil sein Vater Kim Il-sung einer solchen Beziehung nie zugestimmt hätte. Deswegen mussten alle, die davon wussten, verschwinden.

Frage: Sie auch?

Kim: Natürlich. Mein Mann wurde ermordet und ich kam in ein Straflager. Dort wurden wir schlechter behandelt als Tiere. Schläge gehörten zum Alltag. Von morgens bis abends mussten wir Knochenarbeit verrichten und nach Sonnenuntergang stundenlange ideologische Schulungen über uns ergehen lassen. Wir waren so hungrig, dass wir nachts heimlich Ratten und Schlangen gejagt haben. Es war die Hölle auf Erden.

Frage: Wussten Sie, warum sie dort festgehalten wurden?

Kim: Anfangs nicht, aber als ich von den anderen Insassen gehört habe, welche Vergehen sie ins Gefängnis gebracht haben, wurde mir alles klar. Einer hatte gesagt, dass der Große Führer einen Pickel am Hals habe, ein anderer hatte versehentlich eine Gipsbüste von ihm fallen lassen und ein dritter eine Zeitungsseite auf den Boden gelegt, auf der Kim Il-sungs Name stand.

Frage: Wie lange saßen sie in Haft?

Kim: Acht Jahre lang. Dass ich frei kam, war wie ein Wunder für mich, und ich weiß bis heute nicht, warum sie mich gehen ließen. Anfangs wurde ich als  Arbeiterin in eine Goldmine geschickt, aber durch Bestechung konnte ich eine Stelle als Näherin bekommen. Seitdem habe ich dafür gearbeitet, einen Weg aus dem Land zu finden, bis ich 2001 endlich die Möglichkeit zur Flucht hatte.

Frage: Wie finden Sie sich heute in Südkorea zurecht?

Kim: Es ist wunderbar, in Freiheit und Sicherheit zu leben. Mein einziger Kummer ist, dass ich viel zu alt bin, um die Vorzüge noch richtig genießen zu können.

Frage: Glauben Sie, dass Kim Jong-il noch am Leben ist?

Kim: Außer seinem engsten Zirkel weiß das wohl keiner. Aber je schneller er stirbt, umso besser für die Menschen in Nordkorea.

Bernhard Bartsch | 13. November 2008 um 03:58 Uhr

 

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