Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Erdbeeren für Pjöngjang

Wem nutzt es, wenn man die Not der Menschen in Nordkorea lindert? Für den deutschen Gartenbauer Karl Fall ist das keine Frage.

Wenn Karl Fall der Wahnsinn mal wieder zu viel wird, setzt er seine Kopfhörer auf und hört Heavy Metal. „Aber das ist gar nicht so häufig nötig“, sagt der 61-Jährige, „jedenfalls längst nicht so häufig, wie man vielleicht denken würde.“ Alle paar Wochen mal, das reicht. Dabei könnte es nicht verwundern, wenn Fall sich öfter in die lärmenden Welten von Motörhead oder Megadeth flüchten und dort wohler fühlen würde als in seiner Alltagsrealität. Seit acht Jahren bemüht sich der Ingolstädter darum, Nahrung für ein Volk zu organisieren, das wohlhabend sein könnte und trotzdem hungert, weil sein Herrscher die Ressourcen des Landes für Atomwaffen und den persönlichen Luxus seines Gefolges verschwendet: Nordkorea.

“ Ja, Nordkorea hat kein gutes Image“, sagt Fall. „Dabei ist hier längst nicht alles schlecht. Man kann hier eine Menge aufbauen.“ Er steht in einem Gemüsebeet, ein untersetzter Mann mit einem langen weißen Kinnbart, der ihm eine Aura verleiht, die irgendwo zwischen Altrocker, Alm-Öhi und Zen-Meister liegt. Die dicke Jacke hat er aufgeknöpft. Obwohl draußen winterliche Temperaturen herrschen, ist es im Gewächshaus für die Tomatenpflanzen warm genug. „Wir haben hier keine Heizung, daran wäre bei Nordkoreas Energieproblemen nicht zu denken“, sagt Fall. „Dafür haben unsere Gewächshäuser auf der Nordseite dicke Lehmwände, die tagsüber von der Sonne aufgeheizt werden und die Wärme nachts wieder abstrahlen.“ Er deutet auf einen gewaltigen Tank, der auf Stelzen über den Tomatenreihen steht. „Dort ist die Nährlösung für die Pflanzen drin“, sagt er. „Er ist so groß, damit die Beete auch versorgt werden, wenn der Strom ein paar Tage lang ausfällt.“

Er redet gern über Gewächshäuser, viel lieber als über Politik. Das liegt nicht nur daran, dass er gelernter Gartenbauer ist. Seit 33 Jahren arbeitet er für die Welthungerhilfe in Ländern, deren Bewohner darauf angewiesen sind, dass ausländische Experten ihnen die Infrastruktur bringen, um die sich ihre eigenen Regierungen nicht kümmern können oder wollen. Politische Trauerspiele sind sein täglich Brot, und er weiß, dass hochtrabende Debatten leicht den Blick auf das Wesentliche verstellen: den Menschen. Mit pragmatischer Diplomatie ist ihnen mehr geholfen. „Unsere Aufgabe ist es, unter den lokalen Bedingungen Mittel und Wege zu finden, wie wir das Leben der Menschen verbessern können“, sagt Fall. „Das ist in Nordkorea natürlich ausgesprochen komplex, aber wenn hier etwas erreicht wird, ist das dafür auch ein besonders schönes Erfolgserlebnis.“

Wie die lokalen Bedingungen aussehen, sieht man auf der anderen Seite der Steinmauer, welche die Gemüsefarm am Rande der Hauptstadt Pjöngjang umgibt. Es ist Anfang April. Am nahen Flussufer kauern dick eingemummelte Menschen und angeln. Andere gehen die Uferböschung ab, auf der Suche nach essbaren Wurzeln, die noch kein anderer ausgestochen hat. In den grauen Wohnsilos sind viele Fenster mit Pappkartons verklebt, ein verzweifelter Versuch, die Kälte auszusperren, gegen die keine Heizung hilft. „Es heißt, das staatliche Verteilungssystem, das eigentlich alle Menschen versorgen soll, sei wieder einmal zusammengebrochen“, sagt ein ausländischer Diplomat. „Aber Genaues wissen wir auch nicht, weil wir so gut wie keinen Kontakt mit den Bürgern haben dürfen.“

Wie die meisten Mitglieder des internationalen Corps möchte er nicht namentlich genannt werden. Denn wer in Nordkorea etwas erreichen will, darf dem Regime nicht offen in den Rücken fallen. Dabei gibt es an der Lage nichts zu beschönigen. „Im Winter ist das Elend nicht so offensichtlich, weil die meisten Menschen dick eingepackt sind“, sagt er. „Aber im Sommer sieht man, wie dürr und kränklich die meisten sind.“

Seitdem das kommunistische Regime vor mehr als 20 Jahren die Unterstützung der Sowjetunion verloren hat, die Nordkorea als Bollwerk gegen die in Südkorea stationierte US-Armee brauchte, ist der Hunger ein Dauerproblem. Mitte der Neunziger starben Hunderttausende Menschen, und Jahr für Jahr steht das Land an der Schwelle zu einer neuen Katastrophe. Im Frühjahr kam eine Untersuchung des World Food Program (WFP) der Vereinten Nationen zu dem Ergebnis, dass diesen Sommer 434 000 Tonnen zusätzlicher Nahrungsmittel benötigt werden, um rund sechs Millionen Menschen vor dramatischer Mangelernährung zu bewahren, ein Viertel der Bevölkerung. „Viele Menschen sind so schwach, dass schon vergleichsweise harmlose Krankheiten wie Erkältungen oder Durchfall für sie lebensgefährlich sind“, sagt eine Entwicklungshelferin. „Außerdem ist ein großer Teil der Bevölkerung kleinwüchsig, weil sie in ihrer Jugend keinen Zugang zu ausreichender Ernährung hatten.“ Südkoreanischen Medien zufolge musste Nordkoreas Militär deshalb kürzlich die Mindestgröße für Soldaten herabsetzen – das bisherige Minimum von 1,50 Metern wurde nur noch von zu wenigen Männern erreicht.

Dabei müsste Nordkorea nicht arm sein. Zwar ist nur rund ein Fünftel des bergigen Landes für den Ackerbau nutzbar, was auch bei guter Bewirtschaftung nur knapp zur Selbstversorgung reichen würde. Aber dafür hat Nordkorea Bodenschätze und mit China und Südkorea wirtschaftlich erfolgreiche Nachbarn, von deren Dynamik der Staat profitieren könnte. Allein mit dem Bau einer Eisenbahnlinie, die Südkorea und dem nahen Japan eine Verkehrsanbindung auf dem Landweg nach Europa bieten würde, könnte Nordkorea Milliardeninvestitionen ins Land holen und dauerhaft an Transitgebühren verdienen.

Doch der Diktator Kim Jong-il stemmt sich gegen jede Form von Öffnung. Ohne die Fiktion, böse imperialistische Kräfte könnten jeden Moment der Schwäche nutzen, Nordkorea anzugreifen, allen voran die USA und Südkorea, könnte Kim nicht seine sogenannte Militär-zuerst-Strategie rechtfertigen. Die gibt der Entwicklung von Atombomben, Langstreckenraketen und Urananreicherungsanlagen Vorrang vor der Lebensmittelversorgung. Und nur durch rigorose Abschottung gegenüber dem Ausland kann er vor seinem Volk die Illusion aufrechterhalten, Nordkorea sei ein mächtiges Land, das vom Rest der Welt für seine Errungenschaften und seinen hohen Lebensstandard bewundert werde.

Für 2012, zum 100. Geburtstag seines Vaters, des Staatsgründers Kim Il-sung, hat Kim Jong-il den Nordkoreanern sogar den Beginn eines neuen, blühenden Zeitalters versprochen. „Das ist natürlich blanker Unsinn“, sagt der Diplomat. „Aber wehe dem Nordkoreaner, der die Weisheit des Geliebten Führers und Großen Generals Kim Jong-il in Zweifel stellen würde.“

In diesem Klima nationalistischen Selbstbetrugs ist die Anwesenheit ausländischer Helfer wie Karl Fall nicht unproblematisch. Formell dürfen die Welthungerhilfe und andere internationale Einrichtungen deshalb nicht als Entwicklungshilfeorganisationen auftreten, sondern werden als technische Experten der nordkoreanischen Regierung geführt. Der Kontakt zu der lokalen Bevölkerung wird auf das notwendige Minimum beschränkt. Wie alle Ausländer lebt Fall in einem abgeriegelten Wohngebiet, in dem das Leben einigermaßen westlich zugeht. Es gibt Heizung, Internet und Importläden. Freitags trifft man sich im RAC, dem „Random Access Club“, einer gemeinschaftlich betriebenen Kneipe.

Die besonderen Lebensumstände für Ausländer waren ein Grund, weshalb Fall, der zuvor in Thailand, Tonga, Laos, Vietnam und Burma arbeitete, vor acht Jahren nach Nordkorea kam. „Als Ausländer ist man in Nordkorea sehr sicher, und da ich in Deutschland eine Familie habe, für die ich Verantwortung trage, sollen die sich um mich keine Sorgen machen müssen“, sagt der Bayer. „Das wäre in vielen anderen Ländern in Asien, wo Menschen wie ich gebraucht werden, leider nicht gegeben.“

Auf den ersten Blick sehen Falls Projekte in Nordkorea aus wie Entwicklungshilfemaßnahmen überall in der Welt. Die Gewächshausanlage am Rande von Pjöngjang besteht aus 15 Treibhäusern, jedes 60 Meter lang und acht Meter breit. Zwei Jahre lang hat er dem lokalen landwirtschaftlichen Kollektivbetrieb geholfen, hier eine Gemüsezucht aufzubauen, die auch unter den Bedingungen stetiger Mangelwirtschaft verlässlich funktionieren kann. Neben den dicken Lehmwänden und großen Tanks hat er dafür auch eine Reihe von Fischbecken eingeplant, in denen Welse und Karpfen leben. „Aus deren Ausscheidungen gewinnen wir die Nährflüssigkeit für die Pflanzen“, erklärt Karl Fall. Gefüttert werden die Fische mit Seidenraupen, die ihrerseits von Baumblättern leben – eine Nahrungsquelle, die sie dem Menschen nicht streitig machen. Eine ähnliche Anlage steht auch in einer Provinzstadt.

Zusammen haben die Farmen 1,7 Millionen Euro gekostet, das Geld kam von der EU und der Welthungerhilfe. „Dieses Projekt ermöglicht Jahr für Jahr die Herstellung von 500 Tonnen Gemüse“, sagt Fall. „Das leistet einen Beitrag zur gesunden Ernährung von rund 100 000 Menschen.“

Doch was wirklich hinter den Gewächshäusern steckt, erschließt sich erst, wenn Fall erzählt, wie das Projekt entstanden ist. Ursprünglich war er nämlich mit einer ganz anderen Idee an die Nordkoreaner herangetreten: Kleingewächshäuser für Stadtbewohner. „Wenn in Nordkorea die Lebensmittel knapp werden, leiden die Menschen in den Städten am meisten“, sagt er. „Die Landbewohner haben eigene Gärten, mit denen sie sich zumindest teilweise selbst verpflegen können, aber die Städter sind voll und ganz auf das öffentliche Versorgungssystem angewiesen.“

Fall wollte deshalb kleine Hinterhofgewächshäuser aus Plastikfolie verteilen, unter denen sich Gemüse ziehen lässt. Doch in einem Land, dessen Regierung das Leben seiner Bürger bis in die letzten Winkel der Privatsphäre kontrolliert, sind derartige Treibhäuser ein Politikum: Würde private Kleingärtnerei nicht den Schwarzhandel fördern und damit die Abhängigkeit der Menschen von den staatlichen Institutionen unterwandern? Die Behörden wollten lieber eine große Gemüsefarm, die sie an das offizielle Verteilungsnetz anschließen konnten. Schließlich einigten sich beide Seiten auf einen Kompromiss: Im Gegenzug für die großen Anlagen darf die Welthungerhilfe auch eine bestimmte Zahl von Kleintreibhäusern als Alternative bauen.

Außerdem wird die Ernte aus den Gewächshäusern vorrangig an soziale Einrichtungen wie Kindergärten, Krankenhäuser und Schulen verteilt sowie an die Bewohner der Kollektivbetriebe, welche die Gewächshäuser inzwischen in Eigenregie nutzen. Diese betreiben mit der Anlage zusätzlich noch einen kleinen Nebenhandel, der ebenfalls außerhalb des offiziellen Verteilungskreislaufs stattfindet: Sie züchten Erdbeeren, die sie gegen Euro an die Ausländer in Pjöngjang verkaufen. Die Einnahmen in harter Währung erlauben ihnen, in Devisenläden oder bei den chinesischen Händlern Importwaren zu kaufen.

„Man muss den Menschen immer einen Anlass geben, persönlich von dem Projekt zu profitieren“, sagt Fall. „Nur so sind sie engagiert, sich zu beteiligen.“ In jedem anderen Land wäre das ein Gemeinplatz – in Nordkorea ist es hochsubversiv. Dabei sind die Nordkoreaner, aller kommunistischen Rhetorik zum Trotz, mit dem kapitalistischen Marktgesetz von Angebot und Nachfrage bestens vertraut. Offiziell sollen die Menschen zwar von ihrer Arbeitseinheit mit Jobs, Wohnungen, Essen und Kleidung versorgt werden. Doch da chronischer Mangel herrscht, floriert die Schattenwirtschaft. „Wo der Staat versagt, schaffen sich die Menschen ihre eigenen Strukturen“, sagt Kim Sang-hun, ein südkoreanischer Menschenrechtsaktivist, der Hunderte nordkoreanische Flüchtlinge zu den Lebensbedingungen in ihrer Heimat interviewt hat. „Ohne den Schwarzmarkt läuft in Nordkorea nichts mehr.“

Für das Einheitsgehalt von 5000 Won bekommt man auf dem Schwarzmarkt gerade einmal zwei Euro, doch außerhalb des offiziellen Wirtschaftskreislaufs wird mit allem gehandelt, was Wert hat. Die Beamten an der langen Grenze zu China lassen sich bestechen, winken Schmuggelware durch und lassen Menschen in die Volksrepublik fliehen. 200 000 Nordkoreaner arbeiten in China und versorgen so ihre Familien in der Heimat, schätzt Kim Sang-hun. „Für die Regierung ist das ein zweischneidiges Schwert: Einerseits lindert die Schattenwirtschaft das Leid und damit die Unzufriedenheit der Menschen, andererseits erfahren so immer mehr Nordkoreaner, wie es um ihr Land in Wirklichkeit steht.“

Wie rückständig Nordkorea tatsächlich ist, lässt sich erst erahnen, wenn man Pjöngjang verlässt, was selbst den dortigen Ausländern nur selten und ausschließlich unter nordkoreanischer Begleitung gelingt. Drei Tage nach dem Besuch in der Gemüsefarm besucht Fall ein anderes der insgesamt sieben Projekte, die er in Nordkorea umgesetzt hat: eine Maissaatfabrik, 80 Kilometer nördlich von Pjöngjang. Auf dem Weg kommt er an halb zugefrorenen Flüssen vorbei, in denen Menschen mit nackten Beinen zwischen den Eisschollen waten, um Schlamm auszugraben. Weil an den Hängen fast alle Bäume abgeholzt und verfeuert worden sind, schwemmt der Regen die dünne Ackerkrume immer wieder in den Fluss, und die Bauern müssen sie retten, bevor die Schneeschmelze einsetzt. Als Fall den Fabrikhof erreicht, sind dort gerade mehrere Arbeiter damit beschäftigt, Lastwagen mit Stroh zu verkleiden. „Das ist Tarnung für die Übung ,Schutz vor dem Feind‘, erklärt Fall sachlich. „Die Nordkoreaner rechnen ja damit, dass jeden Moment die Amerikaner angreifen können.“

Mais ist eines der nordkoreanischen Hauptnahrungsmittel, doch aufgrund der jahrzehntelangen Abschottung fehlten dem Land die Möglichkeiten zur Herstellung ertragreicheren Saatguts. Fall baute deshalb eine Fabrik für sogenanntes Hybridsaatgut, mit dem sich der Ertrag um 20 bis 40 Prozent steigern lässt. Die Anlagen wurden in China gekauft, 25 chinesische Fachleute kamen zum Aufbau und Training, und ein Arbeiterteam aus Nordkorea ging für drei Monate nach China, um in einer dortigen Fabrik zu lernen. Auch hier musste Fall den 15 landwirtschaftlichen Kooperativen, die an dem Projekt beteiligt sind, zusätzliche Anreize schaffen. So plante er etwa eine Schnapsbrennerei ein, in der aus Maisabfällen Alkohol hergestellt werden kann. Einige Gewächshäuser neben der Fabrik werden zudem zur Pilzzucht genutzt.

Vor drei Jahren übergab Fall das Projekt den Nordkoreanern, die seitdem jährlich rund 8000 Tonnen Saatgut herstellen und die Produktion regelmäßig steigern. „Rund die Hälfte des gesamten Maisanbaus in Nordkorea wird heute mit Saatgut aus dieser Fabrik betrieben“, sagt Fall. „Das bedeutet, dass in Nordkorea jährlich 80 000 bis 100 000 Tonnen Mais mehr geerntet werden – und das mit einer Einmal-Investition von 2,6 Millionen Euro.“

Außenstehenden sagen solche Zahlen wenig, Kundige erkennen in ihnen die ganze Tragödie des Landes. Wenn sich mit einer Investition von 2,6 Millionen Euro bis zu 100 000 Tonnen Mais herstellen lassen – müsste es da nicht möglich sein, Nordkoreas Ernährungssorgen mit einer Reihe derartiger Projekte weitgehend zu lösen?

„Solange Nordkorea sich nicht öffnet, wird die Versorgung immer schwierig sein“, sagt Fall. „Aber es ist auf jeden Fall ein Land, in dem mit sehr moderaten Investitionen noch sehr viel mehr zu erreichen wäre.“ Alle Projekte der Welthungerhilfe seien so konzipiert, dass sie einfach kopiert werden könnten, doch noch wartet Fall vergeblich darauf, dass die Nordkoreaner bei einem seiner Projekte mit eigenem Geld dort weitermachen, wo er aufgehört hat. Nordkoreas Regierung lässt die wenigen Devisen, die sie durch den Verkauf von Rohstoffen (und teilweise sogar von Lebensmitteln) einnimmt, vor allem dem Militär und der Herrschaftselite zugute kommen. „Auf Pjöngjangs Straßen sieht man immer mehr teure Limousinen, die es angesichts des U N-Embargos für Luxusgüter eigentlich gar nicht geben dürfte“, sagt der Diplomat. „Auch die Restaurants und Devisenläden sind voll mit Nordkoreanern, die offensichtlich viel Geld haben.“

Unter derartigen Bedingungen ist die internationale Hilfsbereitschaft gering. „Wir erleben in den vergangenen Jahren eine große Spendermüdigkeit gegenüber Nordkorea“, sagt Karl Fall. Und so scheitern die Pläne für den Bau von Gewächshäusern oder Biogasanlagen häufig schon an kleinen einstelligen Millionenbeträgen.

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Berlin (BMZ) hat seine Unterstützung für Nordkorea eingestellt, auch von der EU kommt nur noch wenig Geld. Zu oft hat Kim Jong-il die ausländischen Helfer für seine Politik missbraucht. 2005 verwies Kim sogar alle Entwicklungshelfer kurzfristig des Landes und erklärte, man benötige keine Unterstützung mehr. Wenig später verschickten seine Beamten kleinlaut Einladungen, doch bitte zurückzukommen.

Auch Fall musste damals ausreisen, doch während einige Organisationen Nordkorea für immer den Rücken kehrten, kam die Welthungerhilfe zurück. Für Karl Fall wird Nordkorea allerdings sein letzter langer Auslandseinsatz gewesen sein. Wegen gesundheitlicher Probleme werde er bald zurück nach Deutschland ziehen, erzählt er. Doch für Kurzzeitprojekte wolle er wiederkommen und auch darüber hinaus dafür werben, dass das Ausland die Nordkoreaner nicht im Stich lassen dürfe. Nicht nur die Diktatur der Kims, auch die Kälte der internationalen Politik ist für ihn immer wieder ein Grund, die Kopfhörer aufzusetzen und sich in Heavy Metal zu flüchten.

Erschienen in: brand eins 9/2011

 

Bernhard Bartsch | 25. September 2011 um 03:04 Uhr

 

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