Bernhard Bartsch

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Enkel in Not

Akio Toyoda sollte den Autokonzern Toyota durch die Krise steuern. Jetzt steckt er mittendrin.

„Ich werde wieder zu den Grundsätzen zurückkehren, auf denen dieses Unternehmen aufgebaut wurde“, sagte Akio Toyoda im Januar 2009. Damals war der Enkel des Toyota-Gründers gerade zum neuen Vorstandschef des weltgrößten Autokonzerns erkoren worden und wollte das Unternehmen, das durch die Finanzkrise erstmals in seiner 75jährigen Geschichte in die roten Zahlen gerutscht war, wieder in die Profitzone steuern. „Ich habe vor, so mutig wie nötig zu sein, um Reformen voranzubringen“, lautete sein Versprechen.

Ein Jahr später sieht es so aus, als ob der 53-Jährige mehr Mut brauchen wird, als er gedacht hat. Seit vergangenem Herbst jagt ein Qualitätsskandal den nächsten und zerstört Toyotas Image der „fehlerfreien Produktion“. Erst mussten in 4,2 Millionen Autos rutschende Fußmatten ausgetauscht werden, weil sie die Bremsen zu blockieren drohten. Dann tauchten klemmende Gaspedale auf und zwangen Toyota zum Rückruf von weltweit 4,5 Millionen Fahrzeugen. Nun soll es auch noch bei Bremspedalen Probleme geben – ausgerechnet beim Hybrid-Modell Prius.

In den USA liegen den Autobahn-Sicherheitsbehörden über hundert Beschwerden vor. Japans Verkehrsministerium hat von 14 Beanstandungen Kenntnis. Wie es so weit kommen konnte, ist bisher unklar. Womöglich hat der radikale Spardruck auch Toyotas Unternehmensphilosophie der ständigen Verbesserung geschadet. Zwar lässt sich die Schuld nicht unmittelbar Toyoda zuschreiben. Doch als der Konzern 2009 entschied, erstmals seit 14 Jahren wieder ein Mitglied der Gründerfamilie an die Konzernspitze zu setzen, gab es bereits grundsätzliche Kritik. Einige sahen es als falsches Signal, dass Japans größtes Unternehmen wie ein Familienkonzern agiere, obwohl der Toyoda-Clan nur zwei Prozent der Aktien hält. Zudem ist Toyoda für einen japanischen Firmenchef ungewöhnlich jung.

Seine Karriere begann er nach einem Jurastudium an der Keio Universität in Tokio bei einer US-Investmentbank. Mit 28 Jahren kam er zu Toyota. Zunächst bekam er eine lokale US-Vertriebsorganisation übertragen, später leitete er ein Gemeinschaftswerk mit General Motors. Von dort ging es steil aufwärts. 2000 wurde er jüngstes Vorstandsmitglied und verantwortete die Unternehmensentwicklung in den Wachstumsmärkten Asiens, insbesondere Chinas. Seit 2005 war er für den weltweiten Vertrieb und das Zulieferkettenmanagement zuständig. Dass dort nun Toyotas größtes Problem liegt – die defekten Gaspedale lieferte das US-Unternehmen CTS – wird Toyodas Stand keineswegs stärken.

Gravierende Fehler muss sich Toyoda beim Krisenmanagement vorwerfen lassen. Toyota sei „angesichts der Sicherheitsfragen taub“ gewesen, wetterte US-Verkehrsminister Ray LaHood. Das Unternehmen habe erst „von den Behörden aufgeweckt werden müssen“. Toyoda hat sich bisher öffentlich nicht zu den Problemen geäußert, sondern schickte am Dienstag nach wochenlangem Zögern seinen für Qualität zuständigen Vizepräsident Shinichi Sasaki vor. „Wir machen uns große Sorgen um die Absatzprognose“, bekannte der Manager. Bisher war Toyota davon ausgegangen, seinen Absatz 2010 um sechs Prozent auf 8,3 Millionen Fahrzeuge steigern zu können. Doch das Ziel scheint längst Makulatur zu sein. Allein in den USA brach Toyotas Absatz im Januar gegen den Trend um 16 Prozent ein. Noch ist der Schaden durch die Rückrufaktion nicht absehbar. Brancheninsider schätzen die Kosten für die Reparaturen des Gaspedals auf um die 900 Millionen Dollar. Die Verluste durch den Produktionsstopp in den USA könnten sich auf bis zu 2,2 Milliarden Dollar belaufen. Die Montage, die am 26. Januar gestoppt worden war, soll am kommenden Montag wieder starten.

Die langfristigen Kosten durch den entstandenen Vertrauensverlust lassen sich noch nicht beziffern. Rivalen wie General Motors, Ford oder Hyundai versuchen bereits, Toyota-Fahrer mit einer Art Abstellprämie zum Wechsel zu bewegen. An der Börse hatte Toyota zwischenzeitlich fast 19 Prozent seines Wertes verloren. Außerdem blühen dem Unternehmen nun kostspielige Schadenersatzforderungen. In Kanada reichten Anwälte bereits eine Sammelklage von Toyota-Besitzern, -Fahrern und -Mitfahrern gegen Toyota und den amerikanischen Gaspedal-Lieferanten CTS ein. Auch in den USA versammeln Anwälte bereits Kläger um sich – in der Hoffnung, dass Toyota lieber einem teuren Vergleich zustimmt, als die Qualitätsmängel zum Thema eines jahrelangen Rechtsstreits zu machen.

Bernhard Bartsch | 03. Februar 2010 um 04:20 Uhr

 

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