Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Endspiel in Tibet

Am 10. März 1959 erhob sich Tibet gegen die chinesischen Besatzer. 50 Jahre später ist die kulturelle Eigenständigkeit der Einheimischen mehr denn je bedroht.

TibetDas kleine Wäldchen auf der Bergkuppe sieht nicht nach einem Schlachtfeld aus. „Aber manchmal haben wir hier richtige Gefechte“, erzählt ein Bauer aus dem Dorf im Tal, in dem seine Familie dem widerspenstigen Hochland mit Yak- und Schafzucht seit Generationen ein karges Auskommen abringt. „Wenn einer von uns Tibetern zum Holzschlagen geht, greifen die Muslime ihn an“, erklärt er, „und wenn einer von denen Bäume fällt, lassen wir uns das natürlich nicht gefallen.“ Holz zum Heizen und Bauen ist schließlich rar, und beide Seiten kämpfen mit allem, was sie haben: Fäusten, Steinen, Pfeil und Bogen, sogar Gewehren.

Erst vor einigen Monaten prügelten sich zwischen den Bäumen einige hundert Männer. Mehrere wurden verletzt, doch eine friedliche Lösung des Konflikts kann sich keiner vorstellen. „Der Zwist mit den Muslimen ist Jahrhunderte alt“, sagt der Tibeter. Auch in den Nachbardörfern käme es regelmäßig zu Schlägereien, mitunter sogar mit tödlichem Ausgang. Es geht um Weidegründe und Wasserquellen, die Höhe von Moscheen und Tempeln oder alte Familienfehden, deren Ursprung kaum noch jemand kennt.

Streit mit anderen Volksgruppen gehört für die Tibeter seit jeher zu den Konstanten ihres Lebens, besonders hier in Qinghai, einer der fünf chinesischen Provinzen mit großem tibetischem Bevölkerungsanteil (neben Tibet, Sichuan, Gansu und Yunnan). Amdo nennen die Tibeter die Region, die einmal den nördlichsten Teil ihres Königreichs darstellte. Sie war einst ihre Verbindung zur Seidenstraße, die seit über 3000 Jahren die Völker und Religionen Asiens miteinander vernetzt.

In Amdo kamen die Tibeter im 8. Jahrhundert erstmals mit dem aus Indien stammenden Buddhismus in Berührung. Hier wurde auch im 14. Jahrhundert Tsongkhapa geboren, der Begründer der Gelbmützen, der einflussreichsten unter den tibetischen Glaubensschulen. Und hier kam 1935 in dem Bauerndorf Taktser, wenige Kilometer von dem umstrittenen Wäldchen entfernt, der Junge Lhamo Dhondrub zur Welt. Das Kind, in dem die Gelbmützen die 14. Wiedergeburt ihres Dalai Lama erkannten. Dort, wo einst dessen Elternhaus stand, erinnert heute ein kleiner Tempel an den berühmten Sohn des Ortes – verborgen hinter hohen Mauern und einem Tor, das für Auswärtige verschlossen bleibt.

Kein Bewohner wagt offen über „ihn“ zu sprechen, steht er doch im Zentrum eines Kulturkampfes, der die traditionelle Lebensart der Tibeter mehr gefährdet als alle Konflikte zuvor. Doch die Tatsache, dass viele Tibeter sich noch immer heimlich das Bild ihres Dalai Lamas auf den Hausaltar stellen, zeigt, auf welcher Seite sie stehen.

„Die Tibeter können einfach nicht von ihm lassen“, sagt ein chinesischer Händler in der Provinzhauptstadt Xining, der unter dem Ladentisch auch Fotos und Plaketten des buddhistischen Religionsoberhauptes verkauft. „Dabei bereitet er ihnen doch nur Probleme.“

Doch die Probleme kommen nach Meinung vieler Tibeter nicht aus dem Süden, wo der geflohene Herrscher am Fuße des Himalaya seit 50 Jahren im indischen Exil sitzt. Sie kommen aus der entgegengesetzten Richtung, aus dem Norden. 1950, ein Jahr nach der Gründung der Volksrepublik, ließ Mao Zedong von dort seine Armee ins tibetische Kernland einmarschieren. Auf den Hochebenen des Himalaya sollten die gleichen revolutionären Kräfte walten wie im Rest des Landes. Großgrundbesitzer wurden vertrieben und das Land an die Bauern verteilt. Hunderte Klöster geschleift und die frommen Tibeter, die seit Menschengedenken jeweils einen Sohn zum Mönch auserkoren hatten, in die spirituelle Leere des Atheismus gestoßen.

Womöglich unterlag Mao eine Zeitlang tatsächlich der Illusion, die Tibeter empfänden die chinesische Herrschaft als Befreiung. Doch dann kam der 10. März 1959. Zehntausende Tibeter erhoben sich und der ernüchterte Mao ließ seine Volksbefreiungsarmee die Proteste brutal niederschlagen. Der Dalai Lama floh über die Grenze und gründete dort mit seiner Gefolgschaft in dem Bergdorf Dharamsala eine Exilregierung.

Was ein Regionaldisput hätte bleiben können, wurde damit zum Weltkonflikt. Die Fronten sind scharf und die Sympathien klar verteilt. Der Dalai Lama wirft Peking einen „kulturellen Genozid“ vor: die systematische Auslöschung der tibetischen Lebensweise durch brutale Repressionen, wirtschaftliche Benachteiligung und die Ansiedlung Hunderttausender Chinesen in den tibetischen Gebieten.

Für seine Forderung nach einem freien oder zumindest weitgehend autonomen Tibet konnte er große Teile der westlichen Öffentlichkeit hinter sich bringen. Pekings Kommunisten halten dagegen mit dem Argument, dass Tibet seit Jahrhunderten Teil des Vielvölkerstaats China gewesen sei. Außerdem habe es durch den Aufschwung der vergangenen Jahrzehnte sehr profitiert. So würden die Tibeter inzwischen mehr verdienen, hätten eine bessere Bildung, medizinische Versorgung und Infrastruktur.

Gut 30 Jahren nach dem Ende der Kulturrevolution sei auch die Religionsfreiheit wiederhergestellt; behauptet Peking. Viele zerstörte Klöster wurden wieder aufgebaut. Dass es trotzdem immer wieder zu Unruhen kommt wie zuletzt im vergangenen März, lastet Peking der „Dalai-Clique“ an, die Tibet vom Mutterland abtrennen wolle.

Wer jeweils recht hat, lässt sich schwer überblicken. Denn so präsent das Thema Tibet seit 50 Jahren in der Weltöffentlichkeit ist, so isoliert sind die Landstriche, um die sich der Streit dreht. Seit Jahrzehnten sind große Teile der tibetischen Gebiete für Reisende, insbesondere für Ausländer gesperrt. Nach den Unruhen des vergangenen Jahres wurden weitere Regionen abgeriegelt, so dass Tibet derzeit fast unzugänglich ist. Zwar gelang es dem Autor Ende Februar trotzdem, in Qinghai in gesperrte Gebiete zu gelangen und dort mit Mönchen, tibetischen und chinesischen Beamten, Bauern, Nomaden und Geschäftsleuten zu sprechen (zu ihrem Schutz bleiben Namen und Ortschaften ungenannt). Doch mehr als ein bruchstückhaftes Bild vom Alltag der Tibeter kann unter diesen Bedingungen nicht entstehen.

Sicher scheint allerdings: Die traditionelle Lebensart der Tibeter ist im Verfall begriffen – und daran sind nicht nur die Chinesen schuld. Die Einheimischen haben noch ganz andere Probleme: Ihre Nomaden- und Bauernkultur passt schlecht ins Globalisierungszeitalter; das Leben in den Städten lockt die Jugend. „Zum ersten Mal haben junge Menschen die Möglichkeit, ein anderes Leben zu wählen als ihre Eltern“, sagt ein Tibeter.

„Der Reiz des Neuen ist groß, aber auch gefährlich“, fährt er fort. Denn wer erst einmal das Leben jenseits von Feld und Weide kennengelernt hat, findet selten den Weg zurück. Da die Alten die schwere Landarbeit nicht alleine machen können, sind auch sie über kurz oder lang zum Umzug gezwungen.

Allerdings hält sich die Zahl der Tibeter, die in die Städte drängen, noch in Grenzen. Da in den vergangenen Jahrzehnten viele von ihnen nie eine Schule besucht haben – weil es entweder keine gab oder die Eltern ihre Kinder lieber als Arbeitskräfte zu Hause behielten – können sie in den urbanen Zentren noch schwer Fuß fassen. „Wie soll ich in die Stadt kommen, wenn ich nicht Chinesisch spreche und nicht einmal einen Busfahrplan lesen kann?“, fragt eine junge Frau. Deswegen sei es ihr sehr wichtig, dass wenigstens die Tochter zur Schule gehe.

Doch Bildung bedeutet auch, sich dem Einfluss der Chinesen auszusetzen. Weil sie fern jeder Ortschaft wohnten, zog die Familie kürzlich in ein Ansiedlungsprojekt für Nomaden. Mit derartigen Baumaßnahmen möchte die Regierung die Sesshaftigkeit der Einheimischen fördern und die Überweidung von Weideland verhindern. Dort ist in der Schule Chinesisch die Hauptunterrichtssprache, Tibetisch wird dagegen nur als Nebenfach gelehrt.

„Viele Tibeter sehen inzwischen ein, dass sie in der heutigen Welt um das Chinesische nicht mehr herumkommen“, erklärt ein Mönch. „Aber sie haben Angst, dass ihre Kinder dadurch ihre Kultur verlieren.“ Der circa Dreißigjährige, der an einer staatlichen Hochschule studiert hat, unterrichtet selbst Chinesisch – in seinem Kloster. Rund ein Dutzend Kinder werden dort zu Mönchen ausgebildet, erhalten aber neben der religiösen Erziehung auch Chinesischunterricht.

Die Existenz der Klosterschule wird durch eine stille Vereinbarung mit der Lokalregierung gesichert. Laut Gesetz darf ein Jugendlicher erst mit 18 Jahren ins Kloster. Doch weil viele Familien nach traditionellem Brauch schon jüngere Kinder in die Mönchsausbildung schicken wollen, drücken die chinesischen Beamten manchmal ein Auge zu. „Sie wissen, dass sie von uns keine Proteste zu befürchten haben“, sagt der Mönch, „deshalb sind sie zu Zugeständnissen bereit.“

Zwar bekennt er im Vertrauen, dass auch er in seiner Jugend die gefährliche Wanderung über die wilde Grenze nach Indien unternommen hat, um den Dalai Lama zu sehen – wie jedes Jahr Hunderte anderer Tibeter auch. Doch nach einem Jahr kehrte er zurück. Seitdem bemüht er sich, die tibetische Kultur zu fördern, ohne mit den Chinesen in Konflikt zu geraten. „Wir müssen ihnen zeigen, dass sie vor uns keine Angst haben brauchen“, sagt er. „Das ist unsere einzige Chance.“

Vor den Auswirkungen der Spannungen des vergangenen Jahres bleibt allerdings auch er nicht verschont. Wie alle Mönche darf er seinen Landkreis nicht verlassen; Busfahrer sind angewiesen, Geistliche nicht mitzunehmen. Außerdem verbietet den Mönche eine neue „Sicherheitsklausel“ im Gesetz zur Religionsausübung „separatistische Aktivitäten gegen das Mutterland oder die Teilnahme an illegalen Protesten, die öffentliche Störungen verursachen könnten“. Tibeter erhalten derzeit keine Reisepässe mehr, weil Peking alle Auslandskontakte unterbinden will. In den Zentren des letztjährigen Konflikts fährt die Regierung angesichts des anstehenden fünfzigsten Jahrestages des Volksaufstandes ihr ganzes Einschüchterungspotenzial auf. So marschieren in der Klosterstadt Rebkong Truppen der Volksbefreiungsarmee in Camouflage-Uniform die Hauptstraße entlang und absolvieren auf öffentlichen Parkplätzen Drillübungen.

Viele Tibeter hoffen, dass der 10. März ohne neue Unruhen vorbeigeht und dass die Chinesen ihre derzeitigen Restriktionen lockern. Doch wie schwer sie es selbst in einem friedlichen Tibet hätten, zeigt sich zum Beispiel im Kloster Kumbum. Das religiöse Zentrum ist der Geburtsort des Gelbmützenbegründers Tsongkhapa und einer der fünf wichtigsten tibetischen Pilgerstätten. Unter Mönchen gilt das Heiligtum mittlerweile als Strafversetzungsposten, denn kaum ein anderes Kloster ist stärker zum Rummelplatz chinesischer Tibettouristen geworden als Kumbum.

Es kommen zwar immer noch viele Pilger. Ein tibetischer Schüler aus dem Hochland erzählt, er wolle hier ein paar Tage lang mit Niederwerfungen für ein besseres Abschlusszeugnis beten, und eine alte Frau umkreist täglich dreimal die Pilgerstätte, um so ihr Knieleiden zu heilen. Doch in erster Linie gehört das Kloster den Reisenden. Chinesen, die lärmend Fotos machen und im Spaß tibetische Gebetsrituale nachspielen. „Sie merken nicht, dass wir unsere Kultur nicht zur Folklore reduzieren wollen“, sagt ein Tibeter. Womöglich ist derartige Ignoranz die schlimmste Form der Diskriminierung – und für Tibets Kultur weitaus gefährlicher als die gelegentlichen Keilereien um Bäume auf den Bergen von Amdo.

Erschienen in: Badische Zeitung, 9. März 2009

Bernhard Bartsch | 09. März 2009 um 06:13 Uhr

 

Ein Kommentar

  1. Charlotte Bartsch

    09. März 2009 um 22:29

    Das liest sich wunderbar. Neben den tibetischen Hotzenplotz-Typen machen doch die Besonnenen etwas mehr Mut. Die lärmende Inbesitznahme eines Klosters durch Chinatouris? Da sind wir durch „Harrer“ anders geprägt gewesen. Dein Schreiben lenkt die Gedanken von der „romantischen Verklärung“ weg zu der Suche nach realisierbaren, unblutigen Schritten. PRIMA! GRÜßE! M.