Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Eine Welt, eine Träumerei

Vor einem Jahr begannen in Peking die Olympischen Spiele. Während Chinas Regierung den Mythos am Leben zu erhalten versucht, wollen ihre Kritiker ihn zerstören.

mascot.03Rekorde sind zum Brechen da. Ein Jahr nach den Olympischen Spielen von Peking, dem größten Sportfest aller Zeiten, strebt Chinas Regierung nach dem nächsten athletischen Superlativ: Auf die Riesenshow des Spitzensports soll die weltweit größte Breitensportbewegung folgen. Der 8. August, das Jubiläum der Olympiaeröffnung, soll in der Volksrepublik künftig als „Nationaler Fitnesstag“ an die Spiele erinnern – und der Kommunistischen Partei ermöglichen, den Olympiamythos weiter zu instrumentalisieren. Pekings Kritiker wollen den Tag dagegen nutzen, um der Welt in Gedächtnis zu rufen, dass viele Hoffnungen – etwa Fortschritte in Sachen Menschenrechte, Demokratie oder Pressefreiheit – enttäuscht wurden.

Seit Wochen laufen im Pekigner Olympiapark die Vorbereitungen für ein dreitägiges Gala-Spektakel, an dem über 200.000 Menschen teilnehmen und das im ganzen Land übertragen wird. Schon seit Montag strahlt der Zentralsender CCTV ein zehntägiges Sonderprogramm aus, das mit Sendungen wie „Chinas Stolz“ oder „Die olympische Geschichte kehrt zurück“ die kollektive Euphorie des vergangenen Sommers wieder aufleben lassen soll. Dabei werden nicht nur Chinas Medaillenträger gefeiert, sondern vor allem auch die Organisatoren. Die Botschaft: Wer derart spektakuläre Spiele auf die Beine stellen kann, der ist auch Herausforderungen wie der Wirtschaftskrise oder sozialen Spannungen gewachsen.

Auf allen Kanälen verbreiten Stars und Sternchen ihre persönlichen Olympiaerinnerungen. „Olympia war ungeheuer wertvoll“, sagt etwa der Kungfu-Star Jackie Chan. „Diese Tage haben mir wahnsinnig viel gegeben.“ Der Schauspieler soll am Samstagabend im Vogelnest das Olympialied „Ich und du“ singen – als Auftakt zu einem Fußballspiel der italienischen Clubs Inter Mailand und Lazio Rom. Es ist das erste Mal seit vergangenem Herbst, dass in dem Stadion eine Sportveranstaltung stattfindet. Nach den Paralympischen Spielen war das „Vogelnest“ für die Allgemeinheit geöffnet worden und entwickelte sich seitdem zum beliebtesten Touristenziel des Landes – noch vor der Großen Mauer und der Verbotenen Stadt.

Neben derartigen Medienspektakeln soll der Jubiläumstag aber vor allem für Massenveranstaltungen genutzt werden, bei denen die Chinesen sich und ihr Land feiern können. Die Zentralregierung hat Behörden und Unternehmen im ganzen Land aufgerufen, entsprechende Aktionen zu planen. Dutzende Städte veranstalten noch einmal Fackelläufe, von Pekings Nachbarstadt Tianjin bis zur südchinesischen Urlaubsmetropole Sanya. Per SMS wurden im ganzen Land Botschaften wie „Bewahrt den Traum“ verbreitet – eine Erinnerung an den Olympia-Slogan „Eine Welt, ein Traum“. In Peking sollen 34.000 Schattenboxer gleichzeitig ihren Zeitlupensport betreiben und China damit einen weiteren Eintrag im Guiness-Buch der Rekorde sichern. Laut „Volkszeitung“ beteiligen sich daran Mitarbeiter von 28 städtischen Behörden, 30 Unternehmen und zehn Universitäten – sowie 200 Behinderte. Die Provinzregierung von Gansu plakatierte ihre Städte mit dem Slogan: „Spazieren, rennen, hüpfen – sportlicher Fortschritt bringt tausenden Familien Gesundheit und Glück“. In Fujian sorgen die Behörden dafür, dass am 8. August „tausende Menschen schwimmen und zehntausende Berge besteigen“, heißt es auf der Webseite der Provinzregierung. In der Inneren Mongolei entwickelten die Beamten sogar besondere Sportspiele mit Namen wie „Giraffenlauf“ oder „Gemeinsam zum kleinen Wohlstand springen“.

Kritische Töne werden in China kaum zu hören sein. Öffentliche Unzufriedenheit mit den als nationales Erweckungserlebnis inszenierten Spielen in tabu. Dabei ist die Euphorie bei vielen Chinesen schneller verflogen, als die Regierung es wahrhaben will. „Olympia war eine tolle Vorstellung, aber unser Land braucht keine Show, sondern echte Reformen“, sagt ein prominenter Pekinger Intellektueller. „Die Partei versteht es meisterhaft, die Probleme des Landes hinter Spektakeln und Kampagnen verschwinden zu lassen.“ Seinen Namen möchte der Kritiker derzeit nicht in der Zeitung sehen, denn die Regierung befindet sich derzeit auf einem gnadenlosen Feldzug gegen Dissidenten und Querdenker. Zahlreiche einflussreiche Intellektuelle und Aktivisten sind in den vergangenen Monaten verhaftet worden oder einfach spurlos verschwunden. Dazu gehören etwa der Juraprofessor Xu Zhiyong, der eine Nichtregierungsorganisation namens „Initiative Offene Verfassung“ gegründet hatte, die Bürger in Rechtsfragen beriet, oder der Umweltschützer Tang Zuoren, der sich vergangenes Jahr nach dem Erdbeben von Sichuan für Familien einsetzte, deren Kinder in schlecht gebauten Schulen starben. Der internationale Protest gegen derartige Staatswillkür ist allerdings gering. Auch das ist das Erbe von Olympia: Die Partei hat jegliche Scheu verloren und der Westen jegliches Druckmittel. Denn womit sollte die internationale Gemeinschaft China drohen, jetzt wo man Olympia nicht mehr boykottieren kann?

Bernhard Bartsch | 08. August 2009 um 00:08 Uhr

 

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