Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Ein Traum in Rosa

Die Japaner feiern die Kirschblüten-Saison – einen botanischen Karneval, der die Zwänge des Alltags außer Kraft setzt.

Die teure Kamera musste sein. „Vier Jahre bin ich mit der gleichen Ausrüstung unterwegs gewesen“, sagt Frau Tani. „Jedes Foto, das man damit machen konnte, habe ich gemacht.“ Diesmal ist die Mittvierzigerin ausgestattet wie ein Profi. Mit schwerem Rucksack marschiert sie durch den Zoo von Kyoto. Affen und Tiger streift sie mit flüchtigem Blick. Was sie interessiert, steht zwischen den Gehegen: Kirschbäume. Wie große Blumensträuße wiegen sie sich im Frühlingswind, jeder Ast bedeckt von Tausenden Blüten, strahlend weiß mit einem Hauch von Rosa.

„Für Kirschblütenliebhaber ist der Zoo ein Geheimtipp. Es kommen nicht so viele Menschen wie in die anderen Parks“, erklärt Frau Tani. „Dabei gibt es hier besonders schöne Fotopunkte.“ Sie fährt die Beine des Stativs aus und stellt es unter einen Baum. Mit dem Objektiv zielt sie einen Ast entlang und drückt mehrmals ab. Die Komposition ist bezaubernd: zartrosa Blüten, braune Zweige, blauer Himmel. Die schönsten Fotos des Tages wird Frau Tani am Abend im Internet hochladen. Ist die Saison in zehn Tagen vorbei, werden zu den Tausenden Bildern, die sie in den Vorjahren gemacht hat, noch einige Gigabyte hinzugekommen sein. Braucht sie all die Fotos? Was für eine Frage! „Sakura ist so schön – man kann nie genug Bilder haben.“

Sakura, so der Name für die Kirschblüte, spielt für die Japaner eine ähnliche Rolle wie für andere Kulturen der Karneval. Wenn nach den ersten warmen Frühjahrstagen die Knospen der Kirschbäume aufbrechen, beginnt Japans fünfte Jahreszeit. Es ist ein kollektiver Glückseligkeitstaumel, der die Zwänge des Alltags für kurze Zeit außer Kraft setzt. Millionenfach versammeln sich die Japaner in Parks oder unter den Bäumen in ihrer Nachbarschaft zum „Hanami“, dem gemeinsamen Kirschblütengucken.

Es sind Alte und Junge, Familien, Freundescliquen, Firmenbelegschaften, Schulklassen. Sie sitzen auf Decken oder blauen Plastikplanen, packen Picknickboxen, Bierdosen, Sakeflaschen aus. Manche haben tragbare Karaoke-Maschinen dabei. Jede Runde stimmt über kurz oder lang das Kirschblütenlied an: „Sakura, Sakura – in Feldern, Hügeln und Dörfern“, lautet der Text. „Sakura, Sakura – Frühlingshimmel, so weit das Auge reicht.“ Die rosa Jahreszeit macht möglich, was die gesellschaftliche Etikette sonst verbietet: Früher Feierabend machen oder Urlaub nehmen. In der Öffentlichkeit laut sein. Mit anderen aus einer Flasche trinken. Sich mit wildfremden Menschen in den Armen liegen.

Das kollektive Carpe diem hat eine lange Tradition. Schon im 8. Jahrhundert versammelten sich die Japaner zum Hanami. Was heute die Kameras sind, waren damals Tusche und Reispapier. Mit Gedichten versuchten sie den Augenblick festzuhalten. Die kurze Pracht der Blüten wurde zur festen Metapher für die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens. „Mono no aware“, seufzen die Japaner bis heute voll pantheistischer Ergriffenheit und in Erinnerung an den Philosophen Motoori Norinaga, der damit im 18. Jahrhundert das japanische Daseinsgefühl beschrieb: „Ach, ihr Dinge!“

Ganz so harmlos blieben die Blüten nicht. Für die Nationalisten wurde Sakura geradezu zum Symbol alles Japanischen. Bei ihren Eroberungszügen durch Asien steckten die Japaner ihr Territorium nicht nur mit der Flagge der aufgehenden Sonne ab, sondern auch mit frisch gepflanzten Kirschbäumen. In patriotischen Liedern und Kriegspropaganda verherrlichte die Kirschblüte den Tod fürs Vaterland. Im Zweiten Weltkrieg hieß ein Geheimbund junger Offiziere „Sakura-Gesellschaft“, und die berüchtigten Kamikaze-Flieger malten weiße Blütenblätter auf ihre fliegenden Bomben, bevor sie zu Selbstmord-Missionen starteten.

Heute feiern die Japaner die Kirschblüte mit den Mitteln der modernen Konsumgesellschaft. Die neue Kamera, mit der Frau Tani durch den Tierpark streift, kaufte sie beim „Sakura-Sale“ eines Elektronikgroßhandels. Vom Möbelhaus bis zum Karatestudio werden im Frühjahr Kirschblütenwochen ausgerufen. Brauereien bringen Sakura-Biere auf den Markt, Restaurants kochen mit Blütenblättern, Cafés servieren rosa Milchkaffee. Hochzeitsfotografen und Standesbeamte sind ausgebucht, Hotels verdoppeln die Preise.

Auch in den japanischen Medien sind die Kirschblüten ein dominierendes Thema. Den Fernsehnachrichten folgt allabendlich die Sakuravorhersage. Und wehe, die Experten irren sich. Als vor einigen Jahren die Prognosen, wann sich die Blüten öffnen würden, um Tage daneben lagen, gab es einen Aufschrei der Empörung – viele Japaner hatten ihre Ferien danach geplant. Japans Chefmeteorologe musste sich auf einer landesweit live übertragenen Pressekonferenz entschuldigen und versprechen, mehr Botaniker zu Beratern zu machen.

„Japan ist heute eine sehr moderne Gesellschaft, aber die Liebe zu Kirschblüten ist eine Tradition, die nie abgerissen ist“, sagt Toemon Sano. Der 84-jährige Gärtner ist eine nationale Berühmtheit, seine Familie pflegt seit Generationen einige der berühmtesten Kirschbaumanlagen in Kyoto. Aber Sano sieht Japans schönsten Brauch bedroht. „Durch die schlechte Umwelt und verschmutztes Wasser gedeihen viele Bäume nicht mehr so wie früher“, warnt er. „Wir müssen gut mit ihnen umgehen, denn leiden die Bäume, leiden auch wir Menschen.“ So werden die Kirschblüten zu Ökobotschaftern.

Auch der Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe, die das Nukleardesaster im Kernkraftwerk Fukushima auslöste, wird mit Sakura gedacht. Zum Jahrestag des Unglücks am 11.März wurde begonnen entlang der Linie, an der die verheerende Riesenwelle auslief, Kirschbäume zu pflanzen. Hunderte Kilometer lang soll die Reihe werden, und künftigen Generationen als Mahnmal dienen. Eine würdige Art des Gedenkens. Denn die Japaner lieben Sakura, weil sie wissen, dass Schönheit und Vergänglichkeit zwei Seiten der gleichen Medaille sind.

Bernhard Bartsch | 23. April 2012 um 05:56 Uhr

 

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