Bernhard Bartsch

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Ein Land, zwei Systeme

In China liegen Klimaschutz und -sünden dicht beieinander, aber das Land arbeitet energisch am ökologischen Umbau.

Das nennt man eine verspargelte Landschaft: In der Geröllwüste der westchinesischen Provinz Xinjiang, außerhalb der Hauptstadt Urumqi, stehen über 200 Windmühlen in Reih und Glied und drehen sich im scharfen Wind. Ihre Zahl steigt ständig, denn Urumqis Energiebedarf wächst mit zweistelligen Prozentzahlen; außerdem legt die Provinzregierung Wert auf das ökologische Prädikat, den größten Windpark Chinas zu betreiben. Doch Nachhaltigkeitsidylle existiert nur auf Prospektbildern – in der Wirklichkeit ziehen schmutzigschwarze Rußwolken durch den weißen Turbinenwald. Sie stammen aus den Ziegeleien der umliegenden Dörfer, kleinen Fabriken mit kohlebetriebenen Öfen, die ihren Rauch ungefiltert durch den Schornstein schicken. „Klimawandel?“, fragt einer der Brennereibesitzer mit ratlosem Blick. „Was soll das heißen?“

Klimaschutz und Klimasünden liegen in der Volksrepublik dicht beieinander. China produziert die meisten Treibhausgase und investiert zugleich Rekordsummen in neue Energien. Während einige chinesische Unternehmen fortschrittlichste Umwelttechnologien entwickeln, laufen in anderen vorsintflutliche Anlagen. Obwohl die Regierung in Gesetzen die Weichen Richtung Nachhaltigkeit stellt, wird die Umsetzung in weiten Teilen des Landes nicht so ernst genommen.

„China ist ein Entwicklungsland, aber wir räumen dem Klimaschutz trotzdem einen sehr hohen Stellenwert ein“, sagt Pan Jiahua, Klimaforscher an der Chinesischen Wissenschaftsakademie und Mitglied der chinesischen Delegation für den Weltklimagipfel in Kopenhagen. „Wir sehen darin nicht nur eine große Verantwortung, sondern auch eine große Chance.“ Die Klimaschutzindustrie soll zu einer chinesischen Schlüsselbranche werden und der Volksrepublik helfen, ein umweltfreundlicheres Wirtschaftssystem zu entwickeln.
Neu ist der Plan nicht. „Die Regierung hat schon 2002 entschieden, dass Umwelt- und Klimaschutz ein zentraler Bestandteil des neuen Wachstumsmodells werden müssen“, sagt Wu Changhua, Chinachefin der internationalen Klimaschutzorganisation The Climate Group. „Aber die Finanzkrise und der Kopenhagenprozess helfen ihr, das Ziel voranzutreiben.“ Als im vergangenen Herbst die Weltwirtschaft einbrach, habe China anders als die meisten Länder ihr Konjunkturprogramm nicht darauf ausgerichtet, das Bestehende zu retten, sondern etwas Neues aufzubauen. Umgerechnet 300 Milliarden Euro will die Regierung bis 2020 für den Ausbau erneuerbarer Energien ausgeben. Hinzu kommen privatwirtschaftliche Investitionen, die den Effekt noch um ein Mehrfaches steigern.

China will bis 2020 mindestens 20 Gigawatt aus Sonnenenergie gewinnen – fast zweihundert Mal so viel wie heute. Die Windkraftkraftkapazitäten sollen von derzeit zwölf Gigawatt auf 100 Gigawatt steigen. Die Expansion soll nicht auf China beschränkt bleiben. „Klima- und Umweltschutztechnologien sollen zu einer Exportindustrie werden“, sagt Wu und sieht gute Chancen, dass die Rechnung aufgeht. „Wer am meisten baut, hat bald am meisten Erfahrung.“ Schon heute ist China einer der weltweit größten Hersteller von Solar- und Windkraftanlagen.

Als Paradebeispiel dafür, dass die Volksrepublik in Zukunftsindustrien technologisch selbständig und international wettbewerbsfähig werden kann, gilt der Autohersteller BYD aus dem südchinesischen Shenzhen. Hinter der Abkürzung verbirgt sich der Slogan „Build your dreams“, und tatsächlich scheint das sechs Jahre junge Unternehmen drauf und dran zu sein, einen Umweltschützertraum zu verwirklichen: Elektroautos. Vergangenen Dezember ging BYD als erster Fahrzeughersteller weltweit mit einem batteriebetriebenen Stadtfahrzeug in die Serienproduktion. Die Reichweite des F3 gibt BYD mit 100 Kilometern an, danach kann ein Verbrennungsmotor zugeschaltet werden, der einerseits das Auto antreibt und andererseits die Batterie wieder auflädt. In der Garage wird das Fahrzeug an einer Steckdose über Nacht aufgeladen. 2 000 Zyklen mache die Batterie das mit, bevor ihre Leistung auf 80 Prozent sinke, wirbt BYD.

„Die ersten Autos wurden im April an die Shenzhener Stadtverwaltung geliefert, die mittelfristig ihre ganze Flotte auf Elektrofahrzeuge umstellen will“, sagt Unternehmenssprecher Paul Lin. „Wir haben Lieferabkommen mit 13 Stadtregierungen und auch einige Staatsunternehmen wollen ihre Fuhrparks mit Elektroautos bestücken.“ Nächstes Jahr sieht BYD den Start von Exporten vor.

Während chinesische Autohersteller von der internationalen Konkurrenz meist belächelt werden, wird BYDs Vorstoß durchaus ernst genommen – nicht zuletzt weil der US-Großinvestor Warren Buffet dem Unternehmen letztes Jahr sein Vertrauen demonstrierte, als er für 230 Millionen Euro einen Zehn-Prozent-Anteil übernahm. Obwohl die chinesischen Hersteller auf dem Felde herkömmlicher Technologien weit abgeschlagen sind, können sie mit neuen Ansätzen schneller vorne mitspielen – zumal wenn sie wie BYD 10 000 Forscher beschäftigen. Einen Teil der Kosten übernimmt die chinesische Regierung, welche die Entwicklung von Elektrofahrzeugen zu einem Schlüsselprojekt erklärt hat, unter der Aufsicht von Wissenschaftsminister Wan Gang, einem ehemaligen Entwickler von Audi in Ingolstadt. Ziel ist es, bis 2010 eine Produktionskapazität von 500 000 dieser umweltfreundlichen Autos aufzubauen. Sowohl VW als auch Daimler haben sich öffentlich dazu bekannt, dass sie gerne mit BYD kooperieren würden. „Elektroautos sind viel energieeffizienter als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren“, sagt Klimaschützerin Wu. „Wenn die Technologie in China ihren Durchbruch erlebt, hätte dies gewiss weltweite Auswirkungen.“

Doch obwohl China gerne den Eindruck vermittelt, den Beschlüssen der Regierung würden stets Taten folgen, sind längst nicht alle chinesischen Klimaschutzprojekte von Erfolg gekrönt. So werben seit Jahren etliche Provinzen mit dem Bau sogenannter „Null-Emissions-Städte“, die zu Modellen für Nachhaltigkeit werden sollen. Den Anfang machte Schanghai: 2001 erklärte die Stadtregierung, dass auf der Jangtse-Insel Chongming die erste klimaneutrale Stadt der Welt entstehen solle. Journalisten aus aller Welt präsentierte man stolz Pläne mit solarzellengedeckten Gebäuden, Biogasanlagen und Versuchsfarmen, auf denen Frösche die Insektenvernichtung und Düngung übernehmen sollten.

Doch acht Jahre später liegt das Bauland brach. Weder in der Stadtverwaltung noch bei der Entwicklungsfirma Schanghai-Industrial-Gruppe will man darüber sprechen. Kritiker werfen dem Unternehmen vor, das Projekt von Anfang an nur betrieben zu haben, um von den Staatsbanken günstige Kredite zu bekommen. „Chongming ist tot“, sagt Umweltschützerin Wu und macht keinen Hehl daraus, dass sie darüber keineswegs verwundert ist. „Null-Emissions-Städte sind kein realistisches und auch kein ehrliches Konzept.“
Im Umlauf ist es trotzdem noch immer. So behauptet die Pekinger Baufirma Vanke, im südchinesischen Shenzhen eine emissionsfreie Wohnanlage zu bauen, ohne allerdings zu erklären, wie dies verwirklicht werden soll. Auch ausländische Unternehmen versuchen, auf den Zug aufzuspringen: Im September erklärte die Berliner Projektbeschaffungsgesellschaft Z.E.R.A., einen Rahmenvertrag für eine Null-Emissions-Stadt in der chinesischen Region Anji abgeschlossen zu haben, die „in China zur Richtschnur für die ganz besonderen Anforderungen an die Stadtentwicklung der Zukunft werden“ solle. Schön wär’s. Wahrscheinlich ist es nicht.

KASTEN: Die Position vor Kopenhagen

Ausgangslage: China ist der größte Treibhausgasproduzent der Welt und dieser Vorsprung wird größer. Nach Berechnungen der Reform- und Entwicklungskommission lässt sich Chinas Emissionswachstum nicht vor 2020 abbremsen, der Höchststand werde frühestens im Jahr 2030 erreicht. 2050 könnte China dann wieder auf dem Niveau von 2005 sein.

Pläne: Diese düstere Prognose handelt Peking als bestmögliches Szenario, das nur mit hohen Investitionen in Energieeffizienz zu realisieren sei. Bis 2020 will China mindestens 15 Prozent seiner Energie aus erneuerbaren Energieträgern gewinnen. 300 Milliarden Euro sollen investiert werden. Bisher erzeugt China 70 Prozent seiner Energie aus Kohle.

Verhandlungen: China tritt als Leitmacht der Dritten Welt auf und verlangt, dass die entwickelten Nationen als Hauptverursacher des Klimawandels die größte Last übernehmen und ihre Emissionen bis 2020 um mindestens 40 Prozent gegenüber 1990 senken müssten. Die Entwicklungsländer wollen sich dagegen nicht zu absoluten Einsparzielen verpflichten.

Bernhard Bartsch | 16. November 2009 um 04:36 Uhr

 

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