Bernhard Bartsch

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Ein Land geht in die Stadt

Bis 2015 wird Chinas Bevölkerung um weitere 70 Millionen steigen – und erstmals mehrheitlich in der Stadt leben.

China liebt Superlative, doch sein berühmtester Spitzenwert ist mehr Last als Stolz: Die Chinesen sind das größte Volk der Welt – und ihre Zahl nimmt stetig zu. 2015 werden in der Volksrepublik 1,39 Milliarden Menschen leben, 70 Millionen mehr als heute, so die neuesten Statistiken der Nationalen Kommission für Bevölkerung und Familienplanung. Jeder fünfte Mensch der Erde ist Chinese. Zum Vergleich: In Deutschland leben 82 Millionen Menschen, in der Europäischen Union insgesamt 501 Millionen.

Die Zahl der Chinesen steigt, obwohl die Regierung das Bevölkerungswachstum seit dreißig Jahren mit der sogenannten „Ein-Kind-Politik“ beschränkt. Ohne die umstrittene Geburtenplanung müsste das Land heute aber noch 400 Millionen Menschen mehr ernähren, rechnet Peking vor. Chinas gewaltige demographische Herausforderungen wären dann noch schwieriger zu lösen.

Vor allem die Alterung der Gesellschaft und die fortschreitende Urbanisierung stellen das Land vor gewaltige Probleme, warnen Chinas Bevölkerungsforscher. Ab 2015 werde der Anteil der Menschen im arbeitsfähigen Alter (15-59 Jahre) zu sinken beginnen. Gleichzeitig werde die Zahl der Chinesen jenseits der Sechzig die Marke von 200 Millionen erreichen und dann jährlich um weitere acht Millionen steigen- mehr als doppelt so schnell wie in den vergangenen Jahren. Noch ist das chinesische Durchschnittsalter im internationalen Vergleich zwar eher niedrig ist (35 Jahre gegenüber etwa 44 Jahre in Deutschland). Doch da die Geburtenbeschränkung die Alterung der Bevölkerung stark beschleunigt, ist in China eine Debatte über ihre Abschaffung entbrannt – zumal Ein-Kind-Politik ursprünglich nur für 30 Jahre geplant war und 2010 hätte auslaufen sollen. Die Regierung will daran aber noch bis mindestens 2020 festhalten.

Nicht weniger gravierend ist Chinas Urbanisierungstrend. 2015 wird die Stadtbevölkerung 700 Millionen erreichen und damit erstmals in der chinesischen Geschichte größer sein als die Landbevölkerung. Die Regierung sieht die Verstädterung unter anderem als Grundvoraussetzung für die dringend benötigte Modernisierung der Landwirtschaft. China fällt es zunehmend schwer, sich selbst zu ernähren. Von einem Hektar Agrarland müssen in China zehn Menschen leben – mehr als doppelt so viel wie der globale Durchschnitt von 4,4.

In Zukunft werden Chinas Ressourcen noch stärker in Anspruch genommen werden. Erst 2033 wird die Bevölkerung mit 1,5 Milliarden ihr Maximum erreichen, erwartet die Regierung. Etwa zur gleichen Zeit dürfte China allerdings den Titel des bevölkerungsreichsten Landes verlieren: an Indien.

Bernhard Bartsch | 04. Juli 2010 um 15:55 Uhr

 

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