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Ein Gott dankt ab

Der Dalai Lama gibt seine politischen Funktionen auf und fordert demokratische Wahlen. Doch ausgerechnet Peking besteht auf seiner Wiedergeburt.

Der Dalai Lama geht in Rente. 61 Jahre nachdem ihm die weltliche Herrschaft über Tibet übertragen wurde, will der 14. Dalai Lama seine politischen Funktionen aufgeben und in demokratischen Wahlen einen Nachfolger bestimmen lassen. Das erklärte der 76-Jährige am Donnerstag anlässlich des 52. Jubiläums des tibetischen Volksaufstands gegen die kommunistischen Herrscher im Jahr 1959. Dieser Aufstand hatte zur Flucht des Dalai Lama nach Indien und zur Gründung der dort ansässigen Exilregierung geführt. «Eines meiner Ziele, das ich seit meiner Jugend verfolgt habe, ist die Reform von Tibets politischer und gesellschaftlicher Struktur», sagte der Dalai Lama. «Seit den frühen 1960er Jahren habe ich immer wieder betont, dass die Tibeter einen Anführer brauchen, der vom tibetischen Volk frei gewählt wurde und an den ich meine Vollmachten übergeben kann.» Ab kommender Woche soll das Exilparlament über eine entsprechende Verfassungsänderung beraten. Seine weitaus einflussreichere Rolle als Oberhaupt des tibetischen Buddhismus behält der Dalai Lama allerdings bei.

Die seit Monaten erwartete Ankündigung ist ein entscheidender Schritt für die Neuorganisation der tibetischen Exilgemeinde, deren Zusammenhalt massgeblich vom Charisma ihres politischen und spirituellen Oberhaupts abhängt. Viele Tibeter befürchten, dass die Bewegung nach dem Tod des Dalai Lama wegen des seit Jahren schwelenden Streits über die richtige Strategie im Umgang mit Peking auseinanderbrechen könnte. In seiner Erklärung erhob der Dalai Lama erneut schwere Vorwürfe gegenüber der Volksrepublik. «Tibeter leben in ständiger Angst und Sorge», sagte er. Viele Intellektuelle seien inhaftiert worden, weil sie gewagt hätten, «Tibets Identität und kulturellem Erbe ihre Stimme zu verleihen».

Chinas Regierung, die dem Dalai Lama separatistische Absichten unterstellt, kommentierte die Ankündigung mit der zu erwartenden Kritik. «Ich glaube, dass es sich um einen seiner Tricks handelt, um die internationale Gemeinschaft zu betrügen», erklärte eine Sprecherin des Aussenministeriums. «Die Exilregierung ist eine illegale politische Organisation, die von keinem Land der Welt anerkannt wird.» Doch dass ausgerechnet der Dalai Lama, den die chinesische Propaganda seit Jahrzehnten als düsteren Tyrannen darstellt, nun die Demokratie fördert, ist für Peking heikel.

Seitdem es im März 2008 zu Zusammenstössen zwischen unzufriedenen Tibetern und Hanchinesen gekommen ist, bei denen mindestens 19 Personen umkamen, versucht die Regierung, die Unruhezentren in den tibetischen Gebieten mit rabiaten Massnahmen unter Kontrolle zu bekommen. Dabei dürfte es Pekings Kritikern in und ausserhalb Tibets nicht entgangen sein, dass der Dalai Lama just an dem Tag abdankte, an dem Chinas Parlamentspräsident Wu Bangguo erklärte, ein Mehrparteiensystem sei in der Volksrepublik undenkbar. An der Jahrestagung des Nationalen Volkskongresses erklärte die Nummer zwei in der Parteihierarchie: «Chinas nationale Gegebenheiten zeigen deutlich, dass wir keine Rotation politischer Macht zwischen mehreren Parteien und keine Vielfalt politischer Leitideologien zulassen können.»

Deutlich schwerer, als die politische Nachfolge zu regeln, dürfte es dem Dalai Lama fallen, einen religiösen Nachfolger zu installieren. Chinas Kommunistische Partei kündigt seit Jahren immer wieder an, nach dem Tod des Dalai Lama über eine Reinkarnation entscheiden zu wollen. Der Vereinnahmung seines Amtes will der Dalai Lama womöglich zuvorkommen, indem er schon zu Lebzeiten erklärt, dass auf ihn keine Wiedergeburt folgen wird.

Padma Choling, der von Peking ernannte Gouverneur der Autonomen Region Tibet, sprach dem Dalai Lama Anfang der Woche am Rande des Nationalen Volkskongresses allerdings das Recht ab, seine Reinkarnation zu verweigern. «Ich finde das unmöglich, wir müssen die historischen Institutionen und religiösen Rituale des tibetischen Buddhismus respektieren», erklärte er. «Ich fürchte, kein Einzelner kann darüber entscheiden, ob die Institution der Wiedergeburt abgeschafft wird oder nicht.» Die Reinkarnation sei vom chinesischen Gesetz sogar vorgeschrieben.

Bernhard Bartsch | 10. März 2011 um 16:32 Uhr

 

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