Bernhard Bartsch

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Ein Geschenk für Baidu

Chinas größter Internetsuchdienst wertet den angedrohten Rückzug von Google als eigenen Erfolg.

Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte: Dass Google im Konflikt mit Peking um Hackerangriffe und Internetzensur seinen Rückzug aus der Volksrepublik erklärt hat, ist für Googles chinesischen Konkurrenten Baidu ein unverhofftes Geschenk. Das im Westen noch weitgehend unbekannte IT-Unternehmen – in Chinas Suchmaschinengeschäft mit 70 Prozent Marktanteil die klare Nummer eins – dürfte künftig de facto eine Monopolstellung genießen.

Weil Baidu allerdings nicht als Nutznießer eines politischen Konflikts erscheinen will, versuchte die Konzernspitze, Googles erwarteten Abgang als Sieg der eigenen Geschäftsstrategie zu verkaufen. „Würden Googles Führungskräfte auch dann noch behaupten, sie wollten nichts Böses tun und China verlassen, wenn sie im chinesischen Suchmaschinenmarkt einen Anteil von achtzig Prozent erobert hätten?“, bloggte Chefentwickler Sun Yunfeng. Googles Vorwürfe befriedigten lediglich „die Vorstellung von Westlern, die noch nie in China waren und nichts von China verstehen, aber trotzdem mit dem Finger auf China zeigen“.

Suns Unterstellung deckt sich fast aufs Wort mit Pekings offiziellen Stellungnahmen. Kein Zufall. Denn genaugenommen ist Baidu im Streit zwischen Google und den chinesischen Zensoren der verlängerte Arm der Kommunistischen Partei. Seine Marktführerschaft verdankt Baidu maßgeblich den engen Beziehungen zu den Regulatoren. Diese haben Internetbeschränkungen stets nicht nur zur Kontrolle der Meinungsfreiheit genutzt sondern auch zur Marktmanipulation.

Baidu ist einer der größten Nutznießer dieser Politik. Gegründet wurde das Unternehmen 1999 von Robin Li, einem chinesischen Informatiker, der in den Neunzigern im Silicon Valley Karriere machte, bevor er in seine Heimat zurückkehrte. Dort gründete er mit Baidu die erste erfolgreiche chinesische Suchmaschine. Googles speziell für China gestaltete Seite google.cn startete erst 2006. Baidus Stärke lag dabei nicht in eigenen Innovationen – viele Dienste sind mehr oder weniger direkte Kopien ausländischer Konkurrenten. Dafür hatte Lis Team ein gutes Gespür für den chinesischen Benutzer. Die Seite hat nur wenige technische Raffinessen und ist so für Chinesen mit geringen Computerkenntnissen leicht zu bedienen. Außerdem ist Baidu für chinesische Internetbenutzer leicht zu schreiben, weil es sich dabei um die Umschrift eines chinesischen Wortes handelt (wörtlich etwa: „100 Grad“), während Google ein kompliziertes Fremdwort ist. „Baidu ist, was mein alter Vater benutzt“, sagt ein Student der Peking-Universität, „aber wer kein Anfänger mehr ist, benutzt Google.“

Da Copyright in China nicht groß geschrieben wird, konnte Baidu sich besonders im Markt für Musikdownloads stark von Google absetzen. Die Amerikaner müssen sich an internationale Standards halten und gründeten erst im März dieses Jahres einen Musikdienst, an dem die vier größten Musikkonzerne der Welt beteiligt sind, Warner, Vivendi, EMI und Sony. Chinesische Unternehmen kooperieren gerne mit Baidu, weil dort bezahlte und unbezahlte Suchergebnisse nicht klar getrennt werden. Außerdem ist Baidu gegen Bezahlung bereit, Links auf unliebsame Interneteinträge verschwinden zu lassen. Viele Unternehmen konnten so die im Internet erhältlichen Nachrichten über sich ebenso schönen wie die chinesische Regierung.

Doch obwohl Google in den drei Jahren des Bestehens seiner chinesischen Seite nicht über einen Marktanteil von rund einem Drittel hinauskommen konnte, liegen beide Unternehmen bei ihrem Umsatz etwa gleichauf: bei rund 200 Millionen Dollar. Und das obwohl die Verzahnung der verschiedenen Dienste, auf denen Googles Geschäft aufgebaut ist, in China systematisch torpediert wurde. Die Daten, die Googles Suchmaschinen generieren, konnte das Unternehmen in China nicht als Geschäftsgeheimnis unter Verschluss halten. Seit vergangenem März ist Googles Videodienst Youtube in China gesperrt. Auch das Diskussionsforum Blogspot ist in China nicht zugänglich. Selbst die Gmail-Adressen waren in der Vergangenheit nicht immer zugänglich.

Bei einem derartigen Marktumfeld erscheint Googles Abzug aus China weniger als der Verzicht auf einen Zukunftsmarkt, sondern als Stilllegung eines Geschäftszweigs, der mehr Risiken als Chancen birgt.

Bernhard Bartsch | 15. Januar 2010 um 08:31 Uhr

 

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