Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Ein gefühlter Sieg

Die USA und Europa versinken in Schuldenkrisen, China boomt. Die Chinesen geniessen den Triumph – aber können sie sich für diesen Sieg etwas kaufen?

Ist China der Gewinner der Krise in den USA und Europa? Wäre die Nachrichtenlandschaft ein reales Abbild der Wirklichkeit, müsste es wohl so sein. Die gegenwärtigen Turbulenzen «könnten der Wendepunkt für den Transfer der globalen Macht von den USA zu ihrem grossen Rivalen China sein», glaubt der britische «Guardian». In Deutschland beschwört «Die Zeit» den Zeitenwechsel mit dem Titel «Geldmacht wird Weltmacht». Die «Bild» fragt: «Kaufen uns die Chinesen jetzt auf?», während die «TAZ» Chinas Aufstieg ihrerseits für ausgemachte Sache hält, weil «der ferne Osten einen Plan hat. Der Westen hat ihn nicht.»

Die Fixierung auf China verrät mehr über den Westen als über die künftige Rolle der Volksrepublik oder gar eine neue Weltordnung. Die Verunsicherung ist gross: Dass globale Machtverhältnisse sich verschieben, liegt auf der Hand. Dass der Westen nach dem Kalten Krieg nicht den Sieg der Geschichte davongetragen hat und Anspruch auf die Weltregierung erheben kann, wie es sich einige eine Zeit lang einbildeten, ist ebenso offensichtlich. Wer könnte da besser als neue Ordnungsmacht auftreten als die Chinesen, denen alle grossen Sorgen des Westens fremd zu sein scheinen: Wir haben die Kontrolle über unsere Währungen verloren, die Chinesen haben sie nie abgegeben. Wir haben Schulden, die Chinesen Devisenreserven. Bei uns herrscht Stagnation, in China boomt es. Ist doch klar, wer da gewinnen muss. Aber worin besteht Chinas Gewinn – und was können sich die Chinesen dafür kaufen?

Politisch spielt die Krise der Regierung in die Hände. Die Chinesen, die ihrem historischen Selbstverständnis nach mehr Anspruch auf einen Weltmachtstatus zu haben glauben als jedes andere Land, empfinden die globale Dominanz des Westens von jeher als nationale Beleidigung. Die Kommunistische Partei tat in den vergangenen Jahrzehnten das Ihre, um dieses Gefühl der Schande im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. Der Nationalismus hat den Sozialismus als Staatsideologie abgelöst, und kaum etwas schweisst ein Volk besser zusammen als ein gemeinsamer Feind. Die USA stellen für die Chinesen dabei die Messlatte dar, die sie überbieten wollen. Schon Mao Zedong gab das Ziel vor, China müsse Amerika wirtschaftlich überholen. Die Kampagnen, mit denen er dieses Ziel erreichen wollte, bescherte den Chinesen mehr Leid und Elend, als ihnen je eine ausländische Imperialmacht angetan hat – ein düsteres Kapitel, das im offiziellen Geschichtsbild der Volksrepublik bis heute ausblendet wird. Dass die USA politisch wie gelähmt erscheinen, erfüllt viele Chinesen mit Genugtuung. Genüsslich erörtern die Staatsmedien die Mängel des westlichen Modells von Demokratie und Kapitalismus, um die Überlegenheit des chinesischen Systems zu propagieren.

Auch aussenpolitisch kann China von der Schwäche der USA profitieren, doch der Gewinn fällt dabei deutlich geringer aus als in der Innenpolitik. In internationalen Verhandlungen hat Chinas Stimme mehr Gewicht, in Organisationen wie dem Internationalen Währungsfonds (IMF) mehr Einfluss. Die Wunschrolle als Leitnation der Entwicklungs- und Schwellenländer kann China aber bisher nicht spielen, denn die Zahl der Verbündeten ist kleiner als die der Skeptiker. Dass Peking nach der Finanzkrise 2008 glaubte, sich in der Nachbarschaft ein dominanteres Auftreten leisten zu können, hat sich gerächt. Länder wie Südkorea, Japan, Vietnam und Indien sehen das chinesische Grossmachtgebaren mit wachsender Beunruhigung und versuchen ihrerseits, Allianzen zu schmieden, um Pekings Einfluss in der Region einzudämmen. Dass die USA gezwungen sein könnten, ihr Engagement in Asien/Pazifik zurückzufahren, verhärtet die Fronten derzeit zusätzlich. Eine Rolle als regionale oder gar globale Grossmacht wird China keineswegs angetragen.

Dass die Volksrepublik dafür dennoch als natürlicher Anwärter gilt, verdankt sie ihrer Wirtschaftskraft. Wirtschaftlich ist in dieser Krise allerdings kein Land ein Gewinner, es gibt nur grössere Verlierer und kleinere. Die Probleme der USA sind bekannt: Das einzige Mittel gegen ihre Misere heisst Wachstum, und seit dem parteipolitischen Stellungskrieg um die Anhebung der Schuldengrenze scheint eine baldige Erholung der Konjunktur noch unwahrscheinlicher als zuvor. Diese Schwäche der USA kommt aber auch China teuer zu stehen.

Aller politischen Rivalität zum Trotz haben die USA und die Volksrepublik in den vergangenen Jahrzehnten wirtschaftlich symbiotisch zusammengelebt. Die Amerikaner sind die grössten Kunden chinesischer Waren. Chinas niedrige Löhne ermöglichten den Amerikanern, Dinge zu kaufen, die sie sich zu westlichen Produktionskosten nicht hätten leisten können. Gleichzeitig halfen die Chinesen den Amerikanern, ihre Konsumkraft durch billig geliehenes Geld zusätzlich anzukurbeln.

Seine hohen Exportüberschüsse bescheren China gewaltige Mengen an ausländischer Währung. Der Grund dafür: Weil Peking den Kurs des Yuan nicht den Märkten überlassen will, müssen alle chinesischen Unternehmen, die Waren exportieren und dafür in ausländischer Währung bezahlt werden, ihre Einnahmen bei der Zentralbank in Yuan umtauschen. Seine Devisen legte China grösstenteils in ausländischen Staatsanleihen an, vor allem in amerikanischen, die bis vor kurzem als die sicherste Möglichkeit galten, Geld zu parkieren. So liehen die Chinesen den Amerikanern das Geld, mit dem diese chinesische Produkte kauften. Wenn Peking nun Washingtons «Schuldensucht» moniert, so ist das zwar richtig, aber die Rüge kommt vom Dealer, der den Abhängigen jahrelang mit seinem Stoff beliefert hat.

China will den Amerikanern auch nicht das Schuldenmachen über Nacht austreiben. Pekings oberste Priorität ist globale Stabilität, und um diese sicherzustellen, bleibt der Volksrepublik vorerst nichts anderes übrig, als weiter US-Schatzbriefe zu kaufen. Aus dem gleichen Grund investieren die Chinesen auch in Staatsanleihen europäischer Krisenstaaten wie Griechenland, Spanien und Portugal. Diese Anlagestrategie entspricht nicht uneigennützigen Gedanken. Einen kleineren Teil seiner Devisenreserven nutzte China, um sich in Rohstoffvorkommen und internationale Unternehmen einzukaufen. Von Zentralasien über Afrika bis Südamerika ist die Volksrepublik inzwischen an Ölfeldern und Erzminen beteiligt. Einige Weltmarken wie etwa Volvo sind inzwischen ebenfalls in chinesischer Hand, und an einer wachsenden Zahl grosser Konzerne hält China Anteile. Erst letzte Woche wurde bekannt, dass die Investmenttochter der chinesischen Zentralbank inzwischen mit über drei Prozent an der Münchener Rückversicherung beteiligt ist. In einigen Fällen waren die Einkäufe Schnäppchen, in anderen haben sich die Chinesen aber auch verrechnet, so etwa, als der Computerhersteller Lenovo vor einigen Jahren die PC-Sparte von IBM kaufte. Auch müssen die Chinesen mit dem Manko kämpfen, dass ihre Beteiligungen mit Skepsis gesehen werden. Ein Land, das ständig gegen internationale Wirtschaftsregeln verstösst, muss sich darüber nicht wundern. Doch es geht nicht um Moral, sondern um Jobs. Millionen Chinesen arbeiten in der Exportindustrie, einem der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren des Landes. Wenn die Bestellungen des Auslands einbrechen, verlieren sie ihre Jobs und ihre Familien, die meist im unterentwickelten Hinterland leben, häufig ihr einziges Einkommen. Peking sieht darin eine grosse Gefahr für den sozialen Frieden, der angesichts der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich ohnehin bereits angespannt ist. In der Finanzkrise von 2008 schnürte die Regierung deshalb ein grosses Konjunkturpaket, um die entlassenen Wanderarbeiter für den Bau von Strassen, Brücken und Eisenbahntrassees einzusetzen. Damit konnte Peking das Wachstum am Laufen halten, doch der Preis war hoch: China musste selbst Schulden machen. Sollte es erneut zu einer Krise kommen, bliebt dem Dealer erneut keine andere Wahl, als selbst zum Stoff zu greifen.

Ist China also der Gewinner der Krise? Es ist höchstens ein gefühlter Sieg. Das mag besser erscheinen als die krachende Niederlage, welche die USA derzeit verkraften müssen, oder die Zitterpartie, in der die Europäer derzeit darum kämpfen, sich noch in ein Unentschieden zu retten. Doch gefühlte Siege sind gefährlich. Sie machen leichtsinnig. Dass die USA sich in Afghanistan und im Irak in Kriege stürzten, die sie sich nicht mehr leisten konnten, war nicht nur eine Folge der Terroranschläge vom 11. September 2001, sondern auch ein Ergebnis des eigenen Überlegenheitsgefühls und Selbstverständnisses als Weltpolizei. Nun sind die USA ihrerseits nur noch eine vermeintliche Supermacht, die ihren Status der allgemeinen Ratlosigkeit verdankt, wie denn eine Weltordnung ohne ein starkes Amerika aussehen könnte. Bipolar? Multipolar? Ohne Pole? Dass die Chinesen darin eine wichtige Rolle spielen wollen, steht ausser Frage. Wie diese Rolle aussehen könnte, wird auch durch die Krise nicht beantwortet.

Bernhard Bartsch | 14. August 2011 um 12:02 Uhr

 

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