Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

Ein Ei pro Monat

Auch diesen Winter ist die Versorgungslage für viele Nordkoreaner wieder heikel. Doch die internationale Hilfsbereitschaft ist begrenzt.

Es ist Kohlernte in Nordkorea. Landauf, landab hacken Arbeitertrupps die grünen Köpfe ab und türmen sie am Feldrand zu großen Bergen auf. Armeeeinheiten verladen sie auf altmodische Lastwagen und transportieren sie in die Dörfer und Städte, wo die Menschen in Gruppen antreten, um ihre Zuteilungen in Empfang zu nehmen. Auf Handkarren verfrachten sie ihren Kohl nach Hause, stapeln ihn auf Balkonen oder vor der Tür. In den kommenden Tagen werden die Hausfrauen die Blätter in großen Krügen zu Kimchi einlegen, dem Nationalgericht, das in den langen Wintermonaten für viele Nordkoreaner die einzige Vitaminquelle ist, und eine von wenigen Möglichkeiten, dem täglichen Maisbrei ein wenig Geschmack zu verleihen.

Die diesjährige Ernte sei gut, heißt es in Pjöngjanger Diplomaten- und Entwicklungshelferzirkeln. Besser jedenfalls als letztes Jahr. Doch was heißt das schon in einem Land, das jeden Herbst erneut vor der Frage steht,
ob das Volk im Winter unter Hunger leiden wird oder nur unter Mangelernährung? In den kommenden Tagen wird das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) seine alljährliche Schätzung veröffentlichen, wie groß die Versorgungslücke diesmal sein wird. Regierungen in aller Welt werden dann diskutieren, mit wie viel Geld sie die Nordkoreaner unterstützen wollen und ob die Spenden nicht ein Regime stützen, das seine eigenen Devisen lieber für Waffentechnologie und Oberschichtluxus ausgibt als für Lebensmittelimporte.

WFP-Repräsentantin Claudia von Roehl ist überzeugt, dass ihre Hilfsaktionen nicht dem Herrschaftsklan von Diktator Kim Jong-il oder der Armee zugute kommen, sondern den Bedürftigsten des Landes. „Unsere Zielgruppe sind vor allem Kinder, Schwangere und stillende Mütter“, erklärt sie. „Kinder, die nicht ordentlich ernährt werden, können nicht wachsen – und Kinder sind schließlich die Zukunft des Landes.“ Und um die ist es schlecht bestellt: Ende der Neunziger, kurz nach der letzten verheerenden Hungersnot, litten zwei Drittel der Kinder unter Kleinwüchsigkeit und anderen Missbildungen, heute sind es immer noch halb so viel. „Wenn wir auf dem Land unterwegs sind und Kinder fragen, wann sie zum letzten Mal ein Ei gegessen haben, ist das meistens schon einen Monat her“, sagt von Roehl. WFP versorgt deshalb Familien, Krankenhäuser, Waisenheime und Schulen mit Spezialnahrung, die in nordkoreanischen Fabriken aus gespendeten Lebensmitteln produziert wird. Um zu kontrollieren, dass die Lieferungen tatsächlich dort ankommen, wo sie hinsollen, schickt WFP 18 ausländische Inspektoren durchs Land, die innerhalb von 24 Stunden bei jedem Projektpartner Zugang verlangen können. Die Zusammenarbeit mit den nordkoreanischen Behörden sei so gut wie noch nie, sagt von Roehl. Das viel größere Problem sei derzeit, international Spenden aufzutreiben. Südkorea und die USA, lange die größten Geberländer, haben kein Geld mehr bewilligt, seitdem Nordkorea 2009 seine zweite Atomwaffe testete. Obwohl WFP im April einen Notaufruf startete und für 2011 um 200 Millionen Dollar bat, hat das Programm bisher nur 64 Millionen Dollar eingesammelt.

Obwohl die humanitäre Notlage außer Frage steht, plädieren zahlreiche internationale Organisationen dafür, lieber Geld in Projekte zu investieren, die den Nordkoreanern helfen, sicht selbst zu ernähren. „Schauen sie sich diese Berge an“, sagt Francesco Rezzonico von der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) bei einer Autofahrt südwestlich von Pjöngjang. „Früher war das alles bewaldet, aber jetzt sind sie kahl, weil die Menschen auf der Suche nach Essen und Feuerholz alles abgerodet haben. “ Nun zeigt ihnen der Agrarexperte, wie sie die Hänge landwirtschaftlich nutzen können. In dem Dorf Changmae beackern 80 Frauen gemeinsam einen Berghang. Sie legen Grasrabatten an, um die Erosion zu stoppen, und pflanzen Gemüse, das auch mit kargem Boden auskommt. Da die Schweizer ihren nordkoreanischen Partnern die Zusage abgerungen haben, dass die Frauen ihre Erträge selbst behalten und nicht bei der Produktionsgenossenschaft abgeben müssen, ist das Engagement groß. „Der Boden ist schlecht, aber je länger wir ihn bearbeiten, umso besser wird er“, sagt Frau Jo, die Teamleiterin. „Der Hang hilft, unsere Versorgungslage zu stabilisieren und ein bisschen zusätzliches Einkommen zu verdienen.“ Sie zeigt auf eine sauber gesetzte Reihe kleine Sträucher. „Da ziehen wir Aroniabeeren“, erklärt die Bäuerin. „Für ein Kilogramm Beeren kann ich zehn Kilogramm Mais bekommen.“ Auch Chilischoten oder Sesam sind lukrative „cash crops“, wie es im Entwicklungshelfervokabular heißt: Feldfrüchte, die sich gut verkaufen lassen.

Davon zu reden, wäre in Nordkorea noch vor kurzem tabu gewesen. Denn laut kommunistischer Ideologie versorgt das staatliche Verteilungssystem die Menschen mit allem, was sie brauchen: Arbeit, Wohnung, Kleidung, Essen. Doch der öffentliche Versorgungsmechanismus funktioniert schon seit langem nicht mehr. Laut WFP bekamen viele Menschen dieses Jahr zeitweise nur ein Viertel der Lebensmittelrationen, die ihnen eigentlich zustehen. Um zu überleben, versorgen sich die Nordkoreaner deshalb zunehmend auf Märkten. Offiziell erlaubt die Regierung ihren Bauern zwar nur einfachen Tauschhandel, doch unter der Hand blüht ein lebendiger Schwarzmarkt, vor allem mit Importwaren aus China.

Doch wer handeln will, muss wie Bäuerin Jo etwas zu bieten haben, das er verkaufen kann. „Der Landbevölkerung geht es noch vergleichsweise gut, weil sie ihre eigenen Hausgärten haben, in denen sie etwas ziehen können“, sagt Karl Fall, der für die deutsche Welthungerhilfe in Nordkorea arbeitet. „Am schlimmsten ist die Situation für die Städter.“ Fall hat deshalb am Rand von Pjöngjang Gewächshäuser errichtet, die auch unter Nordkoreas schwierigen natürlichen Bedingungen funktionieren. „Wir haben hier keine Heizung, daran wäre bei Nordkoreas Energieproblemen nicht zu denken“, erklärt Fall. „Dafür haben unsere Gewächshäuser auf der Nordseite dicke Lehmwände, die tagsüber von der Sonne aufgeheizt werden und die Wärme nachts wieder abstrahlen.“ Die Pflanzen wachsen mit einer Nährlösung, die aus den Ausscheidungen von Welsen und Karpfen hergestellt wird, die in einem der Gewächshäuser in großen Becken leben. „Die Fische füttern wir mit Seidenraupen, die ihrerseits von Baumblättern leben“, sagt Fall. „Das ist eine Nahrungsquelle, die sie dem
Menschen nicht streitig machen.“

Doch egal wie effektiv die Nordkoreaner ihr Land bewirtschaften, das Ziel der Selbstversorgung ist angesichts der natürlichen Bedingungen unerreichbar. Die wirklich fruchtbaren Regionen der Halbinsel, die Jahrhunderte lang die Kornkammer der Nation bildeten, liegen südlich des 38. Breitengrads, der Nord- und Südkorea seit 6 Jahrzehnten trennt. „Nordkorea wird seine Probleme nicht lösen, bevor es nicht aus seiner Isolation heraustritt“, sagt ein europäischer Diplomat. „Leider herrscht in der Führung das Dogma, dass dafür zunächst Seoul und Washington Zugeständnisse machen müssten – in ihren eigenen Augen sind die Nordkoreaner immer die 
Opfer.“

Bernhard Bartsch | 25. November 2011 um 05:37 Uhr

 

2 Kommentare

  1. Olf

    27. November 2011 um 05:57

    Interessanter artikel! Nur das mit den 60 Jahrzehnten trenning zwischen Nord- und Südkorea kommt mir ein bisschen lang vor 😉
    Olf

  2. Bernhard Bartsch

    27. November 2011 um 12:18

    Stimmt – sechs Jahrzehnte sind auch schon lang genug.