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Ein Diktator verschwindet

Nordkoreas „Geliebter Führer“ Kim Jong-Il ist abgetaucht. Geheimdienste halten den Tyrannen für todkrank, Koreakenner trauen dem Diktator auch eine Finte zu.

Wo steckt Kim Jong-Il? Nachdem der Diktator am Montag den pompösen Feierlichkeiten zum 60. Gründungsjubiläum der Demokratischen Volksrepublik Korea ferngeblieben ist, rätselt die Welt über den Gesundheitszustand des Mannes, der sein Land seit Jahrzehnten in Isolation und bitterer Armut hält. Südkoreas Geheimdienst will erfahren haben, der 66-Jährige sei schwer erkrankt – und womöglich bereits tot. „Es ist sicher, dass Kim Jong-Il krank ist“, zitierte die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap gestern einen ranghohen Regierungsbeamten in Seoul. Am 22. August soll er einen schweren Schlaganfall erlitten haben.

Angeblich leidet Kim schon lange an einer Herzkrankheit und an Diabetes, befördert durch seine Vorliebe für opulente Menüs und guten Wein. Chinas Regierung, Nordkoreas engster Verbündeter, soll Kim ein Team von fünf Ärzten geschickt haben, doch selbst verliert sie über seinen Zustand keine Silbe. Cai Jian, Koreaexperte an der Schanghaier Fudan-Universität, erklärte, Kims Abwesenheit von der Militärparade sei ein sicheres Indiz dafür, dass „etwas nicht stimmt“. Den 50. und den 55. Gründungstag hatte er noch begangen, als sei er selbst der Jubilar.

Allerdings wäre es nicht das erste Mal, dass Kim unangemeldet für längere Zeit aus der Öffentlichkeit verschwindet. Koreakenner trauen ihm durchaus einen Bluff zu: Mit einer fingierten Krankheit könnte er seine Gegner aus der Deckung zu locken versuchen oder sich vor einem vermeintlichen Attentat durch die Amerikaner, Südkoreaner oder die eigenen Generäle schützen wollen.

Zwar dementierte Pjöngjang gestern die Berichte über eine mögliche Krankheit des „Geliebten Führers“. Es gebe „kein Problem“, sagte Kim Yong-Nam, formal Nordkoreas amtierendes Staatsoberhaupt, der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo. „Wir betrachten solche Berichte nicht nur als wertlos, sondern als Verschwörung.“ Doch selbst Nordkoreas Zentrale Nachrichtenagentur lässt zwischen den Zeilen durchblicken, dass der normalerweise omnipräsente Führer abgetaucht ist. Offiziellen Meldungen zufolge nahm Kim die zahlreichen Geschenke und Glückwünsche zum Jahrestag nicht wie gewohnt persönlich entgegen, sondern übertrug die Aufgabe seinen Beamten. Zuletzt war Kim Anfang August in einer Kaserne aufgetreten, als er das Militär aufgefordert hatte, sich selbst zu versorgen und „aktiv eine Nebenwirtschaft zu entwickeln, um den Soldaten bessere Lebensbedingungen zu verschaffen“.

Zwar könnte das Ende der Ära Kim für die 23 Millionen Nordkoreaner auch den Schluss ihrer gewaltsamen Abschottung vom Rest der Welt bedeuten, was jedoch nach dem exzentrischen Führer kommt, ist so ungewiss wie sein derzeitiger Zustand.

Südkoreas Präsident Lee Myung-Bak rief gestern schon einmal seine engsten Vertrauten zusammen, um über die möglichen Konsequenzen zu beraten. In Seoul geht man davon aus, dass Kims Tod in Pjöngjang zunächst Handlungsunfähigkeit auslösen würde, gefolgt von einem bitteren Nachfolgekampf zwischen seinen drei Söhnen, den Militärs und der Parteielite. Da Kim aus Angst um seine eigene Position nie einen Wunschnachfolger in Stellung gebracht hat, ist der Ausgang völlig offen und das Machtvakuum könnte zum Zusammenbruch des maroden Staates führen. Die Südkoreaner fürchten, in diesem Fall mit ins Verderben gezogen zu werden. Um ihren Nachbarn aufzufangen, müssten sie Hunderte Milliarden von Dollar aufbringen.

Die Spekulationen über Kims Erkrankung überschneiden sich mit einer erneuten Verschärfung des Atomkonflikts mit dem stalinistisch regierten Land. Nach Verhandlungserfolgen in den vergangenen Monaten steht inzwischen die Drohung Nordkoreas im Raum, seine Atomanlage in Yongbyon wieder in Gang zu setzen. Die Regierung in Pjöngjang begründet dies damit, dass die USA Nordkorea nicht von einer Unterstützerliste des internationalen Terrorismus gestrichen haben. Washington wiederum fordert eine strikte Überwachung der Atomanlagen, bevor es Nordkorea von der Liste streicht. In Yongbyon wurde das Plutonium produziert, das Nordkorea bei seinem ersten Atomwaffentest im Oktober 2006 einsetzte.

Bernhard Bartsch | 11. September 2008 um 05:14 Uhr

 

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