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Ehrliche Japaner

Im Tsunami-Gebiet finden Katastrophenhelfer Geld in Millionenhöhe – und geben es zurück.

Die Spuren der Zerstörung sind noch frisch. Im Hafen des japanischen Fischerstädtchens Ishinomaki, wo am 11. März Hunderte Bewohner Opfer des Tsunamis wurden, sind Arbeitertrupps damit beschäftigt, Häusertrümmer abzutransportieren. „Leichen gibt es hier keine mehr“, sagt einer der Männer. „Aber beim Abriss der Häuser finden wir noch immer Gegenstände, die den ehemaligen Bewohnern vielleicht noch wichtig sind, sollten sie überlebt haben.“ Jeden Abend geben die Arbeiter ihre Funde bei der Polizei ab, die dann versucht, die Eigentümer zu finden.

Unter den Funden sind auch große Mengen Geld. Portemonnaies mit einem Gesamtinhalt von 3,7 Milliarden Yen (340 Millionen Euro) wurden seit März in den Präfekturen Miyagi, Iwate und Fukushima der Polizei übergeben, teilten die Behörden mit. Außerdem wurden rund 5700 Safes geborgen, in denen sich umgerechnet insgesamt 2,4 Milliarden Yen befanden. Die Funde, die zum Teil an der Küste angespült wurden, seien sowohl von Rettungskräften als auch von normalen Bürgern abgegeben worden, erklärte die Polizei. Ein Großteil des geborgenen Geldes habe an die rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben werden können.

Die Ehrlichkeit der Finder gilt in Japan als positives Zeichen dafür, dass die Grundwerte der Gesellschaft auch der Ausnahmesituation der Naturkatastrophe standgehalten haben. Berichte von Plünderungen in den betroffenen Gebieten, in denen etwa 15 700 Menschen umkamen und noch immer Tausende vermisst werden, gibt es so gut wie keine. Zwar ist die Desillusionierung gegenüber der Tokioter Regierung groß, die vor allem wegen ihres Umgangs mit der Kernschmelze im Atomkraftwerk Fukushima Daichi in der Kritik steht. Doch der Einsatz lokaler Beamter in den zerstörten Gebieten gibt vielen Betroffenen Hoffnung, dass sie sich bald wieder ein neues Leben werden aufbauen können. „Von meinem Haus sind nur noch die Schulden übrig“, sagt der Arbeiter, der mit seiner Familie in einem von der Regierung bereitgestellten Wohncontainer lebt. „Wir wissen nicht, wann wir unser Haus wieder aufbauen können, aber irgendwie wird das Leben weitergehen.“ Aber noch sind die Trümmer nicht weggeräumt und alle Wertsachen gefunden.

Bernhard Bartsch | 20. August 2011 um 07:08 Uhr

 

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