Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Drü Chünüsün…

Ist es rassistisch, ein chinesisches Kindermädchen „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ hören zu lassen?

Ist „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ ein rassistisches Lied? Die Frage durchzuckte mich kürzlich beim Nachhausekommen. Unser chinesisches Kindermädchen hatte eine deutsche CD eingelegt, mir tönte „Dri Chinisin mit dim Kintribiss“ entgegen. „Nur gut, dass sie kein Deutsch versteht“, dachte ich. Dri Chinisin, dro Chonoson, drü Chünüsün – ist das nicht genauso politisch unkorrekt, als würde man eine schwarze Nanny mit „Zehn kleine Negerlein“ beschallen?

Mit den „Drei Chinesen“ ist es wie mit vielen Kinderliedern: Wir kennen sie und kennen sie doch nicht, weil wir sie gelernt haben, bevor wir die Texte verstehen konnten. „Dri Chinisin mit dim Kintribiss“ klingt so selbstverständlich wie 1… 2… 3. Würde ich nicht in China leben, hätte ich wohl nie darüber nachgedacht.

Da stehen also drei Chinesen auf der Straße und spielen Kontrabass. Es ist nicht klar, ob es ein Trio ist oder ob nur einer fiedelt und die anderen faul dabeistehen (wie ich China kenne, tippe ich auf Letzteres, außer ein strenger Vorarbeiter sorgt dafür, dass alle im Akkord geigen). Das ruft die Polizei auf den Plan, und die traut ihren Augen nicht: Drei Chinesen? Mit Kontrabass? Das verstößt offenbar gleich doppelt gegen die Ordnung. Das Lied verrät zwar nicht, ob die Staatsmacht das Ständchen beendet, sie scheint aber nicht als freundlicher Helfer angerückt zu sein.

So weit, so einfach. Aber wer sind die Guten und wer die Bösen? Als meine Tochter im Bett war, habe ich gegoogelt: Entstanden ist das Lied Anfang des 20. Jahrhunderts, also in einer Zeit, in der China ein fernes Land war und wir Europäer fremde Kulturen in „Völkerschauen“ studierten, bei denen sogenannte Primitive in Käfigen ausgestellt wurden. Die Vorstellung dreier Kontrabass spielender Chinesen muss damals ähnlich absurd gewesen sein wie die Geschichte der Elefanten, die in einem anderen Kinderlied auf einem Spinnennetz balancieren. Kein Wunder, dass die Polizisten, stramme preußische Schutzmänner, nach dem Rechten sehen.

Im Zeitalter der Globalisierung stellt sich der Sachverhalt natürlich anders da. Inzwischen sind die Chinesen überall, nicht nur auf unseren Straßen, auch in unseren Musikkonservatorien und Orchestern. Wer sich über Chinesen mit Kontrabass wundert, ist von gestern. Die Witzfiguren des Liedes sind damit die Polizisten.

Ein Lied über chinesische Musiker und tölpelhafte deutsche Polizisten, die glauben, dass „Dri Chinisin mit dim Kintribiss“ Chinesisch klingt – das darf unser Kindermädchen ruhig hören. Aber gefällt es mir, dass sie unserer Tochter das Kinderlied „Liang zhi laohu “ beigebracht hat, über zwei Tiger ohne Schwanz und Ohren? Ich muss überlegen. Verstümmelte Tiger – ist das nicht Tierquälerei?

Bernhard Bartsch | 15. Juli 2011 um 03:24 Uhr

 

2 Kommentare

  1. Susanne

    17. Juli 2011 um 14:33

    Herrlich beobachtet und geschlussfolgert … 😉

  2. Anna

    31. März 2014 um 15:49

    Gefällt mir :) Danke für das Schmunzeln des Tages!