Bernhard Bartsch

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Drei Bauern im All

Chinesische Astronauten starten zu erstem Weltraumspaziergang. Hinter der Mission steckt politisches, wirtschaftliches und militärisches Kalkül.

„Den besten Ausblick bekommt man nur von den gefährlichsten Gipfeln.“ Mit diesem Ausspruch von Mao Zedong verabschiedete sich am Donnerstag Chinas drittes Astronautenteam ins All. Die Raumfähre „Shenzhou 7“ hob um 21:10 Uhr Ortszeit (15:10 MEZ) vom chinesischen Weltraumbahnhof Jiuquan in der zentralchinesischen Provinz Gansu ab. Höhepunkt der dreitägigen Mission soll am Samstag Chinas erster Weltraumspaziergang sein. Die Parteispitze war fast geschlossen nach Jiuquan gereist, um den Start der Trägerrakete vom Typ „Langer Marsch“ vor Ort zu verfolgen, darunter Präsident Hu Jintao und Vize-Präsident Xi Jinping.

Das chinesische Fernsehen übertrug den Countdown seit dem frühen Nachmittag live. Schon seit Tagen feierte die Staatspresse den Start als nationales Großereignis, sichtbar darum bemüht, den Negativnachrichten über den Milchskandal, in dem über 50.000 Kinder erkrankt sind, ein positives Medienevent entgegen zusetzen. Ausführlich erzählten sie die Aufsteigerbiographien der drei Astronauten, die alle 1966 in ärmlichen ländlichen Verhältnissen geboren wurden und in der Volksbefreiungsarmee als Jagdflieger Karriere machten. Denn die Offiziere Zhai Zhigang, Liu Boming und Jing Haipeng verkörpern den von Peking propagierten chinesischen Traums, dass jeder es schaffen kann, für sein Vaterland Großes zu leisten. „Er ist der Stolz unseres Bezirks und des ganzen Landes“, erklärte Zhais Bruder, dessen Familie seit Tagen von über hundert chinesischen Journalisten belagert wird. Schon die Besatzungen von Chinas beiden früheren Missionen waren zu Nationalhelden avanciert, insbesondere Yang Liwei, der 2003 als erster Chinese ins All geflogen. Die Volksrepublik hat für die kommenden Jahre weitere Weltraumexpeditionen angekündigt. Bis 2020 will sie eine eigene Weltraumstation aufbauen und Chinesen auf den Mond schicken.

Hinter dem Plan steckt politisches, wirtschaftliches und militärisches Kalkül. Die Volksrepublik will die Erschließung des Alls nicht den US-Amerikanern, Russen, Europäern und Japanern überlassen. „In der gegenwärtigen Weltsituation muss China das tun, wenn es nicht abgehängt und wieder einmal geschlagen werden will“, erklärt Ouyang Ziyuan, 73, einer der Väter von Chinas Weltraumprogramm. Offiziellen Statistiken zufolge investiert China jährlich umgerechnet eine Milliarden Euro in seine Raumfahrtprojekte; westliche Experten schätzen die Ausgaben allerdings auf mindestens doppelt so hoch.

Technologisch hinkt die Volksrepublik zwar noch weit hinter den etablierten Raumfahrtnationen hinterher, und viele ihrer Entwicklungen basieren auf Jahrzehnte alter russischer Technologie. So hat die Shenzhou-7-Besatzung für ihren Weltraumspaziergang neben einem chinesischen auch einen russischen Allanzug dabei. Doch bei modernen Schlüsseltechnologien wie der Nutzung von Satelliten sind die Chinesen zuversichtlich, bald nicht mehr von ausländischer Technologie abhängig sein zu müssen. So hat die Volksrepublik bereits ein eigenes Netzwerk von Wetter- und Kommunikationssatelliten im All installiert, teilweise in Kooperation mit anderen Ländern. Bis 2012 will China auch ein eigenes Navigationssystem „Beidou“ („Kompass“) in Betrieb nehmen, als Konkurrenz zum US-Ortungssystem GPS und Europas Galileo. Die ersten der insgesamt 35 Satelliten sind bereits im Weltraum.

Zwar rechtfertigt die Volksrepublik ihr ehrgeiziges Programm meist mit wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Argumenten. Doch dass militärische Absichten im Spiel sind, zeigte Peking im Januar 2007 durch den Abschuss eines eigenen Wettersatelliten – ein unmissverständliches Signal an Washington, dass China den Aufbau eines US-Raketenschutzschilds notfalls auch militärisch zu vehindern in der Lage wäre. Die Volksrepublik will das All zur waffenfreien Zone erklären.

Dabei macht Teng Jianqun, Direktor des chinesischen Verbandes für Waffenkontrolle und Abrüstung, keinen Hehl daraus, dass Peking sich für die Militarisierung des Weltraums wappnet. „Chinas Führung hat zwar von der Sowjetunion gelernt, dass man die Falle einer Rüstungswettlaufs vermeiden muss“, sagt er. „Aber wir haben auch gesehen, dass die USA nur die Starken respektieren und die Schwachen unterdrücken.“ Nach Einschätzung des taiwanesischen Militärexperten Yang Nien-dzu könnte die neue Weltraummission auch als Testlauf für die Installation von Armeesatelliten dienen. „Peking hat in der Trägerraketentechnik einen Durchbruch erzielt und kann jetzt sehr schwere Lasten ins All befördern, etwa auch Militärsatelliten.“, sagt Yang. „Wenn die drei Astronauten wieder sicher auf die Erde kommen, ist das ein Zeichen dafür, dass die chinesischen Wissenschaftler in der Navigationstechnologie ganz nah an der Spitze der Entwicklung sind.“ Nicht nur Taiwan, sondern auch die USA nehmen die Bedrohung ernst. Schon 2006 warnte ein Pentagonbericht, China habe von allen Ländern „das grösste Potential, mit den USA militärisch zu konkurrieren und zerstörerische Militärtechnologie zu entwickeln, die mit der Zeit die militärischen Vorteile der USA zunichte machen könnten.“ Pekings Wunsch, sich an der internationalen Raumstation ISS zu beteiligen, haben die Amerikaner mehrfach abgewiesen.

In der chinesischen Presse sind Spekulationen über den militärischen Nutzen der jüngsten Mission tabu. Stattdessen berichten die Medien, welchen wirtschaftlichen Nutzen das Land aus dem Raumfahrtprogramm zieht. Von Materialforschung über Landwirtschaft bis zu Medizin sollen alle Branchen neue Impulse bekommen. Für die Shanghaier „Stiftfabrik Nummer 1“ sind die Profite sogar schon in greifbare Nähe gerückt. Der Staatsbetrieb entwickelte den Kugelschreiber, mit dem die Astronauten im All ihre Notizen machen sollen. 10.000 Yuan (1000 Euro) habe das Unternehmen dem Weltraumzentrum für jeden Stift in Rechnung gestellt, sagte Marketingchef Li Jigou. Um die Mission zu feiern, werde man 2008 Stifte für einen Preis von 500 bis 600 Euro auf den Markt bringen – was wohl heißt, dass das Unternehmen nicht nur die Astronauten, sondern auch die Konsumenten übers Ohr haut. In Schreibwarenläden werden Stifte, die in den Sechzigern für amerikanische Astronauten entwickelt wurden, nämlich schon für 20 Euro verkauft.

Ein anderes Unternehmen, das sich von dem Allausflug ebenfalls einen Werbeeffekt versprochen hatte, wird aber wohl nicht davon profitieren: Sanlu, Hauptangeklagter im chinesischen Milchskandal, ist der offizielle Molkereipartner des chinesischen Weltraumzentrums.

ZEITLEISTE: Chinas langer Marsch ins All

1956: Verteidigungsministerium beginnt mit der Forschung an Raketentechnik.

1960: China schickt seine erste Rakete ins All, allerdings keine Eigenentwicklung, sondern eine russische R-2.

1966: Mao startet das bemannte Raumflugprogramm. 1973 wird es aus Kostengründen eingestellt.

1970: Chinas erster Satellit: “Dongfanghong 1” (Der Osten ist Rot 1)

1979: China nimmt Astronauten-Trainingsprogramms offiziell wieder auf.

1986: Als Reaktion auf das Star-Wars-Programm der USA erklärt Peking die Raumfahrt zur Schlüsselindustrie.

1995/1996: Zwei Raketen vom Typ “Langer Marsch“, die Telekommunikationssatelliten ins All bringen sollen, explodieren kurz nach dem Start.

1999: Erste unbemannte Raumkapsel vom Typ Shenzhou. Bis Ende 2001 testet China vier Shenzhou-Sonden.

2003: Chinas erster Astronaut, Yang Liwei, fliegt mit „Shenzhou 5“ für einen Tag ins All.

2005: Zweite bemannte Raummission: Die zweiköpfige Mannschaft von „Shenzhou 6“ führt fünf Tage lang Experimente im All durch.

2007: Mit „Chang’e 1“ schickt China erstmals eine Raumsonde zum Mond.

25. September 2008: Drei Astronauten starten mit „Shenzhou 7“ zu einer dreitägigen Mission, deren Höhepunkt Chinas erster Weltraumspaziergang sein soll.

2012 soll die unbemannte Raumfähre „Chang’e 2“ auf dem Mond landen.

2017 will China Mondproben auf die Erde holen.

2020 will China den ersten Menschen auf den Mond schicken und mit dem Aufbau einer eigenen Weltraumstation beginnen.

Bernhard Bartsch / Stuttgarter Zeitung, 26. September 2008

Bernhard Bartsch | 26. September 2008 um 18:08 Uhr

 

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