Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Doofe Dämonen

Kann man Geister ernst nehmen, die auf ihren eigenen Spuk hereinfallen?

Man soll sich nicht über den Glauben anderer Menschen lustig machen, ich weiß es ja selber. Aber kann man Geister ernst nehmen, die nicht um die Ecke gehen können? Oder Dämonen, die auf ihre eigenen Tricks hereinfallen?

Der chinesische Volksglaube ist bevölkert von furchterregenden Kreaturen, die den Menschen das Leben zur Hölle machen könnten – hätten sie nicht alle einen simplen Konstruktionsfehler, mit dem sie sich einfach in Schach halten lassen. Die diversen Hausgeister zum Beispiel: Um Familien ins Verderben zu stürzen, wie es nun einmal ihre Art ist, müssen sie zunächst ins Haus gelangen, und das fällt ihnen gar nicht so leicht. Manche Geister können nämlich die Füße nicht heben und damit auch nicht über Schwellen steigen. Andere können nicht um die Ecke gehen und scheitern an verwinkelten Gängen. Mit ein paar einfachen Baumaßnahmen wird also jedes Haus zum dämonenfreien Hochsicherheitstrakt.

Noch einen weiteren Defekt haben die chinesischen Geister: Sie sind für den Schrecken, den sie verbreiten, selbst sehr empfänglich. Hängt an einer Haustür ein Spiegel, in dem die Spukwesen ihr eigenes Gesicht erblicken, suchen sie schreiend das Weite.

Jene Geister, die schlau genug sind, den Blick in den Spiegel zu meiden, haben wiederum eine andere Schwäche: Sie lösen liebend gerne Labyrinthrätsel. Traditionell findet man deshalb an vielen chinesischen Häusern kleine Plättchen mit einem aufgemalten Irrgarten, in dessen Mitte dann besagter Spiegel hängt. Das hat noch jeden Dämon in die Flucht geschlagen.

Außerdem sind Geister leichtgläubig. Sie nehmen einem alles ab, was man ihnen erzählt. Deshalb lassen sich Neugeborene vor Unheil schützen, indem man ihnen Kosenamen gibt, bei denen Dämonen der Appetit vergeht, etwa Goudan – wörtlich: Hundeei – oder Shadan, zu Deutsch: dummes Ei. Man stelle sich das bildhaft vor: Ein Geist sieht ein leckeres Baby, steuert hungrig darauf zu – und schreckt dann im letzten Moment zurück, weil jemand den kleinen Braten „dummes Ei“ nennt. Ich bitte Sie!

Nicht nur in China nehmen jene höheren Wesen, die von frommen Menschen verehrt oder auch gefürchtet werden, seltsame Formen an. Religionen, an die man selbst nicht glaubt, können absurd erscheinen, doch auch sie widerspiegeln Vorstellungen davon, was die Welt im Innersten zusammen hält. Wie schön wäre es doch, wenn die Chinesen recht hätten und sich jedes Unheil abwenden ließe, indem man dem Schicksal den Spiegel vorhält!

Bernhard Bartsch | 19. Mai 2011 um 02:58 Uhr

 

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