Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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„Don’t save Private Ryan“

Wang Yuan, Fernsehstar und Chinas bekanntester Go-Experte, über traditionelle Listen, virtuelle Schlachten und strategisches Schwarz-Weiß-Denken.

Herr Wang, Sie sind in China ein Star, weil Sie im chinesischen Fernsehen regelmäßig vor einem Go-Brett über weiße und schwarze Steine sprechen. Warum schauen die Leute sich das an?

Weil es nicht um Spielsteine geht, sondern um eine höchst dramatische Handlung: Weiß und Schwarz gründen Reiche, kämpfen um Territorium, bauen Armeen auf, führen verbissene Schlachten, legen Hinterhalte, verwickeln den Gegner in Mehrfronten-Gefechte und durchkreuzen Pläne. Was kann es spannenderes geben?

Dabei sind die Regeln von Go äußerst simpel: Einzelne Steine werden nach einer handvoll einfacher Regeln verknüpft. Die daraus entstehende Struktur ist allerdings derart komplex, dass Go im Ruf steht, das komplizierteste Strategiespiel der Welt zu sein. Was macht eine gute Strategie aus?

Strategisches Denken ist eine Geisteshaltung, eine bestimmte Einstellung zur Welt und zum eigenen Handeln: Ein guter Stratege ist ständig damit beschäftigt, die Systeme, in die er eingebunden ist, zu verstehen, sich nach der jeweiligen Situation zu richten und geistesgegenwärtig zu handeln. Das Sprichwort „Sein Segel nach dem Wind setzen“ beschreibt es ganz gut.

Diese Redewendung hat aber eine ausgesprochen negative Bedeutung.

Leider. Denn der Mensch verwechselt Flexibilität häufig mit Passivität. Lieber würde er allen starken Stürmen trotzen oder am besten sogar selbst Wind machen können. Aber aus eigener Erfahrung wissen wir, dass die Wirklichkeit anders aussieht.

Es ist also viel dem Glück und Zufall überlassen?

Überhaupt nicht. Dass wir nicht alles kontrollieren können heißt noch lange nicht, dass die Dinge zufällig passieren. Deshalb ist die Basis jeder erfolgreichen Strategie ist nun mal eine realistische Selbsteinschätzung, Go ist absolut logisch aufgebaut, und trotzdem übersteigen die möglichen Kombinationen nicht nur die kognitiven Fähigkeiten des Menschen, sondern bisher auch die Rechenleistung der schnellsten Computer. Sowie die Menschheit bisher nur fünf Prozent dessen versteht, was in den Weltmeeren vor sich geht, so können auch die brillantesten Go-Meister nur sechs bis sieben Prozent dessen erfassen, was auf dem Brett passieren kann.

Go macht also bescheiden?

Bescheiden ja, aber nicht machtlos. Dass ich die Zukunft nicht haarklein vorhersagen kann, heißt noch lange nicht, dass ich keine Visionen entwickeln oder Ziele verfolgen könnte. Nur müssen sie zu den äußeren Umständen sowie unseren eigenen Fähigkeiten passen, und die ändern sich mit jedem Zug. Planen und umsetzen sind daher nicht getrennte Vorgänge, sondern ein integrierter und kreativer Prozess.

Kreativität, Geisteshaltung, Flexibilität – sprechen wir über angeborene Talente, oder kann man das lernen?

Und wie man das lernen kann. Es ist wie bei Musikern: Ohne Naturbegabung wird man es zwar nie ganz nach oben schaffen, aber 90 Prozent des musikalischen Könnens entstehen durch Willenskraft, Disziplin und Konzentration. Man muss kein Genie wie Mozart sein, um ein Instrument zu beherrschen und Freude an Musik zu haben.

In der Klavierstunde geht es allerdings zunächst um mechanische Fertigkeiten, die man ganz unabhängig von Musikalität erlernen kann. Aber wie wird man ein guter Stratege?

Indem man sein Hirn anstrengt. Natürlich muss man sein Handwerkszeug beherrschen. Gute Spieler können Dutzende Partien aus der Erinnerung nachlegen und die Strategien analysieren. Aber letztlich spielen Standardsituationen im Go eine untergeordnete Rolle. Wichtiger ist, dass man lernt, Probleme zu lösen. Wie im richtigen Leben führt man auch auf dem Brett gleichzeitig mehrere Gefechte, die getrennt aber nicht unabhängig von einander stattfinden. Man muss sich also abwechselnd voll auf ein Problem konzentrieren, und dann Abstand nehmen, um alles im Kontext zu sehen. Manchmal, wenn ein Problem unlösbar scheint, kann es Wunder wirken, es vorerst ruhen zu lassen und sich einem anderen Bereich zuzuwenden.

Das klingt überzeugend, aber nicht besonders originell.

Es hat ja auch keiner behauptet, dass gute Strategen Wunder vollbringen könnten. Aber sie können Erfahrung sammeln, ihre Analysefähigkeit schärfen und effiziente Problemlösungstechniken verinnerlichen. Dass dabei im Go die gleichen Denkmuster von Bedeutung sind wie in der Wirklichkeit, fasziniert mich ungeheuer. Ich frage mich bis heute, wie unsere Vorfahren vor Tausenden von Jahren auf ein Spiel von derart existentieller Weisheit gekommen sind.

Go ist also tief in der chinesischen Kultur verankert. Ist strategisches Denken in östlichen Zivilisationen etwa stärker angelegt als im Westen?

Westliche und östliche Denkweise sind nicht so gegensätzlich wie manchmal behauptet wird. Sie betrachten die gleiche Wirklichkeit, wenn auch aus unterschiedlichen Perspektiven. Nehmen wir einmal die Wissenschaft: Westliche Forscher sind äußerst analytisch und zerteilen die Welt in kleine Stücke, die sie dann in eindeutige kausale Zusammenhänge zu bringen versuchen. Die chinesische Weltanschauung ist dagegen viel ganzheitlicher. Ihre Ursache-Wirkungs-Ketten sind viel undeutlicher, aber sie hat ein größeres Bewusstsein dafür, wie alles mit allem zusammenhängt und jeder Eingriff in das System völlig ungeahnte Folgen haben kann.

Für Manager oder Investoren ist es allerdings eine höchst unbefriedigende Entscheidungsgrundlage, wenn man ihnen sagt: „Steckt Euer Geld ruhig vorne rein, aber was hinten rauskommt, weiß keiner so genau.“

Das Problem liegt in der falschen Erwartungshaltung. Bei Go-Kursen in den USA oder Europa erlebe ich immer wieder die gleiche Szene: Die Spieler brüten über ihrem nächsten Zug, und ich sage: „Du könntest das machen, oder dort spielen, oder auch so setzen.“ Damit sind sie jedoch nie zufrieden, sondern wollen immer, dass ich ihnen die beste Möglichkeiten zeige, am besten mit einer klaren Kosten-Nutzen-Analyse. Dabei kann ich ihnen nur sagen: „Ich weiß es jetzt auch noch nicht, wir müssen es einfach ausprobieren.“

Gute Strategen brauchen also auch ein gutes Stück Risikobereitschaft…

… und starke Nerven. Man darf sich nicht zu früh festlegen oder schnelle Entscheidungen erzwingen wollen. Die meisten Spiele entscheiden sich erst in der Endphase; dann zeigt sich, wer seine Stellungen geschickter aufgebaut hat.

Ganz ähnlich beschreibt der amerikanische Soziologe Eric Leifer die günstigsten Entscheidungsmuster beim Schach: Ein guter Spieler zeichnet sich nicht durch weit vorausberechnete Zugabfolgen aus, sondern vielmehr durch die Qualität seiner Einschätzungen und die Flexibilität seiner Taktik. Bei vielen Zügen ist offen, ob es sich um Angriffs- oder Verteidigungszüge handelt.

Natürlich ist auch Schach ein fantastisches Strategiespiel, aber es ist sehr von der westlichen Wissenschaftlichkeit durchdrungen und dadurch sehr spezialisiert. Im Go lassen sich offensives und defensives Spiel noch raffinierter ausbalancieren lässt. Einem mutigen Vorstoß in einer Ecke des Feldes steht in der Regel eine Verteidigungsstellung in einem anderen Bereich gegenüber. Im Schach entscheidet häufig ein einziger Fehler die ganze Partie, aber im Go kann sich eine Niederlage im Verlauf des Spiels sogar als Vorteil erweisen.

Sie würden Managern also raten, sich mit Go zu beschäftigen und die Techniken im Berufsleben anzuwenden?

Auf jeden Fall. Denn Go-Spieler stehen ebenso wie Unternehmensführer vor der Aufgabe, einzelne Elemente so zu kombinieren, dass das Ganze größer ist als die Summe seiner Teile. Am Anfang hat man nur kleine Einheiten. Aber wenn der richtige Mann auf dem richtigen Platz sitzt, und alle Positionen geschickt mit einander verknüpft werden, entstehen Armeen von ungeheurer Schlagkraft.

Ihre Armeemetapher weist aber auch darauf hin, dass im Go ebenso wie im echten Leben scharf geschossen wird.

Ja, am Ende zählt nur der Sieg, und ein guter Stratege muss daher in der Lage sein, harte Entscheidungen zu treffen. Wer erkennt, dass er in einem bestimmten Bereich nicht gewinnen kann, sollte nicht noch sein gutes Geld dem schlechten hinterherwerfen. Neulich habe ich den Film „Saving Private Ryan“ gesehen und dabei gedacht: So viel Aufwand, um einen einzigen Mann zu retten! Als Go-Spieler hätte ich Private Ryan schon lange geopfert.

So sehr das Go-Spiel ein Modell des wahren Lebens ist – Emotionen und Ethik fehlen also doch.

Man kann es auch umdrehen: Wenn Kriege so rational und sachlich geführt würden wie auf dem Go-Brett, wären sie nur halb so grausam und barbarisch. Und im ökonomischen Sinne stellt Go sogar eine geradezu ideale Welt dar: Auf dem Brett herrscht uneingeschränkter freier Wettbewerb.

ZUR PERSON
„Wang Yuan Acht Dan“ steht auf der Visitenkarte von Chinas bekanntestem Go-Experten. Denn für Profispieler gehört der Rang zum Namen wie für andere der Doktortitel. Mit Acht Dan hat Wang Yuan die zweithöchste Stufe in der Go-Welt erklommen. Seine Leidenschaft für das Strategiespiel entdeckte er in der Grundschule: Bei seinem älteren Bruder schaute er sich die Go-Regeln ab und war schon nach wenigen Partien unbezwingbar, woraufhin seine Eltern ihn zum Unterricht zu einem Universitätsprofessor schickten. Nach einer steilen Karriere als professioneller Spieler widmet sich der 43jährige heute der Aufbauarbeit: Er moderiert Fernsehsendungen, gestaltet die chinesische Fachzeitschrift „Go Welt“ und hält unermüdlich Seminare in aller Welt. Denn Wang ist überzeugt: „Go ist eine bedeutende Errungenschaf der menschlichen Kultur und gerade in Zeiten des Umbruchs nützliches Rüstzeug, um sich im alltäglichen Wettkampf zu behaupten.“

Erschienen in: McK Wissen „Strategie“

Bernhard Bartsch | 15. Januar 2004 um 12:22 Uhr

 

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