Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Döner mit Stäbchen

Iyad Mansour kam als 14-Jähriger aus Palästina nach Tokio. Von seinem Naturell können die Japaner manches abschauen.

Es gibt auf der Welt nicht viele Dönerbuden, in denen Essstäbchen auf den Tischen liegen. Die Globalisierung ist eben doch noch nicht so weit fortgeschritten, wie es immer heißt. „Eigentlich sind Stäbchen zum Kebabessen ziemlich praktisch“, sagt Iyad Mansour. „Ein richtiger Döner muss nämlich so dick sein, dass man ihn erst in den Mund kriegt, wenn man ein paar Fleischstücke herausgepickt hat.“ Und die Moral weiß er ohnehin auf seiner Seite. Denn wie sollte auf diesem zerstrittenen Planeten jemals Frieden herrschen, wenn ein Palästinenser nachts um zwei in einem Rotlichtviertel in der Tokioter Vorstadt auf dem kulturell korrekten Verzehr von gefüllten Teigtaschen bestünde?

Wären da nicht die Stäbchen, könnte sich das „Green Grass“ genauso gut in einem arabischen Land, in Europa oder Nordamerika befinden. Es ist ein Imbiss, in dem gut zwanzig Leute Platz hätten, wenn denn je so viele kämen. „Willkommen in Palästina – im Herzen des Gelobten Landes“, steht auf dem Poster an der Wand. Daneben hängen eine Palästinenserflagge und ein Arafat-Tuch, Bilder von fröhlichen Menschen in Ölbaum-Hainen, ein Kunstfoto von einem Bett am Strand und die Aufnahme von dem Mann, der sich in Peking auf dem Tiananmen-Platz vor die Panzer stellte.

In einer Ecke laufen die Nachrichten stumm über den Bildschirm – es sei denn, es gibt wieder Bilder von einem Attentat im Nahen Osten. Dann dreht Mansour den Ton auf und beginnt lauthals zu schimpfen: auf die Amerikaner und die Israelis, auf die Hamas und die Taliban, auf El Kaida und auf die Dänen mit ihren Mohammed-Karikaturen. „Wenn du uns Muslime ärgern willst, dann nimm unsere Frauen, aber den Propheten lass gefälligst in Ruhe“, echauffiert er sich in fließendem Japanisch. Seine Gäste schauen ihm zu, nicken still und nippen an ihrem Bier.

Mansour macht sich gerne Gedanken über die ganz großen Zusammenhänge. „Mein Leben ist ein Beispiel dafür, dass sich alles zum Guten wenden kann“, sagt der 35-Jährige. „Und wenn es auf der Welt nicht so viele Arschlöcher gäbe, könnte es allen Menschen so gehen.“ Deshalb soll sein „Green Grass“ auch mehr sein als bloß ein Lokal. Es soll ein Ort sein, an dem die Welt so funktioniert, wie man sich das wünschen würde. Das ist natürlich reichlich hoch gegriffen, aber wer wollte es Mansour übel nehmen – bei seiner Geschichte.

Geboren wurde er in Ramallah im Westjordanland. „Meine Familie ist arm wie alle Palästinenser“, erzählt Mansour. Ende der Achtziger lernte sein Vater Mitarbeiter einer japanischen Menschenrechtsgruppe kennen, die anboten, eines seiner Kinder zu adoptieren und mit nach Tokio zu nehmen. Die Eltern gaben ihnen Iyad mit, den ältesten ihrer elf Söhne. Er war gerade 14 Jahre alt geworden. „Die ersten drei Jahre habe ich jeden Tag geweint, weil ich alles so vermisst habe: meine Eltern, meine Familie, mein Land“, sagt Mansour. Trotzdem blieb ihm nichts anderes übrig, als sich in Japan anzupassen. Er wusste, dass es kein Zurück geben würde. Seine Familie erwartete von ihm, dass er erfolgreich sein würde – erfolgreich genug, um sie in Palästina zu unterstützen.

Nach vier Jahren sprach Mansour Japanisch wie ein Japaner, machte einen Schulabschluss und eine Ausbildung als Automechaniker. Danach begann er, als Kellner zu arbeiten in Restaurants, die ihre Kundschaft gerne von einem fließend Japanisch sprechenden Ausländer bedienen ließen. Durch die Arbeit lernte er einen entscheidenden Unterschied zwischen seinen alten und den neuen Landsleuten kennen. „Palästinenser sind arm, aber sie verstehen es trotzdem zu feiern“, sagt Mansour. „Die Japaner dagegen sind reich, aber sie arbeiten wie verrückt und haben wenig, was ihnen wirklich Freude macht.“

Aus dieser Erkenntnis ließ sich eine Geschäftsidee ableiten: Mansour begann, an Wochenenden Partys zu organisieren, bei denen es eher wie bei arabischen Hochzeiten zuging als bei erzwungener japanischer Kollegenfröhlichkeit. „Wenn man den Japanern etwas zeigt, was einfach nur Spaß macht, dann sind sie wirklich glücklich“, hat Mansour inzwischen herausgefunden. Vor neun Jahren eröffnete er außerdem das „Green Grass“ in Warabi, einer typischen Schlafstadt im Norden Tokios, wo die Pendler abends rund um die S-Bahn-Station von Spielhöllen, Karaoke-Bars oder den „Soapland“ genannten Bordellen in Versuchung geführt werden.

Mansour ist hier der bunte Vogel, der inmitten der japanischen Alltagsabgründe eine äußerst un- japanische Unterhaltung bietet. Denn seine Gäste kommen nicht nur wegen des Döners. Sie kommen vor allem seinetwegen und wegen seiner leidenschaftlichen Monologe über Gott und die Welt. Mansour weist minutiös die vermeintliche CIA-Verschwörung am 11. September 2001 nach und bekennt sich emphatisch zu einer Hamas-Mitgliedschaft, nur um diese im nächsten Moment mit dem gleichen Nachdruck zu widerrufen.

Er erzählt von seiner Familie in Ramallah, die fast vollständig von dem Geld lebt, das er zwei Mal im Monat aus Japan überweist und mit der er täglich per Videohandy spricht. „Zwei von meinen Brüdern sitzen in israelischen Gefängnissen“, sagt er. „Für die Israelis sind sie Terroristen, aber für mich sind sie Helden.“ Alle Gäste kennen auch die Geschichten von seiner japanischen Ehefrau, die sich für ihn zum Islam hat bekehren lassen und nun noch häufiger in die Moschee geht als er selbst. Oder die Anekdoten von seinen beiden Söhnen, die er „Palästinenser mit Schlitzaugen“ nennt, auch wenn sie noch nie in der Heimat ihres Vaters waren. So wie auch er seit seiner Adoption vor 21 Jahren nicht mehr dorthin zurückgekehrt ist.

So gleicht das „Green Grass“ dem Set einer realen Multi-Kulti-Dokusoap. „Kein Japaner könnte je so aus sich herausgehen, wie es für mich ganz natürlich ist“, sagt Mansour. Obwohl er inzwischen mehr als sein halbes Leben in Japan verbracht hat und sogar die japanische Staatsbürgerschaft besitzt, ist ihm die japanische Reserviertheit fremd: Er palavert, gestikuliert und umarmt, wie ihm gerade zumute ist. „Ich bin halt Araber, und mit uns gehen leicht die Pferde durch“, sagt Mansour. „Und siehe da: Die Japaner mögen mich trotzdem, und ich mag sie.“ Wenn das nur überall so einfach wäre, würde das mit dem Weltfrieden vielleicht doch noch etwas werden, sagt Mansour. Und stellt im selben Atemzug gleich fest, dass man dagegen eigentlich nicht viel einwenden kann. Zumindest in seiner Dönerbude widerspricht ihm sowieso niemand.

Bernhard Bartsch | 07. Juni 2010 um 07:32 Uhr

 

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