Bernhard Bartsch

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Dissidentin wider Willen

Die Frau von Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo wollte nie selbst im Rampenlicht stehen. Nun muss Liu Xia den Druck von Polizei und Öffentlichkeit aushalten.

Als es am späten Abend des 9. Dezember 2008 an der Wohnungstüre des Schriftstellerehepaars Liu Xiaobo und Liu Xia pochte, wussten beide, was kommen würde. Sie solle schnell einen Freund anrufen, bat Liu seine Frau, gab ihr sein Handy und schritt seiner Verhaftung entgegen. „Vergiss es“, rief Liu Xia ihm nach. Sie hatte noch nie in ihrem Leben ein Mobiltelefon benutzt.

Inzwischen ist die Frau des frisch gekürten Friedensnobelpreisträgers im Umgang mit moderner Technologie versiert. Per Twitter teilte Liu Xia der Welt mit, dass sie in Peking unter Hausarrest stehe, seitdem sie am Sonntag von einem Besuch bei ihrem Mann im Gefängnis in der nordostchinesischen Provinz Liaoning zurückgekommen sei. Ihr Handy dürfe sie nicht benutzen.

Zwar hat die Polizei gegen die 51-Jährige bisher keinerlei Vorwürfe erhoben, mit der sich die Freiheitsbeschränkung rechtfertigen ließe. Doch der Kommunistischen Partei, die Lius Ehrung als Angriff auf ihre Autorität sieht, ist es offenbar egal, dass ihr Umgang mit Lius Frau nur einen weiteren Beweis dafür liefert, dass die norwegischen Nobelpreisjuroren China nicht ohne Grund gravierende Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen haben.

Seit Liu Xiaobos Verhaftung muss seine Frau den Dissidenten in der Öffentlichkeit vertreten. Die stille Dichterin, Malerin und Fotografin hat sich stets geweigert, in die Aktivitäten ihres Mannes involviert zu werden.

Kennengelernt hat sich das Paar 1982 über die Liebe zur Literatur. Beide gehörten damals zum Zirkel junger Pekinger Intellektueller, die sich nach einer Jugend in der Maozeit begierig auf ausländische Werke stürzten und auf eine neue Ära kultureller Freiheit hofften. Die Träume endeten jäh am 4. Juni 1989 mit dem Blutbad auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Ein Paar wurden die beiden Lius erst in den Neunzigern und heirateten 1996, kurz bevor Liu Xiaobo zu drei Jahren Arbeitslager verurteilt wurde. Es war bereits der dritte Versuch des Systems, seine Bereitschaft zum intellektuellen Protest zu brechen.

Nach der Entlassung drängte Liu ihren Mann, nicht noch einmal auf Konfrontationskurs zu gehen. Sie glaubte nicht daran, dass ein Einzelner das System verändern könne und wollte lieber ein ruhiges Leben. Die politischen Essays ihres Mannes habe sie fast nie gelesen, gesteht sie unumwunden. Auch sein Manifest „Charta 08“ habe sie nicht unterzeichnet – nicht weil sie dagegen gewesen wäre, sondern weil sie sich einfach nicht für Politik interessiere.

Ihren Mann versuchte sie, von der Idee abzubringen. Er versprach, es nur unter eigenem Namen zu veröffentlichen − und sammelte dann doch Unterschriften, worauf die Partei ihn wegen „Aufrufs zum Umsturz der Staatsgewalt“ zu elf Jahren Haft verurteilte.
Liu Xia hat sich in die Rolle gefügt. Sie gibt an seiner Stelle Interviews, informiert die Weltöffentlichkeit über ihre monatlichen Besuche im Gefängnis und nahm Auszeichnungen entgegen. Auch den Nobelpreis will sie in seinem Namen in Empfang nehmen – wenn die Regierung sie denn im Dezember nach Oslo fahren lässt.

Der Druck hat Spuren hinterlassen, berichten Freunde. Liu Xia sei abgemagert und könne kaum noch schlafen. Seit fast zwei Jahren steht sie unter Überwachung. Ihr Mann ist sich bewusst, dass er mit seinem mutigen Engagement für Freiheit und Demokratie dem seelischen Frieden seiner Frau einen Bärendienst erwiesen hat. Als Liu Xiaobo im Dezember 2009 vor Gericht stand, erklärte er, dass er sich nur in einem Punkt schuldig fühle: seiner Frau gegenüber.

Bernhard Bartsch | 12. Oktober 2010 um 02:49 Uhr

 

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