Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

Diktator 3.0

Nordkoreas designierter Machthaber Kim Jong-un ist für das Ausland ein Phantom.

Sein Bild geht um die Welt, obwohl niemand sicher sein kann, dass es ihn tatsächlich zeigt: Kim Jong-un, der jüngste Sohn von Nordkoreas Diktator Kim Jong-il, gilt als designierter Nachfolger seines Vaters – und damit auch als Machterbe seines 1994 verstorbenen Großvaters Kim Il-sung. Doch für internationale Beobachter ist er ein Phantom. Alles, was über ihn bekannt ist, beruht mehr auf Gerüchten als auf gesicherten Erkenntnissen.

Kim juniors Geburtsjahr wird je nach Quelle mit 1982, 1983 oder 1984 angegeben. Seine Mutter soll Kims langjährige Gefährtin Ko Young-hee sein. Einen Großteil seiner Jugend verbrachte er offenbar in der Schweiz, wo er in der nordkoreanischen Botschaft lebte und unter dem Namen Pak Chol oder Pak Un die Internationale Schule Bern besuchte. Falls dies stimmt, müsste er über gute Englischkenntnisse sowie Deutsch- und Französischkenntnisse verfügen. Mitschüler sollen kolportiert haben, der Diktatorensohn liebe Basketball sowie Actionfilme und sei bei seinen Klassenkameraden beliebt gewesen. Einer von ihnen überließ der japanischen Zeitung „Yomiuri Shimbun“ ein Video, das Kim Jong-un 1998 bei einer Musikveranstaltung in der Schule zeigen soll. Darauf ist ein Teenager in einem dunklen Trainingsanzug zu sehen, der ein Tamburin schlägt.

Dass er seine Mitschüler um einen halben Kopf überragt, wertet die Zeitung als Zeichen dafür, dass sein Deutsch zu schlecht gewesen sei, so dass er in eine Klasse mit jüngeren Schülern eingestuft worden sei. Auf dem Video wirke er im Umgang mit seinen Klassenkameraden schlecht integriert, kommentierte die Zeitung. 1998 verließ Kim die Schule angeblich ohne Abschluss und verschwand in Nordkorea, wo bis auf Berichte über Inspektionsreisen mit seinem Vater lange nichts von ihm zu hören war. Im Mai 2009, unmittelbar nach Nordkoreas zweitem Atombombentest, soll das Regime seine Auslandsvertretungen über die Wahl des Machterben informiert und Vertretern des Parlaments sowie der Armee Treueschwüre abverlangt haben. Ob er innerhalb der Nomenklatura bereits eine Rolle spielt, ist unklar. Nach dem Untergang des südkoreanischen Kriegsschiffes Cheonan, das offenbar von einem nordkoreanischen Torpedo abgeschossen wurde, mutmaßte US-Verteidigungsminister Robert Gates, der Angriff könne auf den jungen Kim zurückgehen, der sich innerhalb der Armee Respekt zu verschaffen versuche.

Im September soll Kim Jong-un auch eine Sitzung geleitet haben, bei der Maßnahmen zur Behinderung des G-20-Gipfels im November in Südkorea besprochen worden sein sollen, wie der US-amerikanische Sender Radio Free Asia aus Kreisen nordkoreanischer Flüchtlinge erfahren haben will. Verschiedene südkoreanische Medien behaupten zu wissen, dass Kim Jong-un unter hohem Blutdruck und Diabetes leide, ein charismatisches und autoritäres Auftreten habe und die Grausamkeit seines Vaters geerbt habe.

Was daran wahr und falsch ist, wird wohl selbst dann unklar bleiben, wenn Kim Jong-un tatsächlich als künftiger Regent präsentiert wird. Denn die nordkoreanische Propaganda bemüht sich traditionell darum, jeden Herrscher mit einem Persönlichkeitskult auszustatten, der ihm übermenschliche Fähigkeiten zuschreibt. Zu den Herrscherweihen gehört auch ein offizieller Führertitel. Kim Il-sung ließ sich als „Großer Führer“ verehren, Kim Jong-il nennt sich „Geliebter Führer“. Was bleibt da für die dritte Generation? Da Nordkorea von der Weltgemeinschaft gerne als Atommacht ernst genommen werden will, wäre es womöglich Zeit für einen „Strahlenden Führer“.

Bernhard Bartsch | 27. September 2010 um 16:16 Uhr

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.