Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Wie die Zeiten sich ändern

The Times They Are a-Changin‘: Bob Dylan singt erstmals in China – nach einvernehmlicher Rücksprache mit den Zensoren.

Bob Dylans Stellenwert für die Musikgeschichte ist unbestritten, seine Position als gesellschaftsrevolutionäre Ikone dafür umso mehr. Wer schon immer enttäuscht war, dass Dylan in der Öffentlichkeit nicht die politische Rolle spielen wollte, die viele ihm gerne gegeben hätten, ist nun um eine Desillusionierung reicher: Der Barde trat erstmals in China auf und stimmte seine Liederliste brav mit den chinesischen Zensoren ab. Auf Hits mit sensiblen Texten, allen voran „The times they are a-changing“, verzichtete er. Die Selbstzensur war eine Enttäuschung für viele von Dylans chinesischen Fans, die vor allem aus den städtischen Intellektuellenkreisen kommen und derzeit betroffen die Inhaftierung des Künstlers und Regimekritikers Ai Weiwei verfolgen. Und nicht nur sie waren enttäuscht – weltweit fühlten sich Dylan-Fans wie vor den Kopf gestoßen.

Ein enger Freund Ais, der chinesische Rockstar Zuoxiao Zuzhou, den seine Anhänger als Bob Dylan Chinas bezeichnen, schrieb nach dem ersten Konzert in Peking in seinem Blog: „Die Aufführung war genau so, wie ich sie mir vorgestellt habe. Er sagte nicht Danke und bat nicht um Applaus, sondern gab den großen Dichter. Während des Konzerts bin ich viermal eingeschlafen. Ich war ein bisschen enttäuscht.“ Einige chinesische Dylan-Fans verziehen ihrem Idol allerdings – in der Hoffnung, dass durch seine beiden Auftritte auch seine kritischeren Titel Verbreitung finden würden. „Elvis Presley hat unsere Glieder befreit, Bob Dylan befreit aber unser Denken“, schrieb eine Anhängerin in einem Internetforum.

Dylan hatte schon vor einigen Jahren Pläne für Konzerte in China verfolgt. Damals war er aber offenbar nicht zu Kompromissen bereit. Warum er sich nun doch in seine Aufführung hineinreden ließ, erklärte der interviewscheue Musiker nicht. Die Eintrittskarten kosteten zwischen 280 und 1280 Yuan (umgerechnet etwa 30 bis 137 Euro) und waren damit nur für reiche Chinesen erschwinglich. VIP-Tickets wurden zum Preis von 1961,411 (etwa 210 Euro) Yuan verkauft – in Erinnerung an Dylans legendäres Konzert in New York am 11. April 1961. Die Auftritte waren jedoch nicht ausverkauft, und kurz vor Vorstellungsbeginn in Peking waren Restkarten zum halben Preis zu haben. Auf die Chinapremiere am Mittwoch folgte am Donnerstag ein Konzert in Schanghai. In chinesischen Medien waren die Konzerte der Musiklegende in den vergangenen Tagen ausgiebig zelebriert worden. Magazine widmeten Dylan lange Titelstrecken, Fernsehsender zeigten Dokumentationen und im Internet diskutierte die Netzgemeinde über die Bedeutung der Auftritte.

Auf dem chinesischen Mikroblog Fanfou gehörte das Konzert in Peking zu den drei meist debattierten Themen, zusammen mit dem Anstieg der Zinsen und des Ölpreises. Vielen Chinesen ist Bob Dylan aber nach wie vor fremd geblieben. Die Abendzeitung Xinmin illustrierte einen großen Artikel über Dylan mit einem Foto von Willie Nelson. Der Fehler wurde erst Tage später bemerkt.

Bernhard Bartsch | 07. April 2011 um 02:41 Uhr

 

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