Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Die Wutbürger von Wukan

Ein chinesisches Dorf probt den Volksaufstand gegen die korrupten Behörden – ein Zeichen von tief sitzender sozialer Unzufriedenheit.

„Alter Xue, leider warst du für Time zu spät.“ Kurznachrichten wie diese verbreiten sich im chinesischen Internetforen derzeit tausendfach – schneller als die Zensoren der Kommunistischen Partei sie entschlüsseln und löschen können. Dabei ist die Anspielung in ihren Augen hoch subversiv: Das amerikanische Nachrichtenmagazin Time hat am Donnerstag Demonstranten in aller Welt zur Person des Jahres 2011 gekürt – und der südchinesische Bauer Xue Jinbo wäre womöglich in die Galerie der berühmtesten Protest-Ikonen aufgenommen worden, wenn sein Tod vor Redaktionsschluss bekannt gewesen wäre. Der 42 Jahre alte Xue war einer der Anführer der größten Demonstrationen, die China seit Jahren erlebt. Und seitdem er am vergangenen Wochenende unter dubiosen Umständen im Polizeigewahrsam starb, eskalieren in seinem Heimatort Wukan die Ereignisse.

Seit Tagen riegeln Polizeimannschaften in Kampfmontur sämtliche Zufahrten in die südchinesische Kleinstadt ab, deren rund 20.000 Bürger seit drei Monaten im offenen Kampf mit den Behörden leben. Auch am Donnerstag demonstrierten erneut 8 000 Bewohner und schickten die Bilder ihres Aufstands per Mobiltelefon in die Welt. „Schützt euer Land“ steht auf ihren Transparenten, oder einfach „Korrupt“.

Was als lokaler Protest gegen Landenteignung und Vetternwirtschaft begann, hat sich zu einer landesweit ausstrahlenden Bewegung für „Demokratie“ und ein „Ende der Diktatur“ ausgewachsen – und es ist ein offener Angriff auf die Partei und ein Ausdruck tief sitzender sozialer Unzufriedenheit. Seit den Studentendemonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Frühjahr 1989 hat keine Demonstration mehr so offen die Systemfrage gestellt. Hunderte bezahlten sie damals mit ihrem Leben.

Begonnen hat der Volksaufstand in Wukan, als Ende September tausende Menschen das Büro des lokalen Parteisekretärs stürmten, der den Ort seit mehr als drei Jahrzehnten regierte. Die Revolte war sorgfältig vorbereitet und knüpfte an alte Traditionen an: Die Bürger kamen mit historischen Fahnen, ein Zeichen dafür, dass sie Ackerland zurückforderten, das ihnen seit Jahrhunderten gehörte.

Dessen Zwangsenteignung hatte der Parteisekretär seit den 90er-Jahren schrittweise vorangetrieben, um es an große Unternehmen für viel Geld als Bauland zu verkaufen. Die Provinz Guangdong ist eine der Boomregionen Chinas. Die Behörden der Kreisstadt Shanwei reagierten mit Härte und schickten Polizeihundertschaften, die Wukans Bewohner in ihre Häuser zurückzudrängen versuchten. Es kam zu Straßenschlachten, sechs Polizeiautos wurden angezündet und zehn Polizisten verletzt.

Aus Sorge vor einer Eskalation boten die Behörden schließlich den Bewohnern an, 13 Vertreter zu wählen, mit denen man über ihre Forderungen verhandeln werde. Zu dem Protestkomitee – genannt „Rexue tuan“, die „Gruppe der Heißblütigen“ – gehörte auch Xue Jinbo. Zwar machte die Regierung Zugeständnisse, suspendierte mehrere Funktionäre und kündigte eine Untersuchung der Landverkäufe an. Doch den Bauern war das nicht genug. Vergangene Woche brach erneut Gewalt aus.

In einer Überraschungsaktion nahmen Zivilbeamte fünf der „Heißblütigen“ fest, darunter auch Xue. Am Sonntag versuchten tausende Polizisten im Morgengrauen den Ort einzunehmen, doch die Bewohner schützten sich mit improvisierten Straßensperren. Einen Tag später wurde dann Xues Tod bekannt. Im Internet kursierten schnell Berichte von Verwandten, die an der Leiche Spuren von Folter entdeckt haben wollen. So sollen dem 42-Jährigen die Finger gebrochen worden und viele Körperstellen mit Blutergüssen bedeckt gewesen sein. Nach offiziellen Angaben soll Xue jedoch an Herzversagen gestorben sein. Eine Autopsie habe ergeben, dass die blauen Flecken entstanden seien, als die Polizisten Xue zu retten versuchten und ins Krankenhaus brachten, berichtet die Nachrichtenagentur Xinhua.

Zwar wollen die Sicherheitskräfte nach Angaben der Behörden weiter hart gegen die Aufständischen vorgehen und den Protest niederschlagen. Doch die Wukan-Revolte hat längst Ausmaße angenommen, die weit über die Ortsgrenze hinausgehen. Der Fall zeigt, wie schnell auch in China sozialer Unmut in offenen Protest umschlagen kann.

Im vergangenen Jahr zählten Soziologen etwa 180 000 sogenannte „Massenvorfälle“. Typische Auslöser sind Zwangsenteignungen, Arbeitskonflikte, Umweltverschmutzung oder Korruption. Die gesellschaftlichen Probleme liegen tiefer: Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst – und das, obwohl die Regierung seit Jahren versucht, die Unterschiede zu verringern. Während der Wohlstand in den Städten beständig und für alle sichtbar größer wird, hat sich der Lebensstandard der ärmeren Mehrheit der Bevölkerung kaum verbessert.

Angesichts der hohen Inflation von derzeit über sechs Prozent fühlen sich viele sogar schlechter gestellt. Gleichzeitig sorgt die grassierende Korruption für Missmut. Wo Bürger ihre Rechte einzufordern versuchen, werden sie häufig Opfer von Einschüchterung und Gewalt.

Dass die chinesische Internetgemeinde, welche die Ereignisse in ihrem Land oft kritischer verfolgt als die streng kontrollierten Staatsmedien, spöttische Parallelen zu den Protesthelden des Time-Magazines zieht, ist kein Zufall. Xue Jinbo könne ein chinesischer Mohammed Bouazizi werden, lautet eine häufige Anspielung auf den tunesischen Verkäufer, dessen Selbstverbrennung den arabischen Frühling auslöste. Die Parteiführung blickt seit nervös auf die Revolten im Nahen Osten und hat die Provinzregierungen wiederholt angewiesen, die ohnehin strengen Vorkehrungen zur Aufrechterhaltung der Stabilität noch weiter zu verschärfen.

Zu den verordneten Maßnahmen gehört unter anderem eine landesweite Propagandakampagne gegen vermeintliche Feinde aus dem In- und Ausland, deren Ziel es sei, China ins Chaos zu stürzen. Die Anweisung spiegelt sich auch in Äußerungen des Parteisekretärs der Kreisstadt Shanwei nieder, der Wukan untersteht. „Ausländische Kräfte haben in diesem Fall ein böses Spiel gespielt“, erklärte Zheng Yanxiong vergangene Woche auf einer Pressekonferenz. Ohne ihr Wirken hätten die Behörden den Konflikt längst gelöst.

Doch mit dieser Einschätzung sind die Parteikader zunehmend allein. „Es gibt in China viele Helden, die das Potenzial haben, zur Ikone einer Revolution zu werden“, sagte eine prominente chinesische Regimekritikerin, die angesichts der derzeitigen Repressalien ihren Namen nicht nennen will. „Das Unrecht in China ist so krass geworden, dass auch im Staatssystem viele das Gefühl haben, dass die Partei die Willkür gegenüber ihrem Volk zu weit getrieben hat.“

Bernhard Bartsch | 15. Dezember 2011 um 18:10 Uhr

 

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