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Die verheimlichte Katastrophe

Ein Ölteppich, halb so groß wie Schleswig-Holstein, treibt durchs Gelbe Meer. Unternehmen und Behörden verschwiegen den Unfall – bis das Öl die Küste erreichte.

„Penglai ist ein Ort für die Götter“, schwärmen die Chinesen von der ostchinesischen Küstenstadt in der Provinz Shandong. Sie rühmen ihr mildes Klima, das malerische Gelbe Meer und den frischen Fisch. Doch neuerdings haben Chinesen bei dem Namen Penglai eine andere Assoziation: „Wer in Penglai Meeresfrüchte brät, braucht kein Öl mehr in die Pfanne zu tun“, machte ein schwarzhumoriger chinesischer Blogger seinem Ärger über Chinas jüngste Umweltkatastrophe Luft. In dem Ölfeld Penglai 19-3 läuft seit sechs Wochen Öl ins Meer, ein Unfall, den die Betreiber und die Behörden so lange zu verschweigen versuchten, bis der schwarze Teppich nun die Strände erreichte. Der Ölteppich soll eine Größe von annähernd 8 000 Quadratkilometern haben, was in etwa der Hälfte der Fläche Schleswig-Holsteins entspricht.

Ereignet hat sich der Unfall auf zwei Bohrinseln der US-Firma ConocoPhillips China (COPC), die im Gelben Meer zusammen mit Chinas staatlichem Rohstoffkonzern China National Offshore Oil Corporation nach Öl bohrt. Wie genau es zu den Lecks kam, ist ebenso unklar, wie die Frage, wie viel Öl derzeit noch ausläuft. Nach Angaben der beiden Unternehmen sind die Lecks inzwischen gestopft. Chinesische Medien zitierten allerdings einen Vertreter der Staatlichen Ozeanverwaltung (SOA), demzufolge noch immer Öl austritt, jedoch soll es derzeit nur noch ein Liter pro Tag sein. Erst vergangene Woche hatte die Behörde einen Förderstopp auf den beiden Plattformen angeordnet.

Laut SOA wurde eine Fläche von 4 250 Quadratkilometern verschmutzt. Weitere 3 400 Quadratkilometer sollen in geringerem Maße verunreinigt sein. An einem Badestrand in der Provinz Hebei wurde inzwischen ein 300 Meter langer Ölteppich festgestellt. Auch in der Provinz Liaoning wurde Öl angeschwemmt. Zudem hat die Ölpest eine Algenplage ausgelöst. Nach Angaben der Zeitung „Nanfang Dushibao“ sollen rund um die Förderplattformen massenhaft Algen wachsen.

Im chinesischen Internet hat der Umgang mit der Katastrophe Entrüstung ausgelöst. In Blogs gab es schon Anfang Juni Hinweise auf den Unfall. Die staatlichen Medien hatten aber offenbar Anweisungen, nicht über das Thema zu berichten. Erst als sich die Auswirkungen nicht mehr verheimlichen ließen, erschienen Meldungen in der offiziellen Nachrichtenagentur Xinhua. Nun steht besonders die SOA in der Kritik. „Wir können uns nur wundern“, schrieb die Tageszeitung „Global Times“. „Ist die SOA eine ernstzunehmende Aufsichtsbehörde, die größere Zwischenfälle verhindern soll, oder die liebende Mutter, die übermäßig ihre eigenen Kinder schützt?“

Die Behörde versuchte, den Druck an die Firmen weiterzugeben. „COPC hat es nicht geschafft, die Situation vollständig unter Kontrolle zu bringen“, warf die SOA der Ölförderfirma vor. „Die Bemühungen, die Ursachen der Lecks zu finden und sie zu stopfen, waren langsam. Ein weiteres Leck kann jederzeit auftreten, was eine enorme Gefahr für die Bohai-Bucht darstellt.“

Niedrige Strafe

Umweltschützer kritisieren, der Fall sei symptomatisch dafür, wie Chinas Propagandabehörden mit Umweltkatastrophen umgehen. Auch Chinas Umweltgesetzgebung sieht in dem Fall nicht gut aus. Gerade einmal 22 000 Euro Strafe musste ConocoPhillips für den Unfall bezahlen. Eine höhere Buße sieht das chinesische Gesetz nicht vor. Die Strafe sei „minimal im Vergleich zu dem Schaden an der Umwelt“, kommentierte die englischsprachige Zeitung „China Daily“. „Es ist dieses hohe Maß an Toleranz und die nachsichtige Bestrafung, die es so schwer machen, den Kampf zum Schutz der Umwelt in China zu gewinnen.“ Inzwischen sorgt der Fall auch für diplomatische Verstimmungen mit dem Nachbarn Südkorea, dessen Fischer ebenfalls im Gelben Meer unterwegs sind.

Im Sommer vergangenen Jahres war es in der Bohai-See schon einmal zu einem Öl-Unfall gekommen, als nahe der Hafenstadt Dalian eine Pipeline platzte. Auch damals hatten die Behörden das Unglück lange zu verschweigen versucht. Greenpeace zufolge handelte es sich um den schlimmsten Ölunfall in der chinesischen Geschichte. Ob das aktuelle Unglück die Ausmaße übersteigen wird, ist bisher unklar.

Bernhard Bartsch | 20. Juli 2011 um 04:11 Uhr

 

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