Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Die verdrängte Katastrophe

Ein Jahr nach dem Dreifachunglück aus Erdbeben, Tsunami und Nuklearunfall sucht Japan nach einem Neuanfang. Trümmerschau in einem traumatisierten Land.

Sadami Namie kann es noch immer schwer begreifen, dass aus seinen Birnen nichts mehr werden soll. „Wenn man an den Bäumen ein Jahr lang nichts macht, dauert es natürlich eine Weile, bis sie wieder richtig in Schuss sind“, sagt der 82-Jährige. „Aber in ein, zwei Jahren bekämen wir das wieder hin.“ Der Gedanke an seine Obstplantage weckt Namies Lebensgeister. Als Erstes würde er die Äste nachschneiden, sagt er, und sich dann an das Unkraut machen. Nicht auszumalen, was jetzt zwischen den Bäumen alles wuchere. Und dann … Die Runde lacht. „Und dann?“, unterbricht einer der Männer Namies Redefluss. „Ich weiß es ja selbst“, gibt sich der alte Bauer geschlagen. „Wer will je wieder Birnen aus Fukushima essen?“

In dicken Jacken stehen die alten Herren an der Kreuzung der kleinen Containersiedlung, einer Notbehausung für Strahlenflüchtlinge aus der 20-Kilometer-Evakuierungszone um das Atomkraftwerk Fukushima. Eigentlich hatte jeder etwas vor, der eine wollte einkaufen, ein anderer den Sozialarbeiter abpassen und Namie seine leeren Flaschen wegbringen. Doch ausgehend von der höflichen Frage, was es Neues gebe, war es nicht weit bis zu ihrem großen Thema: Werden sie je zurückkehren können in ihre Heimat, die sie vor einem Jahr Hals über Kopf verlassen mussten? „Als wir hierherkamen, dachten wir, dass es nur für einige Monate sein würde“, sagt Namie. Wie die meisten habe er darauf vertraut, dass die Regierung und der Kraftwerkbetreiber Tepco der Situation gewachsen sein würden. „Heute wissen wir, dass das ein gewaltiger Irrtum war“, meint er. „Wahrscheinlich wird es noch sehr lange dauern, bis wir wissen, wie es mit uns weitergeht.“

Ein Jahr nach der Katastrophe vom 11. März 2011 fragen sich das in Japan nicht nur diejenigen, die unmittelbar Opfer des Dreifachdesasters aus Erdbeben, Tsunami und Nuklearkatastrophe geworden sind. Denn das Land kämpft nicht nur mit den Folgen gewaltiger Zerstörung, Tausenden menschlichen Tragödien und der radioaktiven Verstrahlung eines großen Landstrichs. Das Unglück hat die Japaner zu einer schmerzhaften Nabelschau gezwungen. Als sich vor einem Jahr das Ausmaß des Unglücks zeigte, herrschte trotz aller Verzweiflung auch Zuversicht, dass ihr System der Herausforderung gewachsen sei. Schließlich war Japan stets stolz darauf, dass es in seiner immer wieder von schweren Erdbeben geprägten Geschichte gelernt habe, mit den Naturgewalten umzugehen.

Doch Schritt für Schritt wurde offensichtlich, dass es diesmal anders sein würde. Die Kernschmelze in Fukushima überraschte den Kraftwerksbetreiber Tepco und die Regierung gleichermaßen. Statt Notfallpläne zu aktivieren, wurde improvisiert und vertuscht. Auch in den vom Tsunami getroffenen Küstenstädten waren die Rettungsdienste schlecht vorbereitet, viele Menschen mussten tagelang auf Hilfe warten. Und die Schockstarre war nicht nur vorübergehend, sondern mündete in ein langes Trauerspiel staatlicher Überforderung, das bis heute andauert: Viele Trümmer in den zerstörten Gebieten sind noch immer nicht beseitigt. Hunderttausende Menschen leben in Notunterkünften und warten auf Wiederaufbaupläne, von denen aber noch nichts zu sehen ist. Die Regierung in Tokio ist gelähmt durch politische Lagerkämpfe. Die Volkswirtschaft schrumpfte im vergangenen Jahr um 0,7 Prozent, und die Staatsschulden, die 2010 bereits bei 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts lagen, dürften bis Ende nächsten Jahres auf 227 Prozent klettern, so eine OECD-Schätzung.

„Seit dem Unglück zweifeln wir vieles an, was unserem Land bisher Zusammenhalt gegeben hat“, sagt die Ökonomin Noriko Hama, eine von Japans führenden Intellektuellen. „Unser Glauben an unsere Technologie, die Effektivität unseres Staatswesens und unsere Fähigkeit, Naturkatastrophen zu bewältigen – all das ist erschüttert.“ Wie soll es also weitergehen? Die Mehrheit scheint vor dem Desaster ihre Augen zu verschließen und einfach weitermachen zu wollen wie zuvor – ein kollektiver Verdrängungsmechanismus, der in Japan Tradition hat und von Medien und Politik unterstützt wird. „Die meisten Menschen geben sich optimistisch, obwohl sie tief in ihrem Innern wissen, dass diese Zuversicht nicht echt ist“, hat der Theaterregisseur Akira Takayama beobachtet, der in den Katastrophengebieten wochenlang Interviews führte, um der gesellschaftlichen Traumatisierung nachzuspüren. „Überall herrscht eine große Verunsicherung und unsere Kultur ist nicht gut darin, damit offen umzugehen.“ Das Beben hat nicht nur einen nuklearen GAU ausgelöst, sondern auch einen volkspsychologischen.

Das Epizentrum der großen nationalen Verunsicherung ist Fukushima. Einst war die Region bekannt für ihre heißen Quellen und ihr köstliches Obst. Noch heute hängen im Bahnhof der gleichnamigen Präfekturhauptstadt, 50 Kilometer vom Unglückskraftwerk entfernt, große Werbeplakate für Thermalbäder und lokale Spezialitäten, als sei es nur eine Frage kurzer Zeit, bis hier wieder Touristengruppen aus dem Zug steigen. Auf dem Bahnhofsvorplatz steht neben einem Fahrradständer eine Leuchtanzeige, die in großen roten Ziffern „1,283“ anzeigt. Das ist die aktuelle Strahlenbelastung: 1,283 Mikrosievert pro Stunde. „Vor einem Jahr hätte ich noch nicht gewusst, wofür diese Zahl steht“, sagt Nobuyuki Abe. „Heute weiß ich, dass dieser Wert dreißig Mal so hoch ist wie vor der Katastrophe.“

Der Mittvierziger steht hinter einem Tresen in einer von Fukushimas Shoppingmalls, vor sich eine Batterie Milchkartons, auf die er mit dickem schwarzem Stift die Strahlenwerte geschrieben hat, die er darin messen konnte. Auch in der Milch findet sich deutlich erhöhte Strahlung, wenn auch innerhalb der staatlich zugelassenen Höchstwerte. „Es ist wichtig, die Behörden wissen zu lassen, dass wir ihre Angaben und Messungen überprüfen, sonst sind wir verraten und verkauft“, sagt Abe. Er ist Mitbegründer der Initiative „Bürgerstation für Strahlenmessung“, einer von zahlreichen Anti-Atomkraft-Organisationen, die im vergangenen Jahr quasi aus dem Nichts entstanden sind.

An seinem Stand kann jeder kostenlos die Belastung seiner Lebensmittel messen oder sich selbst untersuchen lassen. Für umgerechnet fünf Euro bekommt man für drei Tage einen Geigerzähler ausgeliehen, um damit die Belastung des eigenen Grundstücks zu begutachten. Viele Menschen wüssten bis heute nicht genau, wie viel Strahlung sie eigentlich abbekommen haben, sagt Abe. „Die Regierung und Tepco behaupten einfach, dass für die Bevölkerung nie eine Gefahr bestanden habe, aber wer will das schon glauben?“

Früher hätte sich Abe nicht träumen lassen, dass er einmal in seiner Freizeit sozial und politisch aktiv werden würde. „Ich war immer sicher, dass es kein schöneres, sichereres und besser funktionierendes Land gibt als Japan“, sagt der Angestellte. „Aber seit Fukushima habe ich das Gefühl, dass man mir mein Land gestohlen hat und ich etwas dafür tun muss, um es mir zurückzuerobern.“ Viele Besucher hat sein Stand nicht, die Mehrheit der Kunden betrachtet ihn mit Scheu und geht schnell weiter. Abe kann sie verstehen: „Die Menschen wollen gerne so tun, als wäre nichts passiert, obwohl sie genau merken, dass etwas nicht stimmt.“

Einige Straßenzüge von der Shoppingmall entfernt hat die Initiative „Mütter für Fukushima“ Japans erstes Anti-AKW-Café eröffnet. Vorne sieht der Laden aus wie ein kleines Reformhaus. In hölzernen Kisten liegen Kartoffeln, Gemüse und Äpfel, die zweimal pro Woche aus anderen Landesteilen geliefert werden, garantiert organisch und unverstrahlt. Hinten stehen einige Tischchen und ein Regal mit Büchern, Broschüren und Zeitschriften. Tee gibt es umsonst. „Wir wollten einen Raum schaffen, wo Mütter über all die Sorgen sprechen können, die sie jetzt haben“, sagt Frau Toyama, die das Café zusammen mit zwei Freundinnen führt.

In der Öffentlichkeit seien offene Worte schwierig, denn bei der Mehrheit der Bewohner von Fukushima herrsche ein stiller Konsens, das unangenehme Thema nicht zu berühren. Eine der großen Fragen, welche die Frauen beschäftigt, ist die, ob man überhaupt noch in Fukushima leben sollte. Zwar ist das havarierte Kraftwerk nach Angaben von Tepco seit Dezember unter Kontrolle, doch welche Ausmaße die Verstrahlung von Grundwasser und Flüssen noch annehmen wird, ist unklar. Eine sorgfältige Dekontamination der Stadt hat es bisher nicht gegeben. An einigen Schulen und Sportplätzen wurde zwar inzwischen die obere Erdschicht abgetragen, aber die meisten Mütter lassen ihre Kinder nicht mehr draußen spielen.

Wegzuziehen ist dennoch keine leichte Entscheidung. „Wir sind hier geboren und aufgewachsen und wüssten gar nicht, wo wir hinsollten“, sagt Toyama. „Außerdem ist der soziale Druck hierzubleiben sehr groß.“ Denn wer Fukushima den Rücken kehre, laufe Gefahr, in seinem sozialen Umfeld als Verräter dazustehen.

Fukushimas Regierung will den Wegzug ihrer Bürger verhindern und hat andere Regionen des Landes gebeten, keine Umzugsanreize zu bieten, weil der Stadt sonst ihre fähigsten Bewohner verloren gingen. Toyama erzählt, sie habe trotzdem erwogen, in den Süden Japans zu ziehen, bis sich ihr 17-jähriger Sohn querstellte. „Er hatte Angst, dass er auf einen Schlag seine gesamten Freunde verlieren würde“, sagt die Cafébetreiberin. „Wenn wir gegangen wären, hätte das womöglich unsere Familie zerrissen, also sind auch wir geblieben.“

Obstbauer Namie hat seine Familie dagegen in den Süden Japans geschickt, um sie vor weiterer Strahlenbelastung zu schützen. „Nach dem Beben waren wir zunächst froh, dass unser Haus kaum beschädigt war“, erzählt er. Als sich später Nachrichten über eine mögliche Kernschmelze im nahen AKW verbreiteten, sei er mit der Familie seines Sohnes zu Verwandten gefahren, die 30 Kilometer entfernt wohnten. „Heute wissen wir, dass wir dort für die nächsten drei Tage direkt unter der radioaktiven Wolke waren“, sagt Namie. „Und wir wissen auch, dass die Regierung es die ganze Zeit wusste und trotzdem keine Warnungen ausgegeben hat. Dass unser Land, das die Atombombe erlebt hat, sein Volk noch einmal einer solchen Gefahr aussetzen würde, macht mich sprachlos.“

In seine Wut mischt sich Ohnmacht. Bisher hat Tepco den Strahlenflüchtlingen nur wenig Unterstützung ausgezahlt, eine Entschädigungslösung ist noch immer nicht in Sicht. Viele in der Containersiedlung leben von ihren Ersparnissen oder Sozialhilfe. Um Geld zu sparen, habe er sich auf die von Tepco finanzierte Notbehausung eingelassen, sagt er, doch seine Familie wolle er lieber in sicherer Entfernung wissen.

„Bei vielen Strahlenflüchtlingen liegen allmählich die Nerven blank“, sagt Herr Watanabe von Fukushimas Sozialamt bei seiner täglichen Tour durch die Siedlung. „In den ersten Monaten waren sie noch tapfer und optimistisch, aber die lange Ungewissheit setzt ihnen zu.“ Der Enddreißiger hat einen undankbaren Job: Für die Strahlenflüchtlinge ist er der einzige Regierungsvertreter, den sie regelmäßig zu Gesicht bekommen, und häufig bekommt er ihren Frust zu spüren. Dabei hat auch er keine Antworten auf ihre Fragen: Wie kommt die Dekontaminierung in der Evakuierungszone voran? Wann wird klar sein, welche Ortschaften wieder bewohnt werden können und welche für die nächsten Jahrzehnte abgesperrt bleiben? Wer ist für die Entschädigung der Opfer zuständig – die Regierung oder Tepco? Und wo sollen sie einmal leben?

„Die Menschen wollen endlich einen Neuanfang machen“, sagt Watanabe. „Aber bisher können wir leider nicht mehr tun, als mit dem Notwendigsten zu helfen und Sozialgeldanträge aufzunehmen, wenn einer keine Ersparnisse mehr hat.“

Für Shigeaki Koga sind derartige Probleme nicht nur ein Zeichen dafür, dass die Behörden überfordert sind, sondern Symptome eines tieferliegenden Problems: Japans staatliche Institutionen sind längst nicht mehr der effektive Apparat, der sie einmal waren, als sie das Land nach dem Zweiten Weltkrieg auf Wirtschaftswunderkurs steuerten. „Den Ruf nach einer Reform der Regierungsbürokratie hat es schon lange gegeben, aber erst jetzt merken wir, wie tragisch es ist, dass diese Reformen nicht stattgefunden haben“, sagt der 55-Jährige. Koga gehörte selbst drei Jahrzehnte lang zu den Trägern des Systems, und das ausgerechnet im Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie, in dessen Verantwortung der Ausbau der Atomkraft lag.

Die engen Beziehungen der Bürokraten zum Fukushima-Betreiber Tepco seien ein Hauptgrund dafür gewesen, dass es keine praktikablen Notfallpläne gegeben habe und der Regierung in der Krise entscheidende Informationen gefehlt hätten, sagt er. „Informationen, die Zweifel an der Kernenergie hätten schüren können, wurden jahrzehntelang verschwiegen“, weiß Koga, der schon vor der Katastrophe an einem Enthüllungsbuch arbeitete. Es ist jetzt ein Bestselle. In „Kollaps der japanischen Zentralverwaltung“ wirft er den Bürokraten vor, die seit langem geforderte politische Erneuerung zu verhindern. „Die jetzige Krise ist für unser Land wie ein Offenbarungseid“, sagt Koga. Große Hoffnung, dass nun Konsequenzen gezogen werden, hat er nicht.

Auch die japanischen Medien stehen in der Kritik. Statt die Politiker und Tepco zu mehr Offenheit zu zwingen, folgten sie deren beschwichtigenden Darstellungen. Selbst als immer offensichtlicher wurde, dass die Verantwortlichen der Bevölkerung wichtige Informationen vorenthalten, blieb die Berichterstattung weitgehend regierungsfreundlich. „Die großen Medienhäuser und die Regierung sind sehr eng miteinander verbandelt“, erklärt Hizumi Kazuo, ehemals Journalist einer großen Tageszeitung und Autor mehrerer Bücher über das japanische Mediensystem.

Auch Tepco habe sich rechtzeitig Einfluss bei den Verlagen gekauft. Der Energiekonzern ist einer ihrer größten Anzeigenkunden. Außerdem sei das Unternehmen dafür bekannt, pensionierten Journalisten aus dem Energiesektor hoch dotierte Beraterverträge zu geben. „Tepco hatte die Branche weitgehend in der Tasche“, sagt Hizumi. Lediglich Internetmedien und einige Nischenpublikationen hätten aggressiv recherchiert. Die großen Verlage oder Fernsehsender weigerten sich bis heute, etwa Berichte über die Missstände bei den Rettungseinsätzen zu veröffentlichen.

Die zweifelhafte Rolle der Medien ist nach Ansicht von Atomkraftgegnern Schuld daran, dass ihre Bewegung es schwer hat, eine große Öffentlichkeit zu bekommen. Zwar sprechen sich in Umfragen inzwischen mehr als Dreiviertel der Japaner gegen Kernenergie aus, aber zu Kundgebungen kamen selbst in den Wochen nach der Katastrophe kaum mehr als 10 000 Menschen. „Wenn wir im Fernsehen gesehen haben, wie viele Leute in Deutschland wegen Fukushima auf die Straße gegangen sind, haben wir uns schon gewundert“, sagt Junichi Sato von Greenpeace. „Japan hat eben keine Demonstrationskultur.“

Bezeichnenderweise haben sich so gut wie keine Prominenten als Atomkraftgegner geoutet. Die einzige nennenswerte Ausnahme ist der Schauspieler Taro Yamamoto. „Ich kann nicht schweigen, während der japanische Staatsterror der Kernkraft weitergeht“, schrieb er nach Fukushima per Twitter. Für sein Engagement hat Yamamoto allerdings einen hohen Preis bezahlt. Er musste nach 13 Jahren seine Agentur verlassen und sich aus einer populären Fernsehserie zurückziehen. Immerhin schafft es das Thema Atomkraft durch Yamamoto gelegentlich in die Klatschspalten. „Wenn wir jetzt die Atomkraftwerke wieder hochfahren, haben wir aus Fukushima nichts gelernt“, sagt der 36-Jährige. „Die Politik in unserem Land mag gelähmt sein, aber wir, die Bürger, können etwas ändern.“

Die Katastrophenopfer beschäftigen vorerst praktischere Sorgen. In der Hafenstadt Kesennuma, 200 Kilometer nordöstlich von Fukushima, diskutieren die Menschen, ab wann man die Vermissten für tot erklären soll. Der einst malerische Küstenort, der vor allem von Tourismus und Fischerei lebte, wurde vom Tsunami größtenteils zerstört. Mehr als tausend Menschen starben, über 300 gelten als vermisst. „Wir haben Scheu, jemanden für tot zu deklarieren, dessen Leiche nicht gefunden wurde“, sagt Rikio Murakami, der einst nahe dem Hafen ein Sushi-Restaurant betrieb. Heute türmen sich an der Stelle verrostete Autowracks. Die Trümmer der Häuser sind zu hohen Bergen aufgeschüttet, Dutzende Gebäude stehen noch immer von der Wassergewalt ineinander verkeilt. Boote liegen dazwischen.

Eines davon ist die über 50 Meter lange „Kyotokumaru 18“, einer der größten Fischtrawler des Ortes, dessen Bild vergangenes Jahr um die Welt ging, weil er vier Kilometer landeinwärts in einer Wohnsiedlung gelandet war. Vor einigen Monaten habe eine Bergungsfirma das Schiff inspiziert und festgestellt, dass nicht einmal Japans größter Kran es wegbewegen könne, erzählen die Leute. Also werde man es irgendwann kostspielig auseinanderschweißen müssen. „Wenn unsere Stadt mehr Geld hätte, wären die Aufräumarbeiten sicher schon weiter“ sagt Murakami. Es fehle auch an Expertise. „Unsere Beamten wurden ja eingestellt, um eine Stadt zu verwalten, nicht, um sie abzureißen und neuzubauen.“ Ein Plan für den Wiederaufbau sei noch nicht in Sicht.

Immerhin hat die Stadt kürzlich einige zusätzliche Wohncontainerreihen aufgestellt, in denen kleine Restaurants eröffnen konnten. Murakami serviert dort nun wieder Sushi, und das Geschäft läuft nicht einmal schlecht. „Die Leute kommen gerne“, erklärt er, „die neuen Restaurants sind ein Zeichen, dass es doch irgendwie weitergeht.“

Bernhard Bartsch | 11. März 2012 um 16:32 Uhr

 

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