Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

Die überforderte Weltmacht

Je tiefer Europa und die USA in die Krise rutschen, desto höher steigen die Erwartungen an China. Dabei ist auch dort die Wirtschaftswunderstimmung verflogen.

An den Meerjungfrauen wird nicht gespart. Es ist acht Uhr morgens, die wenigen Frühstücksgäste achten kaum auf die jungen Schwimmerinnen in den Nixenkostümen, die hinter der Scheibe des Aquariums zwischen Fischen und Korallen aufreizende Unterwassersaltos schlagen. Der dreißig Meter lange Fischtank bildet eine Wand des Restaurants – doch warum sollte das ein Hingucker sein in einem Hotel, in dem die Lobby ein goldener Rokokosaal von den Ausmaßen einer Messehalle ist, in dem jedes Bad einem gigantischen Kronleuchter Platz bietet und bereits die einfachen Zimmer nicht nur über einen, sondern gleich zwei private Whirlpools verfügen? 750 Suiten und 60 Konferenzsäle hat das Aoweixin-Hotel in der südchinesischen Kleinstadt Zhaoqing. Nur an einem fehlt es: an Gästen.

„Wenn wir gefragt werden, sollen wir sagen, dass unser Hotel eigentlich immer ausgebucht ist“, sagt Xu Shulan*, eine der Angestellten. „Dabei sieht doch jeder, dass hier außer ein paar vereinzelten Gruppen niemand herkommt.“ Xu ist Ende zwanzig und stammt aus einem Dorf in Westchina. Weil es dort keine Jobs gibt, kam sie vor einigen Jahren in die Provinz Guangdong, das Zentrum der chinesischen Exportindustrie. Erst arbeitete sie in einer Fabrik, doch der Fließbandstress machte sie krank, weshalb sie im Aoweixin-Hotel als Zimmermädchen anheuerte. Im Monat bekommt sie ein wenig mehr als 1000 Yuan (umgerechnet 114 Euro), etwa so viel, wie hier für die Gäste eine Übernachtung kostet, dazu Verpflegung und einen Schlafplatz im Mehrbettzimmer. Den größten Teil ihres Gehalts schickt Xu Shulan ihren Eltern. „Als ich nach Guangdong gekommen bin, hatte ich die Vorstellung, ich könnte etwas Geld sparen und dann eines Tages in meine Heimat zurückkehren, eine Familie gründen und ein kleines Geschäft aufmachen“, erzählt sie. „Aber an den Traum traue ich mich gar nicht mehr zu denken, dafür reicht mein Gehalt hinten und vorne nicht.“

Das ist China im Jahr 33 der nachmaoistischen Boom-Ära, die gemeinhin als chinesisches Wirtschaftswunder bezeichnet wird: einerseits überdimensionierte Luxus-Hotels und gewaltige Investitionen, getätigt in der Annahme, dass Chinas Reichtum bald nicht mehr nur in den großen Städten konzentriert ist, sondern bis in kleine Orte wie Zhaoqing durchsickern wird. Andererseits Angestellte, die trotz einer Vollzeitbeschäftigung in einem gehobenen Hotel nicht einmal davon zu träumen wagen, eine eigene Familie zu gründen. Überfluss und Existenzangst unter einem Dach, Optimismus und Pessimismus Tür an Tür – das soll ein Wunder sein?

Wohl kein Land ist derzeit mit größeren Erwartungen konfrontiert als die Volksrepublik. Dass der Wirtschaftsboom der vergangenen drei Jahrzehnte noch möglichst lange anhält, ist längst nicht mehr nur der Wunsch der Chinesen, sondern zunehmend auch die Hoffnung des Westens. Beim G20-Gipfel in Cannes wurde Präsident Hu Jintao hofiert als der Mann, der mehr als jeder andere darüber entscheidet, wie es mit der krisengeschüttelten Weltwirtschaft weitergeht. Europäer und Amerikaner buhlen gleichermaßen um Chinas riesige Devisenreserven, die sich auf rund als 3,2 Billionen Dollar belaufen. Chinas schnelles Wachstum ist zum Motor der globalen Konjunktur geworden. Ohne die chinesische Nachfrage sähe es für viele westliche Unternehmen, insbesondere auch deutsche Maschinenbauer und Automarken, finster aus. Industrielobbyisten beknien deshalb ihre Regierungen, bloß keine diplomatischen Streitigkeiten mit Peking zu provozieren, auch wenn sich damit in der Öffentlichkeit, der Chinas wachsender Einfluss nicht immer geheuer ist, womöglich punkten lässt.

Die hohen Erwartungen sagen womöglich mehr über die westliche Verzweiflung aus als über Pekings tatsächliche Macht. Denn Europäer und Amerikaner setzen ihre Hoffnung just in dem Moment auf China, in dem die Chinesen befürchten müssen, dass sich die goldenen Jahre dem Ende entgegen neigen. Lange, bevor sich der Wohlstand in die Mitte der Gesellschaft ausgebreitet hat.

Die Liste der Indizien, die Wirtschaftsplanern und Analysten Sorgen machen, ist lang: Das Wirtschaftswachstum kühlt sich derzeit ab und lag im dritten Quartal nur noch bei 9,1 Prozent. Für eine Industrienation wäre das zwar gigantisch, doch für ein in vielen Regionen noch immer unterentwickeltes Land wie China ist es das nur bedingt. Denn auch die ausländischen Investitionen und die Exporte nehmen nicht mehr so schnell zu wie früher.

Gemessen am Einkaufsmanagerindex ist die Auftragslage außerdem so schlecht wie zuletzt auf dem Höhepunkt der Finanzkrise im Februar 2009. Dafür steigt die Inflation und liegt derzeit bei 6,1 Prozent, weit über der von der Regierung eigentlich angestrebten Höchstmarke von vier Prozent.

Zwar ist noch keine dieser Statistiken schlimm genug, um einen Kollaps der chinesischen Wirtschaft vermuten zu lassen. Doch auch eine moderate Abkühlung könnte schon ausreichen, um in China eine kräftige Erkältung auszulösen. Denn das Land steht vor Problemen, die sich nur bewältigen lassen, wenn China noch einige Jahrzehnte im derzeitigen Tempo weiter wächst – von der Rettung der Welt ganz zu schweigen: Jahrzehnte ökologischen Raubbaus haben dramatische Umweltschäden hinterlassen, deren Folgekosten von Experten so hoch geschätzt werden, dass sie alles künftige Wirtschaftswachstum auffressen könnten. Durch die Ein-Kind-Politik vergreist die chinesische Gesellschaft schneller als jede andere, ein ausreichendes Renten- oder Sozialsystem gibt es nicht. Und die Kluft zwischen Arm und Reich wächst beständig, allen Pekinger Anstrengungen für eine gleichmäßigere Wohlstandsverteilung zum Trotz.

Das sind nicht nur statistische Probleme, sondern existenzielle. „Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, geht es uns heute natürlich schon besser“, sagt Xu Shulan, die Hotelangestellte. Damals, in den Achtzigerjahren, lebte ihre Familie in einer einfachen Lehmhütte. Heute steht an derselben Stelle ein zweistöckiges Ziegelhaus mit Fernseher und Kühlschrank, gebaut und ausgestattet von dem Geld, das Xu und andere Verwandte als Wanderarbeiter verdient haben. Auch die Ernährungssituation und Hygienestandards haben sich verbessert. Kinder, die heute in ihrem Dorf aufwachsen, gehen neun Jahre zur Schule, nicht nur vier wie Xu.

Doch der bescheidene Komfort ist schnell zur Gewohnheit geworden, und in den vergangenen Jahren ist Xus Situation nicht mehr noch besser geworden, sondern eher wieder schlechter. „Das Leben wird immer teurer, aber mein Gehalt bleibt gleich“, sagt sie. Als ihre Tante vor einigen Jahren Krebs bekam, da verschlang die Behandlung den größten Teil ihrer Ersparnisse, und auch beim nächsten Krankheitsfall in der Familie wird sie wieder zahlen müssen. „Ich arbeite jeden Tag zwölf Stunden, aber nichts verbessert sich.“

Dabei hat sie die Reformgewinner täglich vor Augen. Im Aoweixin-Hotel steigen größtenteils Gruppen von Behörden oder Unternehmen ab, die hier Konferenzen abhalten oder es sich einfach nur gut gehen lassen. Dass die gewaltige Anlage nur knapp belegt ist, scheint dem Besitzer, einem Geschäftsmann namens Liang Yaohui, wenig auszumachen. Sein Geld, so heißt es, macht er im Ölgeschäft, Genaueres ist über ihn nicht bekannt. Doch es kann als sicher gelten, dass er seinen Reichtum nicht ohne beste politische Kontakte erlangt hat. „Die Politik ist korrupt“, sagt Xu Shulan. „Sie sagt, dass sie dem Volke dienen will, aber in Wahrheit geht es nur ums Geld.“

Weil viele so denken, nehmen die sozialen Spannungen zu. Immer häufiger verbreiten sich im Internet Berichte von Protesten, bei denen frustrierte Chinesen gegen Beamte oder Fabrikmanager demonstrieren. Bisher bleiben sie lokal, doch in der Kommunistischen Partei wächst die Angst, dass es eines Tages einen Anlass geben könnte, der zu landesweiten Unruhen führen könnte. Mit einer Mischung aus Propaganda und Repressalien versucht sie die Stabilität zu wahren, doch das einzige wirksame Rezept, um das Volk langfristig zufriedenzustellen, ist nun einmal spürbar wachsender Wohlstand.

China-Euphoriker glauben, dass die Krise in Europa und Amerika für die Chinesen genau zur rechten Zeit kommt. Je mehr westliche Unternehmen unter Druck geraten, umso besser kann Peking seinen Devisenreichtum einsetzen, um lukrative Industrien und exklusives Know-how in die Volksrepublik zu locken.

Ökonomen beschwören allerdings ein anderes Szenario herauf: Studien der Weltbank und der Asiatischen Entwicklungsbank warnen davor, dass China dabei sei, in eine sogenannte „middle income trap“ zu geraten, eine „Falle der mittleren Einkommen“. Damit könnte China ein ähnliches Schicksal blühen wie beispielsweise Brasilien oder Argentinien, ehemaligen Boom-Staaten, denen in den Sechzigern und Siebzigern prophezeit wurde, sie könnten innerhalb von ein bis zwei Jahrzehnten mit dem Westen aufschließen. Doch dann ließ das Turbowachstum plötzlich nach – das Durchschnittseinkommen stagnierte bei etwa der Hälfte der Kaufkraft westlicher Industrieländer, die Inflationsraten stiegen, die Arbeitslosenzahlen ebenso. Schuld an dieser anhaltenden Rezession beider Länder waren also ähnliche Probleme wie die, vor denen China heute steht.

Im Aoweixin-Hotel von Zhaoqing gibt man sich jedenfalls alle Mühe, um nicht den Eindruck entstehen zu lassen, die Gäste hätten sich in eine Investitionsruine verirrt. Man verhält sich passend zum Ortsnamen, der übersetzt „Beginn von Freude und Fröhlichkeit“ bedeutet. Heerscharen von Gärtnern bearbeiten die Grünanlagen, künstliche Wasserfälle ergießen sich in die Seen, und die Frau an der Rezeption hält sich an die Anweisung ihres Chefs, zu behaupten, die Geschäfte liefen bestens. Nicht auszuschließen, dass das sogar stimmt und in dem Palast Unmengen schmutzigen Ölgeldes gewaschen werden. Vielleicht verdienen Xu Shulan oder die Meerjungfrauen im Aquarium laut Buchhaltung ja Gehälter, von denen auch sie gut leben könnten.

* Name von der Redaktion geändert

Bernhard Bartsch | 05. November 2011 um 08:03 Uhr

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.