Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Die Tyrannei der Unsensiblen

Die Uiguren-Aufstände zerstören Pekings Wunschbild einer „Harmonischen Gesellschaft“. Chinas Han-Mehrheit sieht Minderheiten als minderwertig.

Die Woche in Urumqi endete schlimmer, als sie begonnen hatte. Viele Moscheen, in denen die Uiguren gewöhnlich zum Freitagsgebet zusammenkommen, blieben diesmal geschlossen. Damit wollten die Behörden neue Proteste verhindern, nachdem am vergangenen Sonntag bei ethnischen Unruhen 156 Menschen getötet und 1080 verletzt worden waren. Die Botschaft war eindeutig: Chinas Regierung weist den Uiguren die Alleinschuld für den Gewaltausbruch zu und sucht die Ursachen in deren muslimischer Religion und Kultur. Für die Uiguren kommt die Schließung der Moscheen einer kollektiven Brandmarkung als Terroristen gleich, woran auch die Tatsache nichts ändert, dass im letzten Moment doch noch einige Gotteshäuser geöffnet wurden. Wer vor einer Woche, als beim Freitagsgebet die Gerüchte über die Misshandlung uigurischer Wanderarbeiter in Südchina die Runde machten, noch skeptisch war, kann nun kaum noch anders als zu glauben, dass die Uiguren von Chinas Han-Mehrheit nichts Gutes zu erwarten haben.

Kurz vor dem sechzigsten Gründungstag der Volksrepublik, den die Kommunistische Partei am 1. Oktober als großes Selbstlegitimationsspektakel inszenieren will, zerstören die Urumqi-Krawalle Pekings Illusion einer „Harmonischen Gesellschaft“. Kritiker haben der Ein-Partei-Diktatur noch nie zugetraut, über die richtigen Instrumente zur Lösung von Chinas gewaltigen Widersprüchen zu verfügen. Doch nun kann Peking die Spannungen auch vor dem eigenen Volk nicht mehr verbergen und muss mit einem Großaufgebot an Propaganda zu verhindern versuchen, dass der Funke von Urumqi auf andere Regionen überspringt. Der wichtigste Grund für die Unzufriedenheit der Uiguren – ihre wirtschaftliche Benachteiligung gegenüber den Han – muss dafür mit kulturellen Argumenten kaschiert werden. Mit ökonomischer Diskriminierung könnte sich schließlich ein Großteil der Chinesen identifizieren, während die ethnischen Minderheiten nur acht Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen.

Und Minderheit heißt in China immer auch Minderwertigkeit. Durch die Jahrtausende der chinesischen Geschichte haben die Han nie viel für die Völker außerhalb ihres Reichs der Mitte übrig gehabt. Jenseits der Großen Mauer gab es nur Barbaren. Einige von ihnen mussten den Kaisern Tribut zahlen, was die Han als „Geschenke“ interpretierten, mit denen der Rest der Welt ihrer kulturellen Überlegenheit huldigte – und woraus sie bis heute territoriale Machtansprüche ableiten, in Tibet ebenso wie in Xinjiang. Die Kommunisten verschärften diese Diktatur der Unsensibilität noch. Bis heute hat die Regierung kein Gespür dafür entwickelt, dass die Minoritäten ihre Traditionen nicht auf Folklore reduziert sehen möchten und warum sie sich unterdrückt und ausgebeutet fühlen.

Offiziell genießen die Minderheiten zwar weitgehende Autonomie wie Religionsfreiheit, Förderung ihrer Sprache und Ausnahmen von der Ein-Kind-Politik. Doch in der Realität müssen sie sich der han-chinesischen Leitkultur unterordnen. Mao ließ ihre Gebiete systematisch sinisieren. Hochchinesisch wurde in den Schulen zur Unterrichtssprache erhoben und Ehen zwischen den Völkern staatlich gefördert. Machten die Uiguren in Xinjiang vor sechzig Jahren noch 90 Prozent der Bevölkerung aus, so sind sie inzwischen weniger als die Hälfte. Einen „Schmelztiegel“ nennen das die einen; andere sprechen von „ethnischer Verdünnung“. Dass Peking den Uiguren nicht traut, zeigt sich auch daran, dass Verwaltung und Wirtschaft fest in der Hand der han sind. In öffentlichen Gebäuden weisen Schilder darauf hin, dass nur Chinesisch gesprochen werden darf. In Xinjiangs Öl- und Gasfeldern, den größten Chinas, werden bevorzugt han-chinesische Arbeiter eingesetzt, um mögliche Anschläge auf die wertvollen Ressourcen zu verhindern.

Seit den Anschlägen vom 11. September nutzt Peking die internationale Angst vor Terroristen, um ihre Politik in Xinjiang zu rechtfertigen. Vergangenes Jahr warnte die Regierung, islamische Terroristen planten Anschläge auf die Olympischen Spiele in Peking. In Xinjiang wurden mehrere angebliche Terrorzellen ausgehoben und dutzende Verdächtige verhaftet. Als Anstifter nannte Peking die Organisation „Islamische Bewegung Ost-Turkistans“, die Xinjiangs Unabhängigkeit fordert und auch von den USA als terroristische Vereinigung eingestuft wird. Zwar ist nicht auszuschließen, dass es unter den Uiguren Unzufriedene und Hoffnungslose gibt, die für radikalislamische Dschihad-Verführungen empfänglich sein könnten. Doch um die Glaubwürdigkeit von Pekings Erkenntnissen ist es schlecht bestellt. Die Regierung ist für Informationsmanipulationen berüchtigt. Das gilt auch für ihre offizielle Deutung der Krawalle der vergangenen Woche, die laut Präsident Hu Jintao von den „drei Kräften“ angezettelt wurden: religiösen Extremisten, Separatisten und Terroristen. Sollte Hu das wirklich glauben, wäre er dem gleichen Fluch der Unsensibilität erlegen, der schon viele Herrscher vor ihm plagte – und vor allem ihre Untertanen.

Bernhard Bartsch | 11. Juli 2009 um 03:53 Uhr

 

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