Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

RSS Home | Archiv | ImpressumKontakt

Die Rache der Verlierer

An chinesischen Schulen hat es in zwei Monaten sechs Amokläufe gegeben. Nun rätselt das Land, was hinter der plötzlichen Gewaltbereitschaft steckt.

Der Polizist will gesehen werden. Demonstrativ marschiert der Beamte in der blauen Uniform vor dem Xinyuanli-Kindergarten im Pekinger Stadtteil Chaoyang auf und ab. „Wir haben jetzt von morgens bis abends Polizeischutz“, erklärt eine Erzieherin den Eltern, die an diesem Abend vor dem Tor auf ihre Kinder warten. „Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen.“ Ein wenig Misstrauen liegt dennoch in der Luft. „Jeder schaut, wen man kennt und wen nicht“, gesteht eine Mutter. „Man kann sich gar nicht vorstellen, dass so etwas Schreckliches auch bei uns passieren könnte, aber Angst hat man natürlich trotzdem.“

Ähnliche Szenen spielen sich dieser Tage quer durch alle Provinzen ab. Denn das „Schreckliche“ hat sich in letzter Zeit allzu häufig ereignet: In weniger als zwei Monaten hat es an chinesischen Kindergärten und Schulen sechs Amokläufe gegeben. Mindestens 21 Kinder starben, mehr als hundert wurden verletzt. In allen Fällen verwendeten die Täter Messer, Küchenbeile oder Hämmer – Schusswaffen sind in China schwer erhältlich. Und in keinem Fall waren die Täter vorher auffällig geworden.

Die Vorfälle lösen bei vielen chinesischen Eltern Panik aus. Denn dass die Häufung der Amokläufe kein Zufall sein kann, ist zumindest in der öffentlichen Meinung unumstritten, auch wenn bisher noch niemand die Reihung so recht erklären kann. Begonnen hatte die verhängnisvolle Serie Ende März in der Provinz Fujian, als der 41-jährige Zheng Minsheng acht Kinder erstach und fünf weitere verletzte. Der ehemalige Arzt gab als Grund für seinen Amoklauf familiäre und berufliche Probleme an. Die jüngste Tragödie ereignete sich vergangenen Mittwoch in dem Dorf Linchang in der Provinz Shaanxi. Dort fiel der 48-jährige Wu Huanmin mit einem Küchenbeil in einem Kindergarten ein und tötete sieben Kinder und zwei Erwachsene. Elf weitere Kinder wurden verletzt. Anlass soll ein Streit mit der Kindergartenleiterin gewesen sein, die das Gebäude von Wu gemietet hatte, aber ausziehen wollte. Der Mörder ging nach der Tat nach Hause und beging Selbstmord.

Chinesische Medien sehen die Amokläufen als Zeichen für den psychologischen Stress, den der rapide gesellschaftliche, soziale und wirtschaftliche Wandel der Volksrepublik mit sich bringt. Der Soziologe Yu Jianrong von der Akademie für Sozialwissenschaften beschrieb den Tätertypus als „Verlierer“, die sich die Unschuldigsten und Schwächsten als Opfer aussuchten. Die Nachrichtenagentur Xinhua nannte sie „Psychopathen“, deren Ziel es sei, sich „an der Gesellschaft zu rächen“. Premier Wen Jiabao forderte in einem Fernsehinterview, nach den Wurzeln der Probleme zu suchen. „Zu diesen gehört sicher ein gewisses Maß an sozialen Spannungen“, erklärte der Regierungschef.

Die Erklärung ist naheliegend – und die Standardbegründung für alle Ereignisse, die nicht in das Bild der „harmonischen Gesellschaft“ passen, das die Regierung gern zeichnet. Das Repertoire an Mitteln, um auf soziale Spannungen zu reagieren, ist beschränkt. Häufig dient der Verweis auf den bedrohten sozialen Frieden als Rechtfertigung für ein rabiates Vorgehen der Sicherheits- und Propagandabehörden, sei es beim Militäraufmarsch in Tibet 2008 oder der Uiguren-Region Xinjiang 2009, sei es bei der Vertuschung des jüngsten Skandals um verseuchtes Milchpulver oder bei dem kürzlichen Eklat um verdorbene Impfstoffe.

Auch diesmal sind verschärfte Sicherheitsmaßnahmen Pekings bevorzugter Lösungsansatz. Als erste Reaktion ordneten die Sicherheitsbehörden und das Erziehungsministerium nach einer gemeinsamen Krisensitzung an, die Polizeipräsenz an Schulen und Kindergärten extrem zu verstärken. In Peking soll die Polizei zu Unterrichtsbeginn und -ende vor allen Kindergärten und Schulen patrouillieren. Ein Sprecher des Ministeriums für Öffentliche Sicherheit erklärte, Polizisten seien berechtigt, Attentäter zu erschießen. Viele Einrichtungen haben zusätzlich privates Wachpersonal angeheuert. Andere Städte kündigten an, dass sich Zivilbeamte unter die wartenden Eltern mischen würden. Im südchinesischen Dongguan sollenLehrerinnen Kampfsportunterricht bekommen und mehr männliche Lehrkräfte eingestellt werden.

Allerdings ist umstritten, wie effektiv diese Maßnahmen sein können. „China ist einfach zu groß, und es gibt zu viele Schulen“, sagt Zhuo Liangtuo von chinesischen Kriminalistikverband. „Es wird sehr schwer, die Schüler zu schützen.“ Auch die Medien werden streng eingeschränkt. Die Propagandabehörden ordneten an, die Berichterstattung zurückzufahren und sich eng an die Vorgaben der zentralen Nachrichtenagentur Xinhua zu halten. Befürworter einer zentralgesteuerten Presse sehen sich im Recht, denn sie sind überzeugt, dass es weniger Nachahmer gegeben hätte, wenn die Medien nicht groß über den ersten Fall berichtet hätten. Seit Anfang Mai sind keine Titelgeschichten zu dem Thema mehr erlaubt – was allerdings auch damit zu tun hat, dass die Regierung zum Auftakt der Weltausstellung in Schanghai keine negative Berichterstattung wünschte.

„Ich finde, die Medien sollten ihre Berichte gut kontrollieren und nicht allzu viel über die Methoden und psychischen Umstände der Mörder schreiben“, zitierte die Rechtszeitung den Direktor des Instituts für Kriminalpsychologie an der Universität für Politikwissenschaften und Recht, Duo Dahua. Zugleich müsse China aber auch über grundlegende soziale Probleme nachdenken. „Für diese Tragödie trägt unsere Gesellschaft die Verantwortung“, sagte Duo. Für viele Kommentatoren heißt das, China müsse offener mit gesellschaftlichen Problemen und den psychologischen Folgen umgehen.

„In China gibt es mehr als hundert Millionen Menschen mit psychischen Problemen“, sagt Deng Hong von der Akademie der Sozialwissenschaften, „doch nur ein Bruchteil von ihnen erhält professionelle Hilfe.“ Nach einer 2009 in der britischen Fachzeitschrift Lancet veröffentlichten Untersuchung, die auf 63 000 Befragungen in vier Provinzen beruht, werden in China nur geschätzte fünf Prozent der Menschen mit psychischen Problemen behandelt. Rund ein Viertel der psychischen Störungen ist der Studie zufolge auf sozialen oder wirtschaftlichen Druck zurückzuführen.

Bernhard Bartsch | 17. Mai 2010 um 14:44 Uhr

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.