Bernhard Bartsch

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Die Pekingoper und ihre verlorene Seele

Der Pekingoperndarsteller Mei Lanfang war Chinas erster Weltstar. Fünf Jahrzehnte nach seinem Tod löst die Verfilmung seines Lebens, die auch auf der Berlinale laufen wird, eine kulturelle Selbstsuche aus.

Am 16. Februar 1930 erlebten die Zuschauer im New Yorker Thirty-ninth-Street-Theater einen Auftritt, der selbst in der weltläufigen Kulturmetropole die Grenzen des Vorstellbaren sprengte: Der Pekingoperndarsteller Mei Lanfang führte ein chinesisches Volksmärchen auf: vor leerer Bühne, mit bunt geschminktem Gesicht und prachtvollen Gewändern, mit durchdringendem Falsettgesang und atemberaubender Akrobatik.

Das Publikum tobte, die Kritik schlug Saltos und das große Nationaltheater räumte für Mei kurzerhand den Spielplan der nächsten drei Wochen frei. Zu seinen Bewunderern zählten dabei Hollywoodikonen wie Charly Chaplin und Douglas Fairbanks, aber auch der Dramatiker Bertolt Brecht, dem Meis Schauspielkunst als Inspiration für sein Verfremdungstheater diente.

Sieben Jahrzehnte nach Meis Erfolgen und 47 Jahre nach seinem Tod hat der Regisseur Chen Kaige das Leben von Chinas erstem Weltstar verfilmt – und damit in der Volksrepublik eine Diskussion darüber ausgelöst, was aus der Pekingoper geworden ist. Denn die Kunst, die einst international Begeisterungsstürme auslöste, ist heute nur ein Schatten ihrer selbst. Aufgeführt wird sie zwar noch, doch Chen Kaiges Film, der auf Deutsch „Für immer verzaubert“ heißen wird, führt den Chinesen vor Augen, wie lebhaft die Pekingopernkultur einmal war und wie sehr sie durch kommunistischen Bildersturm, Verwestlichung und Kommerzialisierung zur Nationalfolklore erstarrt ist.

So monieren chinesische Zeitungen, dass die Zahl der Pekingoperndarsteller mittlerweile so klein sei, dass der Regisseur Chen Kaige keinen geeigneten Hauptdarsteller finden konnte, weshalb er sich des Hongkonger Leinwand-Sunnyboys Leon Lai bediente, der keinerlei Pekingopernausbildung hat. Dabei begann das Training früher schon im Kindesalter. Mei Lanfang, 1894 in eine Schauspielerfamilie geboren, die vor den Kaisern auftrat, stand schon mit elf Jahren auf der Bühne – als Spezialist für Frauenrollen.

Schauspielerinnen waren am Hof nicht erlaubt. Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs 1911 begann Mei in Schanghai aufzutreten und wurde als „Mann, der weiblicher ist als jede Frau“ zum Star. Er gründete seine eigene Truppe und ging als erster Darsteller international auf Tournee. Als im Zweiten Weltkrieg die Japaner große Teile Chinas besetzten, schlug er sich auf die Seite der Kommunisten und stand mit auf dem Tor des Himmlischen Friedens, als Mao Tse-tung dort die Volksrepublik ausrief. Doch der Kommunismus sollte seiner Kunst zum Verhängnis werden. Kurz nach seinem Tod im Jahr 1961 brach die Kulturrevolution aus, und die roten Garden brandmarkten seine Familie als Rechtsabweichler. Meis Witwe wurde der Kopf geschoren. Alle Pekingopern wurden verboten und durch ein kleines Repertoire an Modellopern ersetzt.

„Die Pekingoper hat ihre Seele verloren“, sagt heute Meis Urenkel Mei Wei, „sonst könnte sie es mit jeder Fernsehunterhaltungssendung aufnehmen.“ Auch der Regisseur Chen Kaige, der mit Meis Kindern aufwuchs, fürchtet, dass es für eine Erneuerung zu spät sei: „Diese hohe Kunstform gerät in Vergessenheit.“ Doch Chen ist für seinen Pessimismus bekannt – und seine eigene Karriere zeigt, dass die Pekingoper auch heute noch begeistern kann. 1993 gewann er mit seinem im Opernmilieu spielenden Drama „Lebewohl, meine Konkubine“ die Goldene Palme in Cannes, und sein Film über Mei Lanfang läuft 2009 im Wettbewerb der Berlinale. In China ist „Für immer verzaubert“ schon jetzt ein Kassenschlager. Einige Kinos haben den Film bereits in größere Säle verlegt.

Bernhard Bartsch / Stuttgarter Zeitung, 31. Dezember 2008

Bernhard Bartsch | 31. Dezember 2008 um 02:52 Uhr

 

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