Bernhard Bartsch

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Die Partei baut an

Chinas reichster Mann, Baumaschinenunternehmer Liang Wengen, soll Mitglied im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei werden.

„Reichtum ist glorreich“, ermutigte Chinas Reformpatriarch Deng Xiaoping einst seine Landsleute, ihre sozialistischen Glaubenssätze aufzugeben und ungeniert nach materiellem Wohlstand zu streben. Drei Jahrzehnte später nimmt die Kommunistische Partei nun erstmals einen Musterkapitalisten in den inneren Machtzirkel auf: Der Baumaschinenmagnat Liang Wengen, der als Chinas reichster Mann gilt, soll beim Parteikongress im Oktober 2012 Mitglied im Zentralkomitee werden. Das Gremium vereint die 300 mächtigsten Politiker des Landes. Als sogenanntes „Ersatzmitglied“ wird Liang aber kein Stimmrecht haben. Gleichzeitig soll der 55-Jährige auch Vizegouverneur seiner Heimatprovinz Hunan werden.

Offiziell bestätigt ist Liangs Berufung noch nicht, doch dass chinesische Staatsmedien bereits über die Personalie berichten, lässt es als sicher gelten, dass die Entscheidung gefallen ist. Mit der Berufung will die Partei offenbar demonstrieren, dass sie alle Gesellschaftsschichten vereint. Liangs Vermögen wird vom US-Wirtschaftsmagazin „Forbes“ auf umgerechnet 6,9 Milliarden Euro geschätzt. Chinesischen Medienberichten zufolge fährt er einen Maybach und gehört zu den wenigen Chinesen, die das Privileg genießen, sich im Helikopter transportieren zu lassen.

Liang gilt als typischer Selfmademan. Als Kind armer Bergbauern im zentralchinesischen Hunan verdiente er in seiner Jugend Geld mit selbst geflochtenen Körben. Später fand er einen Job in der lokalen Verwaltung. 1987 machte er sich selbstständig und begann, in einer alten Militärfabrik Schweißgeräte herzustellen. Aus den bescheidenen Anfängen wurde Sany Heavy Industries, der größte Baumaschinenhersteller des Landes, mit rund 50 000 Mitarbeitern. Ein großer Teil der Bagger, Kräne und Betonpumpen auf Chinas Tausenden von Baustellen stammt von Sany. Das Unternehmen verzeichnet jährlich Umsatzsteigerungen von rund einem Drittel und ist auch in Ländern wie den USA, Japan, Indien und Brasilien aktiv. In Bedburg bei Köln baut das Unternehmen derzeit für 100 Millionen Euro eine Europazentrale. So stark Liang ins Ausland drängt, so sehr gilt er als einflussreicher Lobbyist, wenn es darum geht, den chinesischen Baumarkt gegen ausländische Konkurrenz abzuschirmen. Derartige Abschottungsmaßnahmen sind eines der größten Konfliktthemen zwischen China und anderen Ländern.

In die KP trat Liang 2004 ein, drei Jahre, nachdem die Partei sich für Privatunternehmer geöffnet hatte. De facto sind alle großen Konzerne aufs Engste mit der Partei verbunden, viele werden direkt von Angehörigen mächtiger Funktionäre kontrolliert. Schon in den frühen Reformjahren ließ Deng von dem Unternehmer Rong Yiren, der vor Gründung der Volksrepublik (1949) Textilfabriken betrieben hatte, den Bankensektor reformieren, woraufhin dessen Sohn als Chef des staatlichen Finanzkonglomerats CITIC jahrelang die Liste der reichsten Chinesen anführte. Obwohl Veröffentlichungen über die Familien von Spitzenkadern verboten sind, ist es ein offenes Geheimnis, dass viele Zentralkomiteemitglieder ihren Einfluss nutzen, um die Geschäftsaktivitäten ihrer Verwandten politisch abzusichern.

In chinesischen Internetforen wird die Berufung kontrovers diskutiert. Einige sehen darin ein Signal, dass die Partei die Position von privaten Unternehmen stärken wolle. Andere sind genau gegenteiliger Meinung und fürchten, dass die Partei die Privatwirtschaft künftig wieder strenger zu kontrollieren beabsichtigt. In den vergangenen Jahren hat der Staat viele Wirtschaftsbereiche verstärkt unter seine Kontrolle gebracht. So oder so fließt weiterhin viel Wohlstand in private Hände. In den vergangenen zwei Jahren hat sich die Anzahl der Dollarmilliardäre auf 271 verdoppelt, schätzt das chinesische „Hurun-Magazin“. 960 000 Menschen sollen mehr als zehn Millionen Yuan (1,1 Millionen Euro) besitzen.

Bernhard Bartsch | 28. September 2011 um 04:10 Uhr

 

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