Bernhard Bartsch

TAGEBUCH EINES ASIENKORRESPONDENTEN

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Die Netzmächtigen

Asiens Bloggerszene diskutiert in Hongkong über Strategien gegen Autokraten.

Thet Htoo sieht nicht aus wie ein Mann mit Macht. Er ist Ende zwanzig, Computerfreak mit langen Haaren und verwaschenen Jeans, der lieber auf den Bildschirm seines Notebooks schaut als seinem Gegenüber in die Augen. Doch mehr als einen Rechner braucht es nicht, um mächtig zu sein. Thet Htoo ist Mitbegründer der Bloggervereinigung Burmas – und damit für Ranguns Militärherrscher ein gefährliches Element. „Unsere Aktivitäten werden sehr streng überwacht,und einige von uns wurden als Aktivisten verhaftet“, erzählt Thet Htoo. „Aber die Entwicklung des Internets lässt sich nicht aufhalten und auch nicht die Verbreitung von Informationen.“

Wie in Burma gilt das Internet auch in anderen Diktaturen und Autokratien als Medium, mit dem das Volk eines Tages die Herrschaft erobern könnte. Auch in Demokratien revolutioniert es das Verhältnis zwischen Wählern und Gewählten. Weil die damit verbundenen Hoffnungen und Herausforderungen viele Länder Asiens vereinen, hat sich die Bloggerszene der Region nun erstmals auch offline getroffen. Am Wochenende diskutierten die Netzmächtigen aus über 20 Ländern beim „Blogfest.Asia“ in Hongkong, wie sich die virtuelle Welt nutzen lässt, um die wirkliche zu verbessern. „Ich blogge, also bin ich“, lautet ihr Motto.

Die Descartes-Abwandlung ist treffend: Das Internet verhilft in Asien vielen Interessengruppen erst zu ihrer Existenz. „Das Internet sollte nicht nur ein Ort sein, an dem man seine Gedanken verbreiten kann, sondern auch ein Forum, um sich zu organisieren“, sagt Isaac Mao, einer der Anführer der wirkmächtigen chinesischen Blogger-Guerilla. Erst in den letzten Tagen brachte das Internet ans Tageslicht, dass im Krankenhaus der Peking-Universität, einem der führenden des Landes, reihenweise Studenten als vollbefugte Ärzte arbeiten – mit teils fatalen Folgen für die Patienten. „Blogger sind wie soziale Neuronen: Jeder einzelne kann nur wenig ausrichten, aber gemeinsam sind wir mächtig“, meint Mao. „Wenn im Internet eine Lawine entsteht, weil sich viele Menschen für etwas interessieren, lässt sich das nicht stoppen.“

Der Austausch zwischen den Bloggern ist rege: Ein Vietnamese erkundigt sich, wie man Zensur im Internet am besten umgehen kann. Ein Malaie berichtet, wie seine Regierung kritische Online-Autoren mit Klagen zu ruinieren versucht. „Es ist wichtig, dass die Blogger dann Unterstützung organisieren“, sagt er. Tonyo Cruz aus den Philippinen erklärt, wie Manilas Internetgemeinde im September nach dem Taifun „Ondoy“ Rettungsaktionen organisierte, mit denen die Behörden überfordert waren. „Da wurde vielen Menschen klar, inwas für einem desolaten Zustand unsere Regierung ist“, erklärt Cruz.

Doch nicht alle sind gekommen, um zum Angriff auf ihre Regierungen zu blasen. Viele treibt der Aufbau der nächsten Stufe der globalen Wissensgesellschaft an. „Es gibt im Netz interessante Debatten, die in den traditionellen Medien nicht stattfinden“, sagt Rebecca MacKinnon. Die Ex- Journalistin des Senders CNN forscht über das asiatische Internet und ist eine der Initiatorinnen des Forums Global Voices Online, das Internetdebatten aus aller Welt zu bündeln versucht. 400 Freiwillige übersetzen Einträge in über 20 Sprachen – die Vision ist eine globale Zeitung im Internet, die von Lesern produziert wird wie das Onlinelexikon Wikipedia. „Wir wollen vor allem Sprachen, in denen nur wenig veröffentlicht wird“, sagt Übersetzungs-Koordinator Leonard Chan aus Taiwan. Denn das Informationsangebot in Burmesisch, Bengalisch, Farsi oder Mongolisch sei viel kleiner als in Englisch oder Chinesisch. „Einige glauben, dass Englisch mit dem Internet endgültig Weltsprache wird – vielleicht passiert auch das Gegenteil“, sagt Chan.

Noch andere Ziele haben die Vertreter der philippinischen Insel Mindanao, die wegen der langjährigen Kämpfe zwischen Armee und Muslim-Rebellen regelmäßig Schlagzeilen macht. „Wer aus Mindanao kommt, steht schnell unter Terrorismusverdacht“, sagt Oliver Robillo, genannt Blogie. Dass auch das Internet dieses Problem nicht löst, merkte er, als er eine Googlesuche zu Mindanao startete und seitenweise Schreckensmeldungen erhielt. „Erst bei den hinteren Suchergebnissen konnte man erfahren, dass es bei uns auch anderes gibt, etwa atemberaubende Landschaften, seltene Orchideen und den größten Adler der Welt.“ Deshalb gründete er die Bloggervereinigung Mindanaos,die das Image ihrer Heimat verbessern will. „Wer heute Mindanao googelt, bekommt ein bunteres Bild“, sagt er zufrieden.

Bernhard Bartsch | 08. November 2009 um 10:09 Uhr

 

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